Pressefreiheit

„Sie haben uns getötet“: Russlands bekannteste unabhängige Zeitung gibt auf

Nach 33 Jahren kündigt die Nowaja Gaseta das Ende ihrer Arbeit in Moskau an. Die Redaktion erhebt schwere Vorwürfe gegen Behörden und Geheimdienste.

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Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, Chefredakteur der Nowaja Gaseta, im September 2026 vor einem Gericht in Moskau.

Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, Chefredakteur der Nowaja Gaseta, im September 2026 vor einem Gericht in Moskau.

© Alexander Shcherbak/imago

Eine der bekanntesten unabhängigen Zeitungen Russlands stellt ihre Arbeit ein. Die Nowaja Gaseta, deren Recherchen über Korruption, staatliche Gewalt und Menschenrechtsverletzungen das Land über Jahrzehnte prägten, hat am Freitag ihre Schließung angekündigt. In einer außergewöhnlich scharfen Erklärung macht die Redaktion die russischen Behörden und Geheimdienste für das Ende verantwortlich.

„Sie haben uns getötet“, heißt es in der Abschiedserklärung auf der Website der Zeitung. Am 9. November werde man die Redaktionsräume im Zentrum Moskaus verlassen und die Server abschalten. „Die Zeitung existiert nicht mehr“, schreibt die Redaktion. Die russischen Behörden und Geheimdienste hätten sie gezwungen, ihre Arbeit einzustellen.

Die Entscheidung trifft eines der traditionsreichsten kritischen Medien Russlands. Ihr langjähriger Chefredakteur Dmitri Muratow erhielt 2021 den Friedensnobelpreis. Erst Anfang September war das Onlineangebot der Zeitung vom russischen Justizministerium als „ausländischer Agent“ eingestuft worden.

Nowaja Gaseta verliert Redaktionsräume und Spenden ihrer Leser

In ihrer Erklärung beschreibt die Redaktion, wie ihr in den vergangenen Monaten die wirtschaftliche Grundlage entzogen worden sei. Banken hätten die Zusammenarbeit beendet, das System zur Finanzierung durch Leserspenden sei abgeschaltet worden.

Zeitgleich erhielt die Zeitung die Aufforderung, ihre bisherigen Räume im Potapowski-Gässchen zu verlassen. Fast 30 Jahre lang hatte sie von dort aus berichtet.

„Wir haben sämtliche Ressourcen verloren. Vollständig“, schreibt die Redaktion. Sie bezeichnet das Vorgehen als koordinierte Aktion und erhebt schwere Vorwürfe gegen den russischen Inlandsgeheimdienst FSB.

Die Behauptung, dass Geheimdienstmitarbeiter die Maßnahmen gezielt gesteuert hätten, lässt sich nicht unabhängig bestätigen. Die Räumung und der Wegfall der Spendenmöglichkeiten sind dagegen dokumentiert. Wie die Nachrichtenseite Mediazona berichtet, erhielt die Redaktion die Aufforderung, ihre Büroräume spätestens am 9. November freizugeben.

Mit dem Auszug muss auch ein kleines redaktionsinternes Museum schließen, das der 2006 ermordeten Investigativjournalistin Anna Politkowskaja gewidmet ist. Ihre früheren Arbeitsräume erinnerten an sie und andere getötete Kollegen.

Friedensnobelpreisträger Muratow und Journalisten unter Druck

Die Nowaja Gaseta wurde 1993 gegründet. Der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow unterstützte sie mit einem Teil seines Nobelpreisgeldes. Schnell entwickelte sich das Blatt zu einer wichtigen Stimme des unabhängigen Journalismus.

Seine Recherchen beschäftigten sich mit Korruption, dem Tschetschenienkrieg, dem Machtapparat von Präsident Wladimir Putin und Übergriffen russischer Sicherheitsbehörden.

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Die Arbeit war mit erheblichen Gefahren verbunden. Sechs Menschen aus dem Umfeld der Zeitung wurden in den vergangenen Jahrzehnten getötet, darunter Anna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2006 in ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen wurde.

Auch andere Mitarbeiter wurden angegriffen. Muratow wurde 2022 in einem Zug mit einer aggressiven Flüssigkeit attackiert und im Gesicht verletzt. Die Journalistin Jelena Milaschina wurde 2023 in Tschetschenien schwer misshandelt.

