Jung und Alt hat sich an diesem Abend in einem Theater in der Erfurter Altstadt eingefunden. Schon eine halbe Stunde vor Beginn ist der Saal nahezu voll. Es geht zünftig zu: Auf einen Schluck Pils folgt ein Happen Schnitzel oder ein Löffel Gulasch.
Als Roger Köppel die Bühne betritt, wird er mit Jubel begrüßt – für einen Journalisten eine Seltenheit, die der Chefredakteur der „Weltwoche“ sichtlich genießt. „In welcher Stadt in Deutschland darf ein Journalist so etwas noch erleben?“
Köppel lässt keinen Zweifel, wie er die Lage einordnet. Er habe „Begeisterung, Aufbruchstimmung“ erlebt. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD stärkste Kraft wurde, nennt er eine „Sternstunde der Demokratie“ – und einen „Volksaufstand gegen eine arrogante Elite“. Die Wähler hätten sich gegen eine „Monsterwelle der versuchten politischen Bevormundungen“ gewehrt und schlicht von ihrem Recht Gebrauch gemacht, das zu wählen, was sie wollten, „und nicht, was man uns da von oben verklicken will“.
Es gibt nicht die Menschheit. Es gibt den konkreten Menschen.
Es ist die Grundmelodie, die sich durch den gesamten Abend zieht: der Bürger gegen die politische Klasse, die Wirklichkeit gegen die Ideologie. Für Köppel ist das „ein schweizerisches Moment“, das er in Mitteldeutschland beobachte.
„Wirklichkeitsmenschen“ und die Luther-Analogie
Warum gerade der Osten? Köppel hat darauf eine klare Antwort. Die Menschen hier seien „Wirklichkeitsmenschen“, die „unten durch mussten“ nach dem Zusammenbruch der DDR. Wer den Untergang eines Staates und ganzer Biografien erlebt habe, entwickle „ein feineres Sensorium“, feinere Antennen für autoritäre Tendenzen. Der Westen dagegen sei durch seinen eigenen Erfolg in eine „Wohlstandsverwahrlosung“ gerutscht. Er zitiert Goethe: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Folge von guten Tagen.“
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Dem Begriff „Dunkeldeutschland“ hält er entgegen: „Deutschland ist im Osten am hellsten – in jeder Hinsicht.“ Der Saal quittiert es mit Beifall.
Den erzählerischen Kern seines Vortrags findet Köppel im Ort selbst. Erfurt, wo Martin Luther studierte, wird ihm zur historischen Folie. Der Ablasshandel der Kirche des 16. Jahrhunderts – „wenn die Münze in den Kasten springt, die Seele in den Himmel springt“ – ist für ihn die Blaupause heutiger Politik: Wer nicht zahle, sei damals ein Ketzer gewesen, heute ein „Populist“ oder „Klimaleugner“.
Immer wieder tosender Applaus: Insbesondere die Anregegungen für eine Friedenspolitik im Ukraine-Krieg stießen im Publikum auf Zustimmung.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Auch den Erfurter Nominalismus, an dem Luther geschult war, deutet er politisch: die Abkehr von den „Abstraktionen“ und „allgemeinen Begriffen“ hin zum Konkreten, Beobachtbaren. Es gebe „nicht die Menschheit, es gibt den konkreten Menschen“. Begriffe wie Demokratie, Gerechtigkeit oder Völkerrecht würden heute – so seine These – als Worthülsen missbraucht, um eine eigene Position zu überhöhen. Die Reformatoren seien „die Populisten des 16. Jahrhunderts“ gewesen; was man heute erlebe, sei „eine Reformation der Politik“, ein „Aufstand gegen die falschen Autoritäten“.
Migration und Corona
Von hier spannt Köppel den Bogen zu den Streitthemen der vergangenen Jahre. Sein Vorwurf: eine „verordnete Meinungseinfalt“, die Widerspruch nicht zulasse. Wer die Migrationspolitik kritisiert habe, sei rasch als „Nazi“ abgestempelt worden. Eine Regierung, die jeden Kritiker so behandle, „produziert Nazis“, sagt er – ein Satz, den er nach eigener Darstellung schon in einer deutschen Talkshow vertreten und für den er scharfe Reaktionen geerntet habe.
Köppel kritisiert während seines Vortrags mehrfach einen „Militarismus ohne Militär“, der die europäischen Gesellschaften zusehends vereinnahme.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Ausdrücklich stellt er klar, dies richte sich nicht gegen Zuwanderer, sondern für eine „geordnete Migrationspolitik“. Ähnlich argumentiert er bei Corona: Es sei verboten gewesen, nach dem Nutzen der Maßnahmen zu fragen; statt sachlicher Debatte habe es nur „Gut und Böse“ gegeben. Gerade im Osten, meint Köppel, hätten die Menschen diese Mechanik besonders früh durchschaut – aus Erfahrung mit einem Staat, der systematisch gelogen habe.
