Ukraine-Krieg

Nach 15 Toten am Bahnhof: Dnipro erneut angegriffen – Hunderttausende ohne Strom

Russland setzt seine massiven Angriffe auf ukrainische Städte fort. In Dnipro bricht das beschädigte Stromnetz erneut zusammen, der öffentliche Nahverkehr kommt teilweise zum Erliegen.

6 Min
Ukrainische Rettungskräfte transportieren einen Verletzten nach dem russischen Drohnenangriff auf den Bahnhof von Dnipro am 29. Oktober 2026 ab.

Ukrainische Rettungskräfte transportieren einen Verletzten nach dem russischen Drohnenangriff auf den Bahnhof von Dnipro am 29. Oktober 2026 ab.

© Ukrainian Emergency Service/AFP

Russland hat seine Angriffe auf die Ukraine in der Nacht zum Freitag fortgesetzt. Besonders schwer betroffen ist die Großstadt Dnipro, wo nach mehreren Angriffen zeitweise mehr als 350.000 Stromanschlüsse in der Stadt und den umliegenden Gemeinden ohne Versorgung waren. Das beschädigte Stromnetz brach am Freitagmorgen nach ersten Reparaturen erneut zusammen. Auch der öffentliche Nahverkehr wurde weitgehend lahmgelegt.

Zugleich wurde der Bahnhof von Dnipro nach Angaben der ukrainischen Staatsbahn in der Nacht erneut angegriffen. Erst am Donnerstag hatte eine russische Drohne dort einen mit Passagieren besetzten Bahnsteig getroffen. Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf 15. Die Angriffe stehen im Zusammenhang mit einer seit Ende September laufenden russischen Kampagne gegen die ukrainische Energieversorgung, wie Analysen des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) zeigen.

Bahnhof von Dnipro erneut getroffen – 15 Tote nach Angriff vom Donnerstag

Der Chef der ukrainischen Staatsbahn Ukrzaliznytsia, Oleksandr Perzowskyj, berichtete am Freitagmorgen von einem weiteren russischen Angriff auf den Bahnhof der Stadt. Es sei eine äußerst schwierige Nacht gewesen. Reisende warteten darauf, ihre Fahrt fortsetzen zu können. Die Bahn versuche, sie in Sicherheit zu bringen und alternative Verbindungen zu organisieren. Das genaue Ausmaß der neuen Schäden wurde zunächst nicht bekannt.

Am Donnerstag gegen 11 Uhr war nach Angaben der ukrainischen Polizei eine Drohne mit Strahlantrieb auf einem Bahnsteig eingeschlagen, auf dem ein Zug nach Saporischschja zur Abfahrt bereitstand. Die ukrainischen Behörden meldeten zunächst 13 Tote, später stieg die Zahl auf 14.

Am Freitag erlag ein 40 Jahre alter Mann im Krankenhaus seinen Verletzungen. Damit erhöhte sich die Zahl der Todesopfer auf 15, berichtete Ukrainska Pravda unter Berufung auf Regionalverwaltungschef Oleksandr Hanscha.

Elf Verletzte wurden weiterhin in Krankenhäusern behandelt, sechs von ihnen befanden sich in schwerem Zustand. Unter den Schwerverletzten ist auch ein elfjähriger Junge.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Stromnetz in Dnipro bricht zusammen – Nahverkehr weitgehend eingestellt

Neben dem Bahnhof wurde die Energieinfrastruktur der Region schwer beschädigt. Nach Angaben von Regionalverwaltungschef Hanscha verloren infolge der Angriffe am Donnerstagabend mehr als 350.000 Stromkunden in Dnipro und umliegenden Gemeinden vorübergehend ihre Versorgung.

Reparaturteams arbeiteten während der Nacht daran, die Schäden zu beheben. Zunächst gelang es, einen Teil der Stromversorgung wiederherzustellen. Am Freitagmorgen fiel die Elektrizität jedoch erneut großflächig aus.

Das beschädigte Netz habe der Belastung nicht standgehalten, erklärte Hanscha. Der Energieversorger DTEK führte auf Anweisung des staatlichen Netzbetreibers Ukrenergo Notabschaltungen ein.

Ein beschädigter Personenzug und die Leichen von Opfern des russischen Angriffs auf den Bahnhof von Dnipro. Nach ukrainischen Angaben kamen mindestens 15 Menschen ums Leben.

Ein beschädigter Personenzug und die Leichen von Opfern des russischen Angriffs auf den Bahnhof von Dnipro. Nach ukrainischen Angaben kamen mindestens 15 Menschen ums Leben.