Im April 2026 durchsuchten russische Sicherheitskräfte die Moskauer Redaktion. Der Investigativjournalist Oleg Roldugin wurde festgenommen. Die Behörden werfen ihm den unrechtmäßigen Umgang mit personenbezogenen Daten vor. Er bestreitet die Anschuldigungen und steht inzwischen unter Hausarrest.

Am 15. Oktober wurde auch die Wohnung von Chefredakteur Sergej Sokolow durchsucht. Anschließend brachten Ermittler ihn zur Befragung. Eine Anklage gegen ihn wurde damals nicht erhoben, wie Reuters berichtete.

Im September wollte die Redaktion noch weiterkämpfen

Besonders bemerkenswert ist der Gegensatz zur Haltung der Redaktion vor knapp zwei Monaten.

Am 4. September hatte das russische Justizministerium das Internetangebot der Nowaja Gaseta offiziell in sein Register „ausländischer Agenten“ aufgenommen.

Die Behörde warf dem Medium unter anderem vor, angeblich falsche Informationen über Entscheidungen russischer Staatsorgane verbreitet und sich gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen zu haben.

Die Redaktion reagierte damals mit einer kämpferischen Stellungnahme. Die Überschrift lautete: „Wir haben keine Kommentare. Wir haben eine Haltung.“

Man werde weiterhin für einen möglichst schnellen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen eintreten. Die Rechte und Freiheiten des Menschen hätten Vorrang vor staatlichen Interessen, erklärten die Journalisten. Sie seien überzeugt, ihre Arbeit in Russland fortsetzen zu können.

Keine zwei Monate später kündigt die Redaktion nun das Ende an.

Auch Moskauer Deutsche Zeitung von Maßnahmen betroffen

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 hat die russische Führung die Gesetze gegen kritische Berichterstattung erheblich verschärft. Wer nach Ansicht der Behörden falsche Informationen über die Streitkräfte verbreitet, muss mit langjährigen Haftstrafen rechnen.

Die Nowaja Gaseta setzte ihre reguläre gedruckte Ausgabe bereits im März 2022 aus. Später entzogen ihr russische Gerichte die Medienregistrierung. Trotzdem arbeitete die Moskauer Redaktion in eingeschränkter Form weiter.

Der Druck betrifft auch andere Medien. Erst vor wenigen Tagen kündigte die Moskauer Deutsche Zeitung an, ihre eigenständige deutschsprachige Ausgabe mindestens bis Ende 2027 auszusetzen. Zuvor hatte das russische Justizministerium ihren Verlag und den Internationalen Verband der deutschen Kultur als „ausländische Agenten“ eingestuft. Darüber berichtete diese Zeitung am 26. Oktober.

Die organisatorisch eigenständige Nowaja Gaseta Europe, die frühere Mitarbeiter 2022 im Exil gründeten, besteht dagegen weiter. Sie berichtet von ihrem Sitz im lettischen Riga aus über Russland, die Ukraine und Belarus.

„Wir befinden uns in einer Todeszone“

In ihrem Abschiedsbrief geht die Moskauer Redaktion weit über die Beschreibung der eigenen Situation hinaus. Sie wirft der russischen Führung vor, demokratische Institutionen zerstört, die Justiz politisch unterworfen und die verfassungsmäßigen Rechte der Bürger ausgehöhlt zu haben.

Ausdrücklich verweist sie auf Artikel 29 der russischen Verfassung, der Zensur verbietet. Angesichts der heutigen Verhältnisse klinge diese Garantie wie Hohn, schreiben die Journalisten. Sie sprechen von einer nahezu errichteten Militärdiktatur.

„Wir befinden uns in einer Todeszone“, heißt es in der Erklärung. Mit der Schließung gehe nicht nur eine Zeitung verloren. Die Redaktion sieht darin auch ein Zeichen für den Zustand der russischen Gesellschaft.

Eine unmittelbare Stellungnahme der russischen Behörden zur angekündigten Schließung lag zunächst nicht vor. Die Regierung hat Einschränkungen der Pressefreiheit in der Vergangenheit mit Sicherheitsinteressen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg begründet.

Ganz ohne Abschied will die Nowaja Gaseta allerdings nicht verschwinden. Eine letzte Ausgabe soll noch erscheinen. Danach sollen am 9. November in den Moskauer Redaktionsräumen endgültig die Lichter ausgehen.

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