Pappkartons, keine Luftlöcher, kein Wasser, kein Futter. Darin sieben Hundewelpen, zwei davon vermutlich erst sechs Wochen alt.
Das fanden Einsatzkräfte der Bundespolizeiinspektion Chemnitz am vergangenen Freitag um 15.20 Uhr im Ford Galaxy einer 48-jährigen Rumänin. Kontrollort: der Grenzübergang Reitzenhain im Erzgebirge, 779 Meter hoch auf dem Kamm, direkt an der tschechischen Grenze.
Gültige Papiere konnte die Frau für keines der Tiere vorlegen. Nach eigenen Angaben wollte sie die Hunde nach Belgien bringen.
Die Bundespolizei verständigte das Veterinäramt. Eine Amtstierärztin kam an den Übergang, die Welpen kamen in ein Tierheim.
Altersschätzung: sechs bis zwölf Wochen
Wie alt die Tiere genau sind, lässt sich nur schätzen. Eine Sprecherin der Bundespolizei sagte MDR Sachsen: „Zwei Welpen sind vermutlich erst sechs bis sieben Wochen alt.“ Die übrigen fünf dürften elf bis zwölf Wochen alt sein.
Zum Gesundheitszustand konnte die Behörde zunächst nichts sagen. Gegen die Frau läuft ein Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.
Erhoben wurden 120 Euro Sicherheitsleistung. Das Geld soll die Kosten im Tierheim decken, wie der Sender berichtet.
Was jetzt mit den sieben Welpen passiert
Zunächst Quarantäne. Ohne gültige Tollwutimpfung dürfen die Tiere weder vermittelt noch weitertransportiert werden, üblich sind mehrere Wochen Isolation unter tierärztlicher Kontrolle.
Danach entscheidet das Veterinäramt. Legt die Halterin gültige Dokumente nach und lässt die Impfungen nachholen, können die Hunde freigegeben werden. Geschieht das nicht, werden sie eingezogen und über das Tierheim vermittelt.
In beiden Fällen vergehen Wochen, in denen jemand für Futter, Zwinger und Tierarzt aufkommt.
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Grenzübergang Reitzenhain: Fälle im Wochentakt
Der Übergang gehört zu den wichtigsten Einfallstoren des illegalen Welpenhandels nach Deutschland. Seit der Wiedereinführung der Grenzkontrollen wird hier systematisch angehalten.
Die Bilanz dieses Jahres liest sich entsprechend. Ende Januar fünf Welpen im Kofferraum eines bulgarischen Kleinbusses. Anfang März zwei Welpen im Auto eines Ungarn, wenige Tage darauf drei weitere bei einem Bulgaren.
Bis Mitte März waren allein in Reitzenhain 13 Hundewelpen und eine Katze beschlagnahmt, wie die Freie Presse berichtete. Das Blatt zog schon damals Parallelen zwischen den Fällen.
Der Weg ist fast immer derselbe: Vermehrerstationen in Rumänien, Bulgarien oder Ungarn, dann durch Tschechien, dann über den Erzgebirgskamm nach Westen. Sachsen ist Transitland, nicht Zielmarkt.
Die 15-Wochen-Regel und warum sie gebrochen wird
Wer einen Hund innerhalb der EU über eine Grenze bringt, braucht drei Dinge: Mikrochip, EU-Heimtierausweis, gültige Tollwutimpfung. Geimpft werden darf frühestens ab der zwölften Lebenswoche, danach gilt eine Wartezeit von 21 Tagen.
Vor der 15. Woche darf also kein Welpe legal transportiert werden. In Deutschland dürfen Hundebabys zusätzlich erst nach acht Wochen von der Mutter getrennt werden.
Genau daran scheitert das Geschäftsmodell. Käufer wollen möglichst junge Tiere, ein Hund von 15 Wochen sieht nicht mehr aus wie das Foto in der Kleinanzeige.
Also gehen die Welpen früher auf die Reise, oft mit sechs oder sieben Wochen wie jetzt im Erzgebirge. Tierschutzorganisationen berichten regelmäßig von gefälschten oder nachträglich gestempelten Heimtierausweisen.
Je jünger der Welpe, desto höher der Preis: Genau deshalb gehen die Tiere im illegalen Handel oft schon mit sechs Wochen auf Transport. Legal wäre es erst ab der 15. Woche. (Symbolbild)
© Imago
Was die Quarantäne die sächsischen Tierheime kostet
Der Deutsche Tierschutzbund beziffert die reinen Kosten für Unterbringung und Pflege eines beschlagnahmten Tieres auf durchschnittlich gut 16 Euro pro Tag. Bei sieben Welpen und drei Wochen Quarantäne sind das rund 2.400 Euro, die tierärztliche Versorgung noch nicht eingerechnet.
Und die fällt fast immer an. Viele der Tiere sind verwurmt, haben Giardien oder sind mit dem Parvovirus infiziert.
Gegengerechnet werden 120 Euro Sicherheitsleistung. Den Rest tragen die Tierheime, ihre Spender und der Freistaat.
Sachsen hat die Förderung deshalb aufgestockt: Im Doppelhaushalt 2025/26 stiegen die Mittel der Förderrichtlinie Tierschutz von 1,32 auf 2,0 Millionen Euro jährlich, verteilt auf mehr als 50 Tierheime im Land. Eine bundesweit verbindliche Regelung, wer die Kosten beschlagnahmter Tiere trägt, gibt es bis heute nicht.
Kleine Rassen, hohe Preise
Die Stiftung Vier Pfoten zählte von Januar bis Ende Juni 2026 bundesweit 333 illegal gehandelte Tiere in 50 Fällen, darunter 302 Hunde. Acht Welpen überlebten die Strapazen trotz tierärztlicher Behandlung nicht.
Zur Aussagekraft solcher Zahlen sagt Saskia Dauter, Expertin der Stiftung: „Dabei handelt es sich fast immer um Zufallsfunde durch Behörden.“
Gefragt sind kleine Rassen. Dackel machten im ersten Halbjahr fast ein Drittel der beschlagnahmten Hunde aus, dazu kommen Französische Bulldoggen, Malteser und Pudelmixe, zuletzt bevorzugt in Modefarben wie Merle.
Im Netz werden solche Tiere zu Preisen angeboten, die kaum unter denen seriöser Züchter liegen. Bei 1.000 bis 1.500 Euro pro Welpe hätte der Transport aus Reitzenhain rund 7.000 bis 10.000 Euro eingebracht. Das Risiko lag bei 120 Euro.
Neue EU-Verordnung: Chippflicht mit langem Vorlauf
Am 28. April 2026 hat das Europäische Parlament mit 558 zu 35 Stimmen die erste EU-weite Verordnung zum Wohlergehen und zur Rückverfolgbarkeit von Hunden und Katzen beschlossen. Der Rat der EU nahm sie am 22. Mai formal an.
Kern ist eine Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht: Chip für jedes Tier, Eintrag in nationale Datenbanken, die europaweit miteinander vernetzt sein sollen. Dazu kommen Mindeststandards für Zuchtbetriebe und ein Verifizierungssystem für Online-Angebote.
Die Übergangsfristen sind großzügig. Für Züchter, Händler und Tierheime greift die Chippflicht vier Jahre nach Inkrafttreten, für private Hundehalter erst nach zehn Jahren, für Katzenhalter nach 15.
Bis dahin bleibt es bei Stichproben auf 779 Metern Höhe. Und bei Tierheimen im Erzgebirge, die Zwinger frei räumen für Hunde, die nie hier bleiben sollten.
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