Ein Telefonat mit Russlands Präsident Wladimir Putin sorgt für einen ungewöhnlichen Streit zwischen zwei europäischen Regierungen und einer britischen Wirtschaftszeitung. Norwegen und Finnland verlangen eine Korrektur der Berichterstattung über ein Gespräch, das Putin am Dienstag mit dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb und Norwegens Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre geführt hatte. Die Financial Times hatte berichtet, Putin habe die beiden Politiker vor allem mit einem langen Vortrag über die mittelalterliche Geschichte der slawischen Völker beschäftigt.
Støre weist diese Darstellung entschieden zurück. „Wir haben die Financial Times aufgefordert, das zu korrigieren, denn es stimmt nicht“, sagte der norwegische Regierungschef der Zeitung VG.
Er zeigte sich zunächst überzeugt, dass die Zeitung ihre Darstellung ändern werde. Schließlich hätten er und Stubb selbst an dem Gespräch teilgenommen.
Doch die Financial Times lehnt eine Korrektur ab. „Wir stehen zu unserer Berichterstattung“, erklärte ein Sprecher auf Anfrage von VG. Weitere Angaben zu den Quellen wollte die Redaktion nicht machen.
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Wie die norwegische Staatssekretärin Bhanuja Rasiah gegenüber VG bestätigte, wandte sich Finnland im Namen beider Länder an die Financial Times.
Dabei ging es insbesondere um die Frage, worüber Putin während des Telefonats gesprochen hatte. Nach Darstellung der beiden Regierungen beschäftigte sich der russische Präsident unter anderem mit der politischen Entwicklung Europas seit 2014.
„In dem Gespräch mit Støre und Stubb sprach Putin unter anderem über die Situation in Europa von 2014 bis heute“, erklärte Rasiah.
Støre hatte bereits im norwegischen Rundfunk NRK erläutert, Putin habe seine bekannten Ansichten über den Konflikt seit 2014 vorgetragen. Von einer ausführlichen Geschichtsstunde über die slawischen Völker im Mittelalter war dabei nicht die Rede.
Die Financial Times hatte dagegen am Mittwoch unter Berufung auf drei mit dem Gespräch vertraute Personen berichtet, Putin habe einen Großteil des 90-minütigen Telefonats für historische Ausführungen genutzt. Über die von der Ukraine geforderte sofortige Waffenruhe sei kaum gesprochen worden.
Die beiden Politiker hätten Putin bewusst nicht unterbrochen, um herauszufinden, wie ernst es ihm mit einem politischen Dialog sei, hieß es in dem Bericht.
Ein vollständiges Gesprächsprotokoll wurde nicht veröffentlicht. Daher lässt sich derzeit nicht unabhängig feststellen, wie viel Zeit Putin tatsächlich welchen Themen widmete.
Was Stubb und Støre mit Putin besprechen wollten
Das Telefonat hatte am Dienstag auf Initiative Finnlands und Norwegens stattgefunden. Beide Politiker führten das Gespräch gemeinsam von Helsinki aus. Es dauerte rund 90 Minuten und war zuvor mit der ukrainischen Regierung abgestimmt worden.
Wie die finnische Präsidialverwaltung mitteilte, wollten Stubb und Støre Putin dazu bewegen, ernsthafte Verhandlungen über ein Ende des russischen Angriffskrieges aufzunehmen.
Die beiden Regierungschefs betonten, sie hätten nicht im Namen Europas gesprochen, sondern als Vertreter ihrer eigenen Länder. Sowohl Finnland als auch Norwegen haben eine gemeinsame Grenze mit Russland.
Støre verteidigte den direkten Kontakt mit Putin auch nach der Kritik an dem Gespräch. Europa müsse seine Position gegenüber dem russischen Präsidenten selbst vertreten können, erklärte er gegenüber VG.
Nach Angaben von Reuters standen dabei konkrete Schritte zur Verringerung der Gewalt im Mittelpunkt. Norwegen sprach sich unter anderem für ein Ende der Angriffe auf Energieanlagen und Schiffe mit ukrainischen Getreideexporten sowie für weitere Gefangenenaustausche aus.
Støre äußerte allerdings Zweifel an einem schnellen Friedensabkommen. Er rechne nicht damit, dass Putin seine Haltung grundlegend ändere. Dennoch sei es wichtig, dem russischen Präsidenten die europäischen Positionen direkt mitzuteilen.
Kritik aus Dänemark und Schweden an Putins Telefonat
Der Vorstoß der beiden nordeuropäischen Politiker hatte auch innerhalb Europas Kritik ausgelöst.
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erklärte, sie sehe keine Anzeichen dafür, dass Russland tatsächlich Frieden wolle. Europa solle gemeinsam handeln, statt einzelne diplomatische Initiativen zu starten.
Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson sagte der Zeitung Dagens Nyheter, andere europäische Regierungschefs seien über das Telefonat nicht vorab informiert worden. Er habe nur geringe Erwartungen an solche Gespräche.
Stubb und Støre betonten dagegen, sie hätten sich mit ihren Partnern beraten. Nach dem Telefonat informierten sie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über den Verlauf.
Auch die russische Regierung ließ anschließend keine grundsätzliche Änderung ihrer Position erkennen. Der Kreml bekräftigte, ein dauerhafter Frieden sei nur möglich, wenn die Interessen Russlands vollständig berücksichtigt würden.
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