Der Konflikt mit Russland
Das ernsteste Thema hebt er sich für den Schluss auf – und wird dabei am deutlichsten. „Nie wieder Krieg auf dem Boden von Deutschland“, fordert er. Frieden in Europa sei „nie gegen, nur mit Russland“ möglich.
Wir stehen dem Dritten Weltkrieg so nahe wie noch nie seit 1945.
Hier trägt Köppel Positionen vor, die weit über den politischen Mainstream hinausgehen und als seine persönliche Deutung zu verstehen sind. Er sieht den Westen in der Verantwortung: Nach dem Ende des Kalten Krieges seien „die Westler arrogant geworden“, hätten sich „immer stärker in die russische Sphäre hineingedrückt, ohne mit den Russen zu reden“.
Er verweist auf den US-Strategen Zbigniew Brzeziński und schildert eine Konferenz, bei der ein amerikanischer General im Herbst 2022 über eine „Aufteilung“ Russlands gesprochen habe. Wer glaube, Russland lasse sich militärisch besiegen, unterliege einem „kompletten Realitätsverlust“.
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Seine Warnung ist drastisch: Man stehe „dem Dritten Weltkrieg so nahe wie noch nie nach 1945“, die Lage sei gefährlicher als in der Kubakrise 1962. Köppel, der nach eigenen Angaben seit Kriegsbeginn mehrfach in Russland war und mit Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach, betont, er sei kein Russland-Nostalgiker – Vater und Großvater seien überzeugte Antikommunisten gewesen.
Zugleich gibt er zu Protokoll, auch in Russland „Gegensteuer“ zu geben und die dortige „Opfermentalität“ nicht zu bestärken. Sein zentraler Appell bleibt: reden statt schweigen. „Man muss einfach miteinander reden, dann kannst du die Probleme lösen.“
Die Fragestunde
Wie sehr Köppel den Nerv seines Publikums trifft, zeigt die anschließende Fragerunde. Ein älterer Mann erzählt von seinem Vater, Jahrgang 1922, der als junger Soldat nach Russland zog, und fragt, warum die Medien heute „gleichgeschaltet“ seien. Köppel spricht von einer „Kriegsberauschtheit“ und einer „Seuche des Moralismus“ – und rät, keiner Regierung blind zu glauben.
Ein Besucher überreicht symbolisch ein Transparent mit der Botschaft: „Deutschland und Russland gehören zu Europa. Wir sind keine Feinde.“ Köppel verspricht, es bei einer Konferenz in Russland in die Kamera zu halten. Nach dem deutschen Kanzler gefragt, antwortet er knapp: Beim Blick in die Zukunft sei er „vollends überfordert“, aber: „Es kommt gut.“ Friedrich Merz attestiert er, seine liberal-konservativen Grundsätze dem Wunsch, Kanzler zu werden, geopfert zu haben. Die Stärke der AfD sieht er darin, „im Gegenwind stehen zu bleiben“.
Nicht alle folgen ihm in jedem Punkt. Ein Ostdeutscher widerspricht offen: Köppels Sympathie für Israel teile er nicht, und dessen Lob für Konrad Adenauer klinge angesichts von dessen „Russenhass“ wie Hohn. Köppel weicht nicht aus, räumt aber ein: „Nobody is perfect.“ Israel liege ihm kulturell und theologisch näher; zugleich sei der Nahostkonflikt „eine ewige Sache“, bei der ein Journalist stets auf der Verliererseite stehe.
Der Ausklang
Am Ende wird Köppel grundsätzlich. Er beruft sich auf Leo Tolstois „Krieg und Frieden“: Nicht die Napoleons trieben die Geschichte, sondern die vielen Einzelnen. „Auf uns kommt es an.“ Sein Rezept für Deutschland: mehr direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild und eine neutrale Außenpolitik, die „mit allen Ländern dieser Welt freundschaftliche Beziehungen“ pflegt.
Der Zuspruch im Saal ist ihm da längst sicher. „Köppel und die Schweiz zeichnet das Bekenntnis zur Neutralität und zur direkten Demokratie aus“, sagt Torsten Prusseit, der den Schweizerisch-Deutschen Wirtschaftsclub für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vertritt. „Die Schweiz ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für uns.“ Als Köppel bei einem früheren Auftritt in Dresden erwähnte, er komme gerade aus Sachsen-Anhalt, habe es Standing Ovations gegeben. An diesem Abend in Erfurt ist die Stimmung nicht anders.
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