Geschichte

Napoleons Eichen von Brandenburg bis Sachsen: Warum der Kaiser dort meist nie gerastet hat

Zwischen Spreewald und Uckermark stehen Eichen, die Napoleons Namen tragen. Manche erinnern an eine Durchreise, andere an ein Massaker. Eine Spurensuche.

8 Min
Napoleon-Eiche, Calau, Brandenburg, Deutschland, hier noch mit Krone, 2012.

Napoleon-Eiche, Calau, Brandenburg, Deutschland, hier noch mit Krone, 2012.

© Stefan Fussan/ CC BY-SA 3.0

Der Nebel liegt noch in der Senke, als man von der B 167 abbiegt, irgendwo zwischen Altfriedland und Karlsdorf im Oderland. Und dann steht sie da: ein Stamm wie ein Silo, borkig, geborsten, mehr als sieben Meter Umfang. Über sieben Meter – dafür braucht man vier Erwachsene mit ausgestreckten Armen und ein bisschen guten Willen.

Auf Karten und in Baumregistern heißt sie Franzoseneiche. Oder Napoleoneiche. Und die Geschichte dazu erzählt man sich in der Region seit Generationen: Hier habe der Kaiser 1812 auf dem Weg nach Russland geruht.

Nur: Er hat es nicht.

Ein Name ist kein Beweis

Die zuständige Amtsverwaltung Seelow-Land ist in dieser Frage ungewöhnlich deutlich. Napoleon habe unter diesem Baum „mit Sicherheit“ nicht geruht – und selbst ein Aufenthalt französischer Offiziere oder gewöhnlicher Soldaten an dieser Stelle sei nicht belegt. Ein Amt, das die eigene Sehenswürdigkeit demontiert: Das hat Größe.

Damit ist man mitten im Thema. Denn „Napoleoneiche“ und „Franzoseneiche“ sind keine botanischen Begriffe. Es gibt keine Napoleon-Eiche, so wie es Stiel- und Traubeneichen gibt. Es sind Eigennamen einzelner alter Bäume – Erinnerungsnamen, vergeben von Menschen, oft Jahrzehnte nach den Ereignissen, an die sie erinnern sollen.

Und sie erzählen erstaunlich verschiedene Dinge. Grob lassen sich vier Typen unterscheiden: Napoleon persönlich soll hier gerastet haben. Oder französische Truppen zogen vorbei und lagerten. Oder es geschah etwas Blutiges. Oder – der ehrlichste Fall – irgendwann brauchte ein Ort einen klingenden Namen.

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Für Historiker sind diese Bäume deshalb keine Beweisstücke, sondern Quellen einer anderen Art: Zeugnisse davon, wie Dörfer Krieg, Besatzung und Gewalt in erzählbare Form gebracht haben. Man kann das als Volksfrömmigkeit der Geschichte lesen. Man kann es aber auch als das nehmen, was es ist: die einzige Form von Geschichtsschreibung, die den meisten Menschen damals zur Verfügung stand.

1812, 1813 – und warum plötzlich alle Eichen wichtig wurden

Der Hintergrund ist schnell erzählt und war für die Menschen zwischen Elbe und Oder alles andere als abstrakt. Napoleons Grande Armée marschierte 1812 nach Russland und kam als Trümmerhaufen zurück. Was folgte, waren die Kriege von 1813 bis 1815, in denen sich die europäischen Mächte gegen die französische Vorherrschaft wandten.

Für Ostdeutschland bedeutete das: Durchmärsche, Einquartierungen, Requirierungen, Typhus, Kosaken, Flüchtende. Sachsen und Brandenburg waren nicht Kulisse, sondern Aufmarschgebiet.

Entscheidend für unsere Bäume ist aber das, was danach kam. Die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts deutete diese Jahre zur Geburtsstunde einer deutschen Nation um – Stichwort „Befreiungskriege“, ein Begriff, der selbst schon eine Interpretation ist. In dieser patriotischen Hochstimmung wurden Denkmäler errichtet, Jahrestage gefeiert und, ja, Bäume benannt. Die Eiche als deutscher Nationalbaum bekam ihre Rolle im Programm.

Vanessa Kirby (l) als Kaiserin Josephine und Joaquin Phoenix als Napoleon in einer Szene des Films „Napoleon“.