© Ukrainian Emergency Service/AFP

Die Folgen waren im gesamten Stadtgebiet zu spüren. Straßenbahnen, Oberleitungsbusse und die U-Bahn stellten zeitweise den Betrieb ein. Später konnten einzelne Metrozüge wieder verkehren. Die Wasserversorgung und weitere wichtige Einrichtungen wurden teilweise auf Notstromgeneratoren umgestellt.

Bürgermeister Borys Filatow rief die Einwohner dazu auf, möglichst zu Hause zu bleiben und ausreichend Lebensmittel und Wasser für mehrere Tage bereitzuhalten. Darüber berichtete Ukrainska Pravda unter Berufung auf die Stadtverwaltung und den Energieversorger DTEK.

Russland greift Ukraine mit 113 Drohnen und mehreren Raketen an

Die Angriffe auf Dnipro waren Teil einer größeren russischen Angriffswelle. In der Nacht zum Freitag setzte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe insgesamt 113 Drohnen, vier gelenkte Luft-Boden-Raketen und eine nicht näher bezifferte Zahl ballistischer Raketen ein.

Unter den Drohnen befanden sich demnach 83 Fluggeräte mit Strahlantrieb. Die Luftabwehr meldete, 96 Drohnen und drei der vier gelenkten Raketen abgeschossen oder elektronisch abgewehrt zu haben.

Einschläge wurden an 17 Orten registriert, herabfallende Trümmer an fünf weiteren. Besonders betroffen waren nach ukrainischen Militärangaben die Regionen Kiew, Poltawa und Dnipropetrowsk. Die Angaben lassen sich nicht vollständig unabhängig überprüfen.

In der Hauptstadt Kiew starb bei einem russischen Raketenangriff ein Mensch. Weitere Personen wurden verletzt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters wurden unter anderem Lagergebäude und Wohnhäuser beschädigt.

Bereits am Donnerstag waren auch andere ukrainische Städte angegriffen worden. In Tschernihiw kamen zwei 15 Jahre alte Mädchen ums Leben. In Krementschuk starben nach Behördenangaben drei Menschen.

Russlands Winteroffensive gegen die Energieversorgung läuft seit Wochen

Die jüngsten Angriffe sind Teil einer größeren russischen Strategie. Bereits Ende September begann Russland nach Einschätzung des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) seine diesjährige Winterkampagne gegen die ukrainische Energieversorgung.

Am 30. September hatten russische Raketen und Drohnen Kraftwerke und andere Energieanlagen in und um Kiew getroffen. Der ukrainische Netzbetreiber Ukrenergo verhängte daraufhin Notabschaltungen.

In seiner Analyse vom 4. Oktober erklärte das ISW, Russland habe die Angriffe auf die Energieinfrastruktur in diesem Jahr früher begonnen als in vergangenen Wintern.

Die Analysten vermuten dahinter eine Anpassung der russischen Strategie. Weil die russischen Streitkräfte ihre militärischen Ziele am Boden nicht wie geplant erreichten, könnte Präsident Wladimir Putin verstärkt versuchen, die ukrainische Bevölkerung durch Angriffe auf die Versorgung unter Druck zu setzen und die Regierung von Wolodymyr Selenskyj zu Zugeständnissen zu bewegen.

In seiner Analyse vom 29. Oktober verweist das Institut außerdem auf die zunehmende Zahl russischer Drohnenangriffe am Tag. Diese sollen nach Einschätzung der Experten nicht nur militärische Infrastruktur treffen, sondern auch den Alltag der Bevölkerung und die ukrainische Wirtschaft beeinträchtigen.

Moskau bestätigt massive Angriffe auf ukrainische Energieanlagen

Das russische Verteidigungsministerium bestätigte am Freitag groß angelegte Angriffe auf Ziele in Kiew sowie den Regionen Kiew und Dnipropetrowsk.

Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax erklärte das Ministerium, die Angriffe hätten ukrainischen Rüstungsbetrieben gegolten, die an der Herstellung und Lagerung von Drohnen beteiligt seien. Auch Energieanlagen, die diese Betriebe versorgten, seien getroffen worden.

Zudem meldete das russische Militär Angriffe auf Hafenanlagen und Schiffe in der Region Odessa. Die behaupteten militärischen Treffer sind nicht unabhängig bestätigt. Auf die Todesopfer am Bahnhof von Dnipro ging das Ministerium in seiner Erklärung nicht gesondert ein.

Russland hatte bereits in früheren Kriegswintern wiederholt die ukrainische Energieinfrastruktur angegriffen. Besonders im Winter 2022/23 führten die Schäden an Kraftwerken und Umspannwerken zu großflächigen Stromausfällen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner