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Florian Warwegs Analyse des Auftritts von Joachim Gauck bei Markus Lanz, die neulich sowohl in der Berliner Zeitung als auch in der Ostdeutschen Allgemeinen zu lesen war, ist deshalb bemerkenswert, weil sie weit über die Bewertung einer einzelnen Fernsehsendung hinausweist. Sie legt eine Spannung offen, die unsere politische Gegenwart zunehmend prägt: die wachsende Distanz zwischen einer Sprache, die Demokratie und Zusammenhalt verteidigen möchte, und den Erfahrungen vieler Bürger, die sie eigentlich erreichen soll.
Dafür kann man Warweg dankbar sein – unabhängig davon, ob man jede einzelne seiner Einschätzungen teilt. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat verteidigt werden müssen. Die eigentliche Frage lautet, warum die Sprache ihrer Verteidigung immer weniger Menschen erreicht.
Gerade an einer Persönlichkeit wie Joachim Gauck wird diese Spannung sichtbar. Seine Sprache ist von Verantwortung, Freiheit und moralischer Orientierung geprägt. Sie will zusammenführen, nicht ausgrenzen. Dennoch hinterlässt sie bei vielen Bürgern den Eindruck, dass zwischen den politischen Bekenntnissen und ihrer eigenen Lebenswirklichkeit eine wachsende Distanz entstanden ist. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der Debatte. Sie handelt nicht zuerst von Joachim Gauck. Sie handelt von der Frage, wodurch politische Sprache ihre Bindungskraft verliert.
Die Eröffnungsworte von Ciceros erster Rede gegen Catilina gehören zu den berühmtesten Sätzen der Weltliteratur und der politischen Rhetorik. Seit mehr als zweitausend Jahren stehen sie für die Anklage gegen einen Mann, den Cicero als Gefahr für die römische Republik ansah. Am 8. November 63 v. Chr. erhob sich der Konsul im Tempel des Jupiter Stator und eröffnete seine Rede mit den bis heute nachwirkenden Worten: „Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“ (Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?)
Cicero sprach diese Worte in einer Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Erschütterungen. Die Republik bestand äußerlich fort. Ihre Ämter funktionierten, ihre Gesetze galten. Doch unter der Oberfläche hatten jahrzehntelange Machtkämpfe, soziale Spannungen und politische Gewalt das Vertrauen vieler Bürger bereits angegriffen. Nicht der plötzliche Zusammenbruch beschäftigte Cicero, sondern ein schleichender Prozess der Erosion. Gerade deshalb lohnt es sich, diesen Satz heute noch einmal aufmerksam zu lesen.
Vertrauen entsteht nicht durch Bekenntnisse
Seine Aktualität besteht nicht darin, die späte römische Republik mit der Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts gleichzusetzen. Geschichte wiederholt sich nicht nach historischen Schablonen. Wer beide Epochen unterschiedslos übereinanderlegt, verkennt ihre Eigenart. Vielleicht liegt die eigentliche Aktualität von Ciceros Eröffnungsworten vielmehr darin, sie einmal in die entgegengesetzte Richtung zu wenden. Seit mehr als zweitausend Jahren werden sie als Anklage gegen Catilina gelesen. Heute könnten sie zugleich eine Frage an jene sein, die Verantwortung für die Republik tragen. Wie lange kann eine politische Mitte das Vertrauen ihrer Bürger voraussetzen, ohne sich zu fragen, wodurch dieses Vertrauen überhaupt entsteht – und wodurch sie es allmählich verliert?
Auch sprachlich weist Ciceros Satz in diese Richtung. Das Futur „abutere“ (elegante Nebenform zu „abuteris“) beschreibt keinen einmaligen Vorgang. Es verweist auf einen Missbrauch, der bereits andauert und sich fortzusetzen droht. Verstärkt wird dieser Gedanke durch das kleine Wort „tandem“: Wie lange noch? Nicht der Augenblick steht im Mittelpunkt, sondern ein Prozess, der über längere Zeit gewachsen ist und nun an einen kritischen Punkt gelangt. Gerade darin liegt die bleibende Größe dieser Worte. Sie fragen nicht nur nach dem Täter. Sie fragen nach dem Zustand der Republik. Vielleicht ist das auch die eigentliche Frage unserer Zeit.
Eine Republik verliert ihre Bindungskraft nicht zuerst dort, wo ihre Werte bestritten werden. Sie verliert sie dort, wo moralische Selbstgewissheit den Blick auf die Wirklichkeit verdrängt. Denn Vertrauen entsteht nicht durch Bekenntnisse. Es entsteht dort, wo Sprache und Wirklichkeit einander entsprechen.
Genau an diesem Punkt gewinnt Warwegs Analyse ihre Bedeutung. Sie ist mehr als eine Kritik an einem Fernsehauftritt. Sie macht eine Entwicklung sichtbar, die viele Bürger seit Jahren empfinden: Die politische Sprache spricht immer häufiger über ihre Wirklichkeit, aber immer seltener aus ihr heraus.
Wie kam es zur Erschöpfung der politischen Mitte?
Die Ursachen dieser Entwicklung liegen tiefer als in den täglichen Auseinandersetzungen des politischen Betriebs. Die Erschöpfung der politischen Mitte erklärt sich nicht allein aus wirtschaftlichen Belastungen. Inflation, Wohnungsnot oder Zukunftssorgen gehören dazu.