Vanessa Kirby (l) als Kaiserin Josephine und Joaquin Phoenix als Napoleon in einer Szene des Films „Napoleon“.

© Aidan Monaghan

Wer also einen Baum sucht, der 1813 benannt wurde, sucht meist vergebens. Wer einen Baum sucht, der 1880 oder 1913 benannt wurde – der wird fündig.

Calau: Der Pferdewechsel ist belegt, der Schatten nicht

Der bekannteste Fall Brandenburgs steht im Spreewald-Vorland. Die Napoleon-Eiche in Calau, eine Stieleiche von mehr als 350 Jahren, seit 1958 Naturdenkmal.

Hier ist der historische Kern ungewöhnlich fest: Am 21. Juli 1813 kam Napoleon auf dem Weg nach Bautzen durch Calau und wechselte dort die Pferde. Das geben Stadt und regionale Überlieferung übereinstimmend an. Dass er unter genau diesem Baum rastete, formuliert selbst die Stadt Calau vorsichtig als „soll“.

Der schönste Beleg für diese Vorsicht steckt im Namen selbst. Nach Angaben des Ostdeutschen Baumarchivs hieß der Baum in älteren Quellen schlicht „Große Eiche“. Der Kaiser spielte erst Jahrzehnte später eine Rolle; nachweisbar ist die Napoleon-Bezeichnung spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Eiche steht innerhalb der Stadt und ist frei zugänglich. Wer allerdings mit dem Bild einer ausladenden Krone anreist, wird enttäuscht: 2019 musste der stark geschädigte, bruchgefährdete Baum auf einen Torso zurückgeschnitten werden.

Unter Baumfreunden ist der Eingriff bis heute umstritten. Ein Nutzer des Baumkunde-Forums fasste die Stimmung so zusammen: „Kein Sturm, keine Kronenausbrüche […] sondern ein Gutachten und Kettensägen.“ Eine emotionale Reaktion, kein fachlicher Gegenbeweis – aber sie zeigt, was ein solcher Baum den Leuten bedeutet.

Jagsal: Wo die Legende harmloser ist als die Wahrheit

Und dann gibt es den Ort, an dem man sich wünscht, es wäre bei einer Rastgeschichte geblieben.

Im südlichen Brandenburg, im Schliebener Amtsbereich bei Herzberg, steht am Quellgrund bei Jagsal eine Eiche, die zwei Erzählungen trägt. Die erste ist die vertraute: Napoleon habe 1813 an der alten Sonnewalder Heerstraße mit Truppen gerastet.

Die zweite ist der „Jagsaler Franzosenmord“. Im August 1813 wurden kranke Angehörige napoleonischer Truppen von Guben in Richtung Torgau transportiert. Russische Kosaken nahmen den Transport bei Herzberg gefangen – und ermordeten in der Nacht vom 19. auf den 20. August bei Jagsal einen großen Teil der Gefangenen.

Über die Zahlen gehen die Überlieferungen auseinander; genannt werden unter anderem 65 Transportierte und 61 Opfer, an anderer Stelle 57 Tote und sechs Schwerverletzte. Wer es genau wissen will, müsste in Militär-, Kirchen- und Gerichtsakten.

Hier kippt das Verhältnis: Das Verbrechen ist historisch deutlich belastbarer als die Behauptung, der Kaiser habe hier ein Nickerchen gemacht. Ob die Eiche schon unmittelbar nach 1813 als Erinnerungszeichen diente oder erst später mit dem Massaker verknüpft wurde, ist offen.

Die Russen brennen Moskau nieder, nachdem Napoleon die Stadt 1812 eigenommen hat: Taktik der verbrannten Erde.

Die Russen brennen Moskau nieder, nachdem Napoleon die Stadt 1812 eigenommen hat: Taktik der verbrannten Erde.

© Alexander Smirnov, 1813

Aber es bleibt bemerkenswert: Ein Dorf hat sich einen Baum gemerkt, weil dort wehrlose Menschen erschossen wurden. Und hat ihn dann nach dem Mann benannt, dessen Soldaten die Opfer waren.

