Um die Bedeutung aktueller Ereignisse und deren zeitliche Dimension zu begreifen, hilft oft ein Blick in den Rückspiegel. Das gilt auch, wenn es um den dienstältesten Profi der Regionalliga Nordost, Torhüter-Ikone Martin Männel vom FC Erzgebirge Aue geht.
18 Jahre und ein großes Ziel
Der inzwischen 38-jährige Keeper strebt mit Aue den Wiederaufstieg in die 3. Liga an und absolvierte gerade beim jüngsten 2:2 beim Tabellenführer Rot-Weiß Erfurt sein 602. Pflichtspiel für die Mannschaft aus dem „Schacht“.
Eine unglaubliche Serie, eine fantastische Leistung. Wenn man nun nach dem Debüt Männels im Kasten der Auer sucht, muss man bis in den Monat Juli des Jahres 2008 zurückgehen.
In jenem heißen Sommermonat vor 18 Jahren hielt etwa Barack Obama, seinerzeit Präsidentschafts-Bewerber in den USA, eine aufregende Rede an der Berliner Siegessäule vor rund 200.000 Menschen. Die Lufthansa rief zum unbefristeten Streik auf, legte viele deutsche Flughäfen lahm, wo Tausende Urlauber strandeten. Und am 26. Juli startete die neu gegründete 3. Liga im deutschen Profifußball in ihre erste Saison.
In Aue traf der FC Erzgebirge am ersten Spieltag auf Eintracht Braunschweig und unterlag mit 0:2. Im Tor von Aue stand der damals 20-Jährige Martin Männel. Das Fachmagazin „Kicker“ beurteilte die Leistung des Debütanten mit der Note 3.
Der etwas längere Zwischenschritt
„Kinder, wie die Zeit vergeht!“, kann man nur rufen, wenn man sich an einige dieser Ereignisse erinnert. Der damals blutjunge Keeper Männel, geboren in Hennigsdorf, war Ende Juni 2008 von Energie Cottbus nach Aue gewechselt und ahnte damals natürlich nicht, dass er 18 Jahre später noch immer im Kasten von Aue stehen würde.
Martin Männel als Jungspund im Einsatz für den FC Erzgebirge Aue.
© imago/picture point
Eigentlich, so berichtete er später einmal, sei Aue damals nur als Zwischenstation gedacht gewesen. Er wollte schon am liebsten einmal das Tor eines Bundesligisten hüten. Anfragen und ein Angebot soll es später gegeben haben, doch er wollte die Nummer eins sein wie im Erzgebirge und nicht irgendwo bei einem bekannten Klub als Nummer zwei agieren.
Einmal war Männel mit Aue sogar sensationell nahe dran an der 1. Bundesliga. In der Zweitligasaison 2010/11 übernahm der Aufsteiger am 13. Spieltag die Tabellenspitze, hielt sich dreimal auf Rang eins, wurde später gar „Herbstmeister“ und landete am Ende auf Platz 5!
Männel macht auch den Neuanfang mit
Männel hat Klub-Geschichte geschrieben. Zweimal stieg er mit seinem Verein in die 2. Bundesliga auf, zweimal wieder ab in Liga drei und am Ende der Saison 2025/26 folgte der bittere Gang in die Regionalliga.
Die Mannschaft erlebte danach den größten Umbruch seit Jahrzehnten. 22 Abgängen standen 19 Zugänge gegenüber. Ein fast komplett neuer Kader wurde gebaut mit vielen jungen Spielern. Oldie Männel, der auch viele Jahre als Kapitän agierte, wollte unbedingt helfen, wieder nach oben zu kommen und „das geraderücken, was wir verbockt haben“.
Allerdings war er zum ersten Mal nicht als Nummer 1 gesetzt, sondern eine Art Mentor im Auer Torhüter-Trio. Vor allem sollte er Max Uhlig (20), ein Auer Eigengewächs, als neue Nummer 1 unterstützen. Männels Vertrag wurde zudem bis zum Juni 2027 verlängert.
Herausforderer und Mentor: Max Uhlig und Martin Männel
© Michael Taeger/IMAGO
Wieder gefragt
Dass eine Saison viele Unwägbarkeiten bietet, zeigte sich schon nach dem 5. Spieltag. Max Uhlig erlitt einen Außenbandriss im Sprunggelenk und Männel rückte wieder zwischen die Pfosten. In fünf Ligaduellen ist das Team seitdem ungeschlagen, liegt im Dreikampf um die Spitze mit Rot-Weiß Erfurt und dem Chemnitzer FC aussichtsreich im Rennen. Mit Männel sank die Gegentorquote pro Spiel von 1,8 auf 1,0!
Und am 12. September kam es gar zu einem historischen Ereignis: Beim 2:1-Heimsieg gegen den FSV Luckenwalde bestritt der Torhüter sein 600. Pflichtspiel für Aue und hielt mit tollen Paraden den Sieg fest. Die Fans feierten den „ewigen Männel“ begeistert als „Fußballgott“!
Körbel, Müller, Männel
Seit diesem Spiel gehört der Keeper zum exklusiven Kreis von Profis, die diese 600er-Marke für ein und denselben Klub überboten. Altstars wie Charly Körbel (Eintracht Frankfurt), Manfred Kaltz (Hamburger SV) oder die beiden Bayern-Legenden Sepp Maier und Thomas Müller zählen zu dieser speziellen Elite.
Martin Männel sieht durchaus Chancen, am Saisonende direkt aufzusteigen. Aue, so der Keeper, werde nach dem Umbruch und der Kennenlernphase in der Rückrunde als Kollektiv noch weiter zusammengewachsen sein und habe vielleicht das größte Entwicklungspotenzial gegenüber den ernsthaften Konkurrenten – von Erfurt bis zur VSG Altglienicke.
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Derzeit, so heißt es aus Aue, habe Männel gezeigt, dass er unverzichtbar ist. Der Keeper ist kein Platzhalter für den verletzten Uhlig. Die Leistung entscheidet, wer im Tor steht. Fakt ist, die Geschichte des ruhigen Anführers Männel, dessen Wort auf dem Platz und in der Kabine gilt, mit seinem FC Erzgebirge ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Weitere Kapitel folgen. Und das ist gut so.
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