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Tiefer indes wirkt eine Erfahrung, die viele Menschen Tag für Tag in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld machen: kulturelle Verwerfungen! Sie begegnen ihnen nicht zuerst in Statistiken oder wissenschaftlichen Gutachten. Sie begegnen ihnen vor der eigenen Haustür: in veränderten Nachbarschaften, zunehmender Gewalt im öffentlichen Raum, aggressiven Clan-Auseinandersetzungen, einem schwindenden Sicherheitsgefühl oder dem Eindruck, dass vertraute Regeln des Zusammenlebens ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Wer solche Entwicklungen erlebt, empfindet sie nicht als politische Debatte. Er erlebt sie als Teil seines Alltags.
Gerade die Bundesrepublik hat nach den Verheerungen des 20. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Aufbauleistung vollbracht. Wirtschaftlicher Aufstieg und Sozialstaat ermöglichten Millionen Menschen – auch mit bescheidenem Einkommen – ein geordnetes und würdiges Leben in ihrem Wohnumfeld. Für viele bedeutete das keinen Wohlstand im luxuriösen Sinn, wohl aber Sicherheit, Verlässlichkeit und die berechtigte Hoffnung, den eigenen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Auch in Ostdeutschland entstanden nach 1989, trotz aller Brüche und Enttäuschungen des Vereinigungsprozesses, vielerorts neue Möglichkeiten, stabile Lebensverhältnisse aufzubauen und den kommenden Generationen bessere Perspektiven zu eröffnen.
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Umso tiefer wirkt die Verunsicherung, wenn Menschen erleben, dass sich dieses vertraute Umfeld grundlegend verändert. Sie beobachten diese Entwicklung nicht aus den geschützten Wohnvierteln gesellschaftlicher Eliten. Sie erleben sie dort, wo sie wohnen, arbeiten, ihre Kinder zur Schule gehen oder ihre Enkel aufwachsen. Ihre Wahrnehmung entsteht nicht aus politischen Theorien, sondern aus eigener Erfahrung.
Cicero, antiker römischer Redner und Philosoph, Büste im Treppenhaus des Hauptgebäudes der Universität Rostock
© Karl F. Schöfmann/Imago
Aufforderung zur republikanischen Selbstprüfung
Hinzu kommt eine zweite Erfahrung. Nicht wenige Bürger, die diese Veränderungen offen ansprechen, erleben, dass ihre Wahrnehmung vorschnell moralisch bewertet oder gar mit Begriffen wie „faschistisch“ in Verbindung gebracht wird. Damit verschiebt sich die Debatte. Nicht mehr die geschilderte Wirklichkeit steht im Mittelpunkt, sondern die vermeintliche Gesinnung dessen, der sie beschreibt.
Genau hier beginnt eine Republik, Bindungskraft zu verlieren. Nicht weil Moral unwichtig wäre. Im Gegenteil: Eine freiheitliche Ordnung lebt von moralischen Überzeugungen. Gefährlich wird es dort, wo moralische Selbstgewissheit die sorgfältige Wahrnehmung der Wirklichkeit ersetzt. Wer die Erfahrungen vieler Bürger zuerst moralisch einordnet, bevor er sie versteht, riskiert, dass sich diese Bürger von der öffentlichen Sprache nicht mehr vertreten fühlen.
Vielleicht erklärt gerade das die Resonanz auf Florian Warwegs Analyse. Sie beschreibt nicht nur einen Fernsehauftritt. Sie verweist auf eine tiefere Entwicklung: auf die wachsende Distanz zwischen einer politischen Sprache, die das Richtige sagen will, und einer Lebenswirklichkeit, in der viele Menschen den Eindruck gewinnen, mit ihren Erfahrungen nicht mehr vorzukommen.
Ciceros berühmte Eröffnungsrede erhält dadurch eine unerwartete Aktualität. Nicht als historische Parallele. Nicht als Gleichsetzung zweier Epochen. Sondern als Aufforderung zur republikanischen Selbstprüfung. Seit mehr als zweitausend Jahren lesen wir seine Worte als Anklage gegen Catilina. Vielleicht besteht ihre eigentliche Aktualität heute darin, die Blickrichtung zu verändern. Denn eine Republik lebt nicht allein davon, ihre Gegner zu erkennen. Sie lebt ebenso davon, sich selbst zu fragen, wodurch Vertrauen entsteht – und wodurch es langsam verloren geht.
Sprache und Wirklichkeit müssen einander entsprechen
Rückblickend wissen wir, dass die römische Republik nicht an einem einzigen Tag zerbrach. Ihrem Ende ging ein längerer Prozess voraus, in dem gemeinsame Orientierung, gegenseitiges Vertrauen und die Bindungskraft ihrer politischen Ordnung allmählich schwächer wurden. Genau diesen schleichenden Charakter beschreibt Ciceros Frage: Quo usque tandem?
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Vielleicht richtet sich diese Frage heute nicht nur an die Gegner einer freiheitlichen Ordnung. Vielleicht muss sie sich ebenso jene politische Mitte stellen, die ihre Bindungskraft gerade dort verliert, wo moralische Selbstgewissheit den Blick auf die Wirklichkeit verdrängt.
Denn eine Republik wird nicht allein durch ihre Verfassung zusammengehalten. Sie lebt davon, dass Sprache und Wirklichkeit einander entsprechen – und dass ihre Bürger darauf vertrauen können, in beiden noch ihre gemeinsame Welt wiederzufinden.
Klaus Knorr (Jahrgang 1954) war Lehrer für Latein, Geschichte und auch Philosophie. Er beschäftigt sich aus privatem Interesse seit vielen Jahren mit europäischer Geistes-, Kultur- und Bildungsgeschichte sowie deren Bedeutung für aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. In seinen Essays verbindet er historische Erfahrungen, staatsphilosophische Fragestellungen und gegenwartsbezogene Analysen.
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