Mittelalter

Mystischer „Mechthild-Codex“ zurück in Magdeburg: Doch das Original bleibt verschwunden

Visionen, Gebete und düstere Blicke ins Fegefeuer: Der Mechthild-Codex kehrt als Nachdruck nach Magdeburg zurück.

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Die Magdeburger Statue „Die heilige Mechthild von Magdeburg“: Nach einer Beschädigung im Mai 2019 fehlt der Mystikerin heute ein Arm.

Die Magdeburger Statue „Die heilige Mechthild von Magdeburg“: Nach einer Beschädigung im Mai 2019 fehlt der Mystikerin heute ein Arm.

© Stephan Schulz/imageBROKER/imago

Eine fast 700 Jahre alte Schrift voller Visionen, Gebete, Meditationen und Verse. Worte über die Sehnsucht nach Gott, über die Liebe und das Unsichtbare. Geschrieben von einer Frau, die vor gut 800 Jahren in Magdeburg lebte und deren Gedanken bis heute überdauert haben.

Nun kehrt das Werk der Magdeburger Mystikerin Mechthild von Magdeburg (1207–1282/94) in besonderer Form in ihre Heimatstadt zurück. Ein Nachdruck des sogenannten „Mechthild-Codex“ wird am Mittwoch, dem 23. September 2026, im Kulturhistorischen Museum Magdeburg offiziell übergeben.

Hintergrund: Mechthild wurde um 1207 im Erzstift in Magdeburg geboren. Sie starb zwischen 1282 und 1294 im Kloster Helfta. Über das Leben der christlichen Mystikerin ist nur wenig bekannt. Etwa mit 20 Jahren zog sie wahrscheinlich nach Magdeburg. Hier lebte sie um die 40 Jahre als Begine, also als religiöse Frau, die in keinem klassischen Klosterorden lebte. Um 1250 begann sie, auf Anregung ihres Beichtvaters, des Dominikaners Heinrich von Halle, ihre mystischen Erfahrungen niederzuschreiben. Später zog sie ins Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben. Dort verbrachte sie etwa zwölf Jahre und ergänzte ihr Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ um das siebte Buch.

Cold Case: Der verschollene Codex

Dieses Hauptwerk umfasste in sieben Büchern Visionen, Gebete, Meditationen und Lehrreden. In poetischer, teils sogar erotischer Sprache beschreibt Mechthild die Beziehung der menschlichen Seele zu Gott, greift dabei auch Bilder aus Minnegesang und Hohelied auf. Ihr Werk enthält jedoch nicht nur religiöse Visionen, sondern auch autobiografische Passagen, Höllen- und Fegefeuervorstellungen sowie Kritik an Kirche und Ordensleben. Ihr Text gilt heute als bedeutendes Zeugnis mittelalterlicher Frauenmystik und deutscher Literaturgeschichte.

Bei dem Originalmanuskript Mechthilds handelt es sich um eine Art Cold Case aus dem Mittelalter, denn es ist verschollen. Erhalten geblieben ist eine oberdeutsche Abschrift aus den Jahren 1343 bis 1345, die heute als Codex 277 in der Stiftsbibliothek des Benediktinerklosters Einsiedeln in der Schweiz liegt. Sie gilt als älteste erhaltene vollständige Überlieferung ihres Werkes. Wo das Original abgeblieben ist, weiß bis heute niemand.

Mechthild-Codex kehrt heim nach Magdeburg

Nun kommt zumindest ein Nachdruck davon zurück in die Heimat. Auf Initiative von Frauen aus dem Bistum Magdeburg wurden mit Unterstützung der Benediktinerinnen des Klosters Au in der Schweiz vier Nachdrucke hergestellt. Einen davon übergibt Bischof Gerhard Feige am 23. September an die Direktorin der Magdeburger Museen, Gabriele Köster. Der Nachdruck soll dauerhaft im Kulturhistorischen Museum bleiben. Ein weiteres Exemplar befindet sich als Dauerleihgabe im Kloster Helfta, wo Mechthild ihre letzten Lebensjahre verbrachte.

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Über viele Jahrhunderte geriet Mechthild weitgehend in Vergessenheit. Erst 1869 wurde ihr Werk erstmals veröffentlicht, im 20. Jahrhundert entdeckte insbesondere die „feministische Mediävistik“ (feministische Mittelalterforschung) die Mystikerin neu. Heute steht sie für eine Verbindung, die von Magdeburg über Helfta bis in die europäische Geistes- und Literaturgeschichte reicht.

Ganz zurückgekehrt ist Mechthild damit trotzdem nicht: Das Original ihres „fließenden Lichts“ bleibt verschwunden. Was nun nach Magdeburg kommt, ist eine möglichst getreue Spur davon – ein Buch von und über eine Frau, die vor acht Jahrhunderten versuchte, das Unsichtbare in Worte zu fassen.

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