Lychen, Mannichswalde, Warin: Drei Variationen des Ungewissen

Uckermark. Bei Lychen stehen die Franzoseneichen – hier ohne Napoleon. Der Überlieferung nach wurden im März 1807 im Wald bei Lychen drei versetzte französische Ärzte überfallen, einer entkam; die Täter kamen später vor ein französisches Standgericht. Zwei Verurteilte wurden „in der Nähe des Angelbergs“ erschossen.

Der exakte Hinrichtungsplatz lässt sich den heute erhaltenen Bäumen nicht zuordnen – ursprünglich sollen es drei Eichen gewesen sein. Ihr Alter ist eine Schätzung, wie ein Forumsnutzer offen einräumt: „Ihr Alter habe ich mal großzügiger mit 250–350 Jahren angegeben.“ Die hohlen, gesicherten Stämme sind ein Ziel für eine Radtour rund um die Lychener Seen.

Sachsen. Zwischen Mannichswalde und Seelingstädt im Landkreis Zwickau steht eine etwa 250 Jahre alte Eiche, seit 2004 geschützt. Die Straße war Handels- und Militärverbindung, und die lokale Überlieferung berichtet von einem französischen Heerlager in der Nähe. Der Haken: In älteren Unterlagen hieß der Baum „Mühlwegeiche“. Napoleon kam später dazu.

Mecklenburg. Der lehrreichste Fall ist ein toter Baum. Die inzwischen abgestorbene Eiche in Warin trug drei Namen gleichzeitig: „Tausendjährige Eiche“, „Wallensteineiche“ und „Napoleoneiche“. Das geschätzte Alter passte eher zu Napoleon als zum Dreißigjährigen Krieg – bewiesen war nichts davon. Ähnlich in Blankenfelde: Dieselbe Stieleiche hieß zeitweise „Napoleoneiche“, später „Hindenburgeiche“, heute nüchtern „Dorfeiche“. Man kann die politische Geschichte Deutschlands an den Namen eines einzigen Baumes ablesen.

Der Blick nach Osten, zweihundert Jahre lang

Diese Bäume erzählen nämlich nicht nur von Napoleon. Sie erzählen davon, dass Europas Osten seit Jahrhunderten ein Raum ist, durch den Armeen von West nach Ost und von Ost nach West ziehen – und dass die Menschen dazwischen selten gefragt wurden.

In Jagsal waren die Täter Kosaken und die Opfer Franzosen; ein Jahr zuvor waren es andere Rollen. Wer 1812 in Brandenburg lebte, erlebte den Russlandfeldzug als französische Requirierung, 1813 die Befreiung als russische Einquartierung.

Genau das macht solche Orte wertvoll – nicht als Analogie, sondern als Korrektiv. Sie erinnern daran, dass die Beziehung zwischen Europa und Russland nie eine einfache Linie war: Verbündeter, Bedrohung, Faszinationsobjekt, Feindbild, oft alles gleichzeitig und je nach Jahrzehnt neu sortiert.

Und sie erinnern daran, wie schnell aus Erlebtem eine Erzählung wird, aus der Erzählung ein nationaler Mythos und aus dem Mythos ein Argument.

Wer verstehen will, wie Erinnerung politisch wird, muss nicht in Archive. Es genügt ein Baum, der binnen hundert Jahren nach Napoleon, nach Hindenburg und schließlich nach niemandem mehr benannt wurde.

Ein Zeitzeuge, der nichts sagt

Steindenkmäler haben Inschriften. Sie behaupten etwas, und man kann ihnen widersprechen.

Eine Eiche behauptet nichts. Sie steht da, wächst, verliert Äste, wird ausgehöhlt, treibt weiter aus. Alles, was sie an Bedeutung trägt, haben Menschen ihr angehängt – und wieder abgenommen. Das macht sie zum ehrlichsten aller Erinnerungsorte: Man sieht die Zuschreibung, weil der Baum sie so offensichtlich nicht selbst gewählt hat.

Also: hinfahren. Nach Calau, nach Jagsal, an die B 167 im Oderland. Und beim Blick nach oben ruhig beides denken – die Geschichte, die man erzählt bekommt, und die Frage, wer sie wann gebraucht hat.

Der Kaiser hat vermutlich nicht hier gesessen. Aber die Menschen, die das erzählten, hatten ihre Gründe. Und die sind das eigentlich Interessante.

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