Erst Gerhard Schröders Intimus und Kanzleramtschef, dann Außenminister unter Angela Merkel: Frank-Walter Steinmeier hat seine politische Karriere im Schloss Bellevue ruhig ausklingen lassen. Am Ende werden es unzählige Empfänge und Festreden gewesen sein, zehn Weihnachtsansprachen und rund 1000 unterzeichnete Gesetze, die sein Amt als Bundespräsident prägten. Nichts davon wird in kollektiver Erinnerung bleiben. Das Aufregendste in den vergangenen zehn Jahren war wohl neulich der Umzug vom sanierungsbedürftigen Schloss in das quietschbunte Ausweichquartier am Spreebogen.
Das Amt des Bundespräsidenten ist über die Jahre leer geworden, hohl. Ein repräsentativer Job für altgediente Politiker. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wollten ursprünglich nur seine Macht beschneiden, damit kein zweiter Reichspräsident Hindenburg mehr das Parlament nach Lust und Laune auflösen und mit Notverordnungen regieren kann. Einen reinen Grüßaugust sahen sie jedoch als Staatsoberhaupt nicht vor, sondern eine Autorität, eine Art „Staatsnotar“, der der Politik auch mal die moralische Landkarte neu einnordet.
Heute ist der Bundespräsident ein rein politisches Pöstchen, eine Verfügungsmasse der Machtpolitik. Und selbst in diesem Machtspielchen hat Friedrich Merz schlechte Karten. Tatsächlich hat er sich verzockt, mit schwerwiegenden Folgen für die Union.
Ilse Aigners Problem: Sie kann Bundespräsidentin
Anfang der Woche war Schaulaufen für Ilse Aigner von der CSU angesagt. Die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin und heutige bayerische Landtagspräsidentin hielt im Berliner Adlon-Hotel die Laudatio beim alljährlichen Charity-Dinner des Förderkreises für das Holocaust-Mahnmal. Ihre sechsseitige Rede war durchaus kritisch und lenkte beim Thema Antisemitismus den Blick nicht nur auf den Rechtsextremismus, sondern auch auf den radikalen Islamismus und sogenannte Antifaschisten auf der linken Seite. Sie benannte heikle Punkte, ohne herumzueiern, so wie man es sich auch von einer Bundespräsidentin wünschen würde. Und genau darin liegt nun das Problem.
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Ilse Aigner könnte den Job im Bellevue-Ersatzbau am Spreebogen womöglich gut ausfüllen. Sicher sogar eindrucksvoller als Steinmeier – was zugegebenermaßen keine große Kunst wäre. Aber sie ist von der CSU. Die kleine bayerische Schwester der CDU darf zwar regelmäßig bei Bundestagswahlen mit ihrem erheblichen Stimmgewicht das Ergebnis der Union hochtreiben, aber wenn es um das Kanzler- oder Bundespräsidialamt ging, zog die bucklige Verwandtschaft aus Bayern bislang stets den Kürzeren. Nun gut, wenden da CDUler ein, mit Franz Josef Strauß (1980) und Edmund Stoiber (2002) durfte die CSU ja schon zweimal den Kanzlerkandidaten stellen: Selber schuld, wenn daraus dann zweimal nichts geworden ist. Doch die Wahl zum Bundespräsidenten wäre halt kein Vabanque-Spiel wie eine Kanzlerkandidatur, argumentieren sie in der CSU, sondern ein gerechter Lohn für bisher geleistete Dienste an der gemeinsamen Sache – wie etwa die bisher brave Unterstützung eines CDU-Kanzlers und seiner suizidgefährdeten Koalition.
Träumt Markus Söder nicht mehr vom Kanzleramt?
Die CSU brachte den Namen Aigners früh ins Spiel. Horst Seehofer etwa empfahl „die Ilse“ bereits im Juni 2025. Ob Seehofers Motiv dahinter ganz lauter war, kann man bezweifeln. Denn Seehofer weiß ganz genau: Falls die CSU eine Bundespräsidentin stellt, kann die CSU wohl schlecht auch einen Kanzlerkandidaten für die Union stellen. Seehofers Parteifreund und Intimfeind Markus Söder wäre so wohl der Weg ins Kanzleramt komplett verstellt. Söder zögerte daher lange mit einer offiziellen Unterstützung für Aigner. Erst im Frühjahr 2026 gab Söder grünes Licht und warf auch selbst Aigners Hut in den Ring. Das könnte drei Gründe haben.
Entweder weil sich Söder – kaum zu glauben – den Traum vom Kanzleramt abgeschminkt hat. Oder weil Söder „die Ilse“ als Kandidatin verbrennen möchte, um dann nach der Wahl einer CDU-Kandidatin für die CSU das Anrecht auf eine Kanzlerkandidatur wieder besser untermauern zu können. Oder aber: Söder ist in diesem Frühjahr nach diversen Klausurtagungen und Koalitionstreffen zur Einsicht gelangt, dass diese Koalition im Bund mit ihrem schwachen Kanzler Merz nicht das Ende der regulären Legislaturperiode erleben wird. Und dann könnte Söder ein wenig in die nähere Zukunft geschaut haben.
Als Bundespräsidentschaftskandidatinnen der Union im Gespräch (v.l.o.n.r.u.): Ines Claus ist CDU-Fraktionsvorsitzende in Hessen; Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner; Ex-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer; bislang unbekannte Kandidatin; Bundesfamilienministerin Karin Prien.
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Hendrik Wüst (NRW) und Daniel Günther (Schleswig-Holstein) sind bis weit nach Ostern mit ihren Landtagswahlen beschäftigt. Die Umfragewerte sinken für die Union, vor allem für die CDU, auch in den westdeutschen Ländern, auch in NRW und Schleswig-Holstein: in NRW seit der letzten Landtagswahl um zehn Prozentpunkte, in Schleswig-Holstein sogar um 16. Wüst und Günther werden wohl bei ihren Wahlen Federn lassen, womöglich sogar ihre Staatskanzleien räumen müssen. Söder kann da in Ruhe zuschauen. Er muss das Chaos in der Merz-Koalition nicht einmal selbst anfachen, denn das entwickelt sich mit der SPD von ganz allein weiter. Vor allem wenn es jetzt bei den Sozialreformen bei Rente, Pflege und Gesundheit ans Eingemachte geht.
Alle um Söder herum werden stetig schwächer: Merz, Wüst, Günther. Nur er mit seiner CSU bleibt als einziger Fels in der Brandung übrig. Doch Söder weiß, dass er nur mit einer demonstrativ zur Schau getragenen Unterstützung für Kanzler Friedrich Merz Punkte bei CDU-Präsidium und CDU/CSU-Bundestagsfraktion sammeln kann, wenn es nach Merz’ Abgang um einen Ersatzkanzler geht. Denn in Sachen Loyalität hat Söder seit der K-Frage um Armin Laschet 2021 noch etwas nach- und aufzuholen. Gut möglich, dass Ilse Aigner daher für Julia Klöckner oder Annegret Kramp-Karrenbauer oder für die unbekannte Ines Dingens aus Hessen geopfert wird. Womöglich verträgt Deutschland auch einen CSU-Kanzler und zugleich eine CSU-Bundespräsidentin, falls die CDU immer magerer wird.
Friedrich Merz klempnert sich in die Zwickmühle
Friedrich Merz hat als CDU-Chef das Thema Steinmeier-Nachfolge unkoordiniert laufen lassen. Bislang waberten Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Familienministerin Karin Prien oder auch Ex-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer als mögliche Kandidatinnen durch die Medien. Und als Merz Ende Oktober für eine Woche auf Dienstreise in Fernost weilte, kam auch noch Ines Claus als Außenseiterin ins Gespräch, die CDU-Fraktionsvorsitzende in Hessen. Merz versteht sich nicht auf solche Machtspielchen, er klempnert sich lieber einen Termin in den Kalender: Da steht drin, dass er im Herbst die Kandidatenfrage besprechen müsse. Bis zur Wahl des Bundespräsidenten am 30. Januar habe man schon noch genug Puffer. Denkste: Im Herbst hat die Kandidatenfrage Merz bereits überrollt.
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Die CSU hat früh mit Aigner eine geeignete Kandidatin vorgeschlagen, Merz hat sich immer noch nicht festgelegt. Wenn er Aigner, die er zuletzt auf dem CSU-Parteitag in München unter frenetischem Applaus der Delegierten gesondert begrüßt hatte, jetzt ablehnt, wäre das ein Affront gegenüber der CSU. Wenn Merz sich hingegen für Aigner ausspricht, düpiert er die eigenen Leute in der CDU. So hat sich Merz als zu zögerlich und naiv erwiesen und in eine machtpolitische Zwickmühle manövriert. Das Amt des Bundespräsidenten mag zwar hohl und leer sein, doch als bunter Spielball der Machtinteressen auf höchster Ebene dient es nach wie vor.
Günther Jauch und Hape Kerkeling stehen hoch im Kurs
Wie symbolisch und abgehoben diese Machtspielchen sind, zeigt sich etwa bei der CDU-Parteibasis. Bei den CDU-Kreisvorsitzenden, die diese Woche in Berlin zusammenkamen, stieß das Thema Bundespräsidentenwahl auf wenig Interesse – im Gegensatz zur miserablen Performance des Kanzlers und seiner Koalition. Und CDU-Urgestein Peter Altmaier bemerkte neulich auf X, dass er außerhalb der Politik-Bubble niemanden getroffen habe, „der sich einen Kopp macht, wer Bundespräