Am 9. Oktober 2026, 25 Tage vor den US-Zwischenwahlen, verkündet Donald Trump auf Truth Social, Russland werde nach einem Gespräch mit Wladimir Putin „umgehend“ mehr als 300.000 Tonnen Diesel für den US-amerikanischen und globalen Markt freigeben. Weitere 500.000 Tonnen sollen im November folgen, danach eine Million und, abhängig vom Zustand russischer Raffinerien, drei Millionen Tonnen.
Noch am selben Tag unterzeichnet Bradley T. Smith, Direktor der US-Sanktionsbehörde OFAC, die General License No. 135. Sie erlaubt bis zum 7. April 2027 sämtliche Transaktionen rund um Verkauf, Lieferung und Einfuhr russischen Diesels – ausdrücklich auch in die USA. Ausgenommen bleiben Geschäfte mit der russischen Zentralbank, dem Nationalen Wohlstandsfonds und dem Finanzministerium. Seit Februar 2022 gab es keine Dieselausnahme mit einer derart langen Laufzeit.
Selensky reagiert ungehalten auf Trumps Entscheidung
Zur selben Stunde beraten Steve Witkoff und Jared Kushner in Miami mit ukrainischen, europäischen und Nato-Vertretern über einen Vorschlag für ein Kriegsende. Wolodymyr Selenskyj reagiert scharf: „Geschenke an Putin werden keinen Frieden bringen.“
Sein Team werde „als Fassade benutzt“. Trump beantwortet auf dem Weg zu einem Wahlkampfauftritt keine Frage dazu, dankt Putin aber öffentlich für „die massiven Mengen an Öl“.
Widerspruch zu US-Gesetz vor wenigen Wochen
Drei Wochen zuvor hatte Trump den Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026 unterzeichnet. Das mit überwältigender Mehrheit verabschiedete Gesetz sieht Zölle von bis zu 100 Prozent für große Abnehmer russischer Energie vor. Nun tritt die US-Regierung selbst als möglicher Abnehmer auf.
Rechtlich ist das kein Bruch: Das Gesetz lässt Ausnahmen im nationalen Interesse zu. Politisch bestätigt der Diesel-Deal die Grenze des Gesetzes – es kann die Regierung nicht zu größerem Druck auf Moskau zwingen.
Kein Showdown, sondern ein Muster
Wer den Vorgang als einmalige Zuspitzung liest, übersieht den Zyklus, der Trumps Verhältnis zu Selenskyj seit Januar 2025 prägt: öffentliche Demütigung, ukrainische Konzession, US-amerikanischer Schwenk nach Moskau, ukrainische Schadensbegrenzung.
Im Februar 2025 verhandeln die USA in Riad mit Russland ohne die Ukraine. Trump nennt Selenskyj einen „Diktator ohne Wahlen“. Am 28. Februar folgt der Eklat im Oval Office – „You don’t have the cards“ –, das geplante Rohstoffabkommen platzt. Washington setzt Militärhilfe und Aufklärungsdaten aus.
Wechselhaftes Verhältnis zwischen Washington und Kiew
Erst nachdem Kiew am 11. März in Dschidda einem 30-tägigen Waffenstillstandsvorschlag zustimmt, entspannt sich das Verhältnis. Am 30. April wird der US-ukrainische Rohstofffonds vereinbart: Zugriff auf Bodenschätze wird teilweise des Preises für Washingtons Unterstützung.
Im August empfängt Trump Putin in Anchorage auf rotem Teppich. Drei Tage später erscheint Selenskyj mit sieben europäischen Regierungschefs im Weißen Haus. Trumps Zuspruch im September – die Ukraine könne ihr Territorium zurückgewinnen, Russland sei ein „Papiertiger“ – mündet zunächst in Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil. Dann folgt der 28-Punkte-Plan aus dem Kanal Witkoff–Dmitrijew, der in Genf gekürzt wird.
Dreiergespräche ohne Ergebnis
Anfang 2026 sprechen die USA, Russland und die Ukraine in Abu Dhabi und Genf erstmals seit Kriegsbeginn gemeinsam. Sie erreichen einen Gefangenenaustausch und einen militärischen Kommunikationskanal. Der am 28. Februar beginnende Iran-Krieg legt die Gespräche faktisch auf Eis. Erst am 6. September reisen Witkoff und Kushner erstmals nach Kiew – nach monatelangen Verhandlungen und mehreren Reisen nach Russland.
Am Vortag haben sie drei Stunden bei Putin gesessen. Auch beim vorangegangenen ernsthaften Anlauf im Januar waren sie nach Moskau, nicht aber nach Kiew gereist. In der ukrainischen Hauptstadt wird das als Zurücksetzung verstanden.
Verändert hat sich seither vor allem Selenskyjs Sprache. Seine Kritik an der „schwachen Entscheidung starker Partner“ ist ungewöhnlich deutlich; zugleich betont er, weiter auf faire Unterstützung der US zu zählen. Vorwurf und Loyalitätsbekenntnis stehen im selben Absatz. Ein Showdown setzt voraus, dass beide Seiten den Bruch riskieren können. Kiew kann es nicht, Washington muss es nicht. Die Zumutung wird zur Routine.
Energiedominanz als Betriebssystem
Trumps Ukraine-Politik lässt sich ohne seine Energiedoktrin kaum verstehen. Seit 2016 fordert er „American energy dominance“; später wird daraus ein Ziel der nationalen Sicherheitsstrategie, mehrerer Erlasse und eines eigenen National Energy Dominance Council.
Gemeint ist nicht Autarkie, sondern Einfluss auf Energieflüsse, Preise und Infrastruktur. Unter diesem Blickwinkel bilden scheinbar widersprüchliche Entscheidungen eine eigene Logik, die von Europa aus noch zu oft übersehen wird.
Das Rohstoffabkommen vom April 2025 sichert den USA Zugang zu ukrainischen Vorkommen. Im Turnberry-Deal vom Juli verpflichtet sich die EU zu Energiekäufen in den USA im Umfang von 750 Milliarden US-Dollar bis 2028.
Entschiedene US-Haltung gegen Brüssel
Vor der UN-Generalversammlung wirft Trump den Europäern vor, mit russischen Ölkäufen den Krieg gegen sich selbst zu finanzieren – ein moralisches Argument gegen Moskau, das zugleich für amerikanisches LNG wirbt.
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Die Sanktionen gegen Lukoil im Oktober 2025 machen dessen Auslandsvermögen zum möglichen Übernahmeobjekt. Nach Angaben der New York Times spricht Kushner mit russischen Vertretern über Lukoil-Anteile; das Weiße Haus will dabei eine Vorauszahlung und Gewinnbeteiligung für die USA sichern.
Europas Energieinfrastruktur geht an US-Investoren
Am 8. Oktober 2026 berichtet Reuters von Gesprächen über den Einstieg eines US-Investors bei Nord Stream. Ein solches Geschäft könnte US-Kapital an künftigen Gaslieferungen von Russland nach Europa beteiligen. Das Weiße Haus dementiert die Perspektive nicht grundsätzlich: Etwaige Deals müssten mit amerikanischen Behörden ausgehandelt werden und US-Steuerzahlern und -Unternehmen nützen.
Der Diesel-Deal macht den Widerspruch dieser Politik sichtbar. Angriffe auf russische Raffinerien sind einer der wirksamsten wirtschaftlichen Hebel Kiews. Putin bezifferte den Schaden am 1. Oktober auf ein Prozent des russischen BIP und fragte, wie russischer Diesel unter den Sanktionen noch den Weltmarkt erreichen solle. Acht Tage später liefert Washington mit seiner Lizenz eine Antwort.
USA wünschen keine Angriffe auf russische Energieinfrastruktur
Trump hatte Selenskyj bereits aufgefordert, die russische Dieselversorgung nicht länger lahmzulegen. Damit soll die Ukraine eine wirksame Waffe aus der Hand geben, weil deren Folgen auf einem durch den Irankrieg angespannten Weltmarkt auch US-amerikanische Zapfsäulen erreichen.
Laut IEA lagen die Netto-Dieselexporte der Golfstaaten im August bei gut einem Viertel des Vorkriegsniveaus. In dieser Lage bekommt der Preis für US-Verbraucher Vorrang vor dem Sanktionsdruck – und der Sanktionsdruck Vorrang vor ukrainischer Kriegführung.
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Der unmittelbare Markteffekt dürfte gering sein. Die USA haben nach Kpler-Daten seit Juli 2022 keinen russischen Diesel gekauft; 300.000 Tonnen entsprächen rechnerisch nur etwa 14 Stunden US-Verbrauch. Umso größer ist das politische Signal. Der Kreml nennt nach dem Telefonat auch die Ukraine und bilaterale Beziehungen als Gesprächsthemen. Was Moskau im Gegenzug zugesagt hat, bleibt offen.
Europa: Sanktionsarchitekt oder Absatzmarkt?
Für Europa nimmt die Frage nach dem Ausgang dieses Krieges eine unerwartete Form an. Die EU hat Nord Stream sanktioniert, russisches LNG ab 2027 ausgeschlossen und den Ausstieg aus russischem Pipelinegas bis Ende 2027 beschlossen.
Zugleich hat sie sich zu umfangreichen US-amerikanischen Energiekäufen verpflichtet und finanziert mit einem 90-Milliarden-Kredit den ukrainischen Haushalt für 2026 und 2027. Die USA haben Zugang zu ukrainischen Rohstoffen, einen wachsenden LNG-Markt – und könnten, falls die Gespräche über Nord Stream Substanz gewinnen, auch an einer künftigen Route für russisches Gas beteiligt sein.
Die Hürden dafür sind erheblich. Nord Stream steht mehrheitlich im Eigentum von Gazprom. Für eine Inbetriebnahme wären deutsche und europäische Genehmigungen nötig; gegenwärtig wird sie von keiner zuständigen Seite angestrebt.
Das vom dänischen Verteidigungskommando zur Verfügung gestellte Foto zeigt das Nord-Stream-2-Gasleck in der Nähe von Bornholm aus der Luft.
© -/Danish Defence Command/dpa
Dennoch beschreibt der frühere Energie-Staatssekretär Michael Kellner das Risiko als „schmutzigen Deal zulasten Europas“: US-Amerikaner und Russen könnten Gewinne teilen und Europa unter Druck setzen.
Das denkbare Modell ist schlicht: amerikanisches Kapital zwischen russischer Ressource und europäischem Verbraucher. Europa zahlte dann mehrfach – heute für teures LNG, morgen womöglich für Pipelinegas mit Gewinnen in Washington und Moskau, während es weiter Verteidigung und Wiederaufbau der Ukraine trägt.
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In Anchorage saßen die Europäer nicht am Tisch, am ursprünglichen 28-Punkte-Plan waren sie nicht beteiligt, in Abu Dhabi nicht vertreten. Dass sie in Miami mitverhandeln, beseitigt die Gefahr nicht, dass auf dem Energiemarkt Fakten geschaffen werden, während über Sicherheit gesprochen wird.
Ob Europa zum strukturellen Verlierer wird, ist nicht entschieden. Es verfügt über Sanktionsrecht, Zertifizierungspflichten und Einfluss auf den Umgang mit eingefrorenen russischen Zentralbankreserven. Die Frage ist, ob es diese Positionen nutzt – und wie lange es einem Angebot billigeren Gases widersteht, wenn die Erlöse anderswo anfallen.
Die offene Rechnung
Die Entscheidung vom 9. Oktober passt in eine Lizenz von zwei Absätzen. Offen bleiben Käufer, Preise, Häfen, der Anteil für die USA und selbst die Frage, ob die angekündigten drei Millionen Tonnen einmalig oder monatlich gemeint sind. Klarer wird die Rangordnung: Midterms vor Sanktionsgesetz, Sanktionsgesetz vor Verhandlungsprozess, Verhandlungsprozess vor ukrainischer Kriegführung.
Die offene Rechnung wird Europa zahlen. Washington lockert Sanktionen, wenn Energiepreise innenpolitisch drücken, sichert sich über den Ukraine-Fonds Zugriff auf ukrainische Rohstoffe und bindet die EU zugleich über milliardenschwere Energiezusagen enger an US-amerikanische Lieferketten.
Dass parallel sogar wieder Modelle für russische Gasströme nach Europa mit US-Kapital sondiert werden, zeigt die Richtung: Moskau soll wieder verkaufen, Amerika an der Abwicklung verdienen – und Europa soll kaufen. Damit wird Europa zum klaren Verlierer dieser Energieordnung: Es trägt die Ukraine-Kosten, verliert strategische Kontrolle und bleibt der Absatzmarkt, auf dem andere ihre Macht monetarisieren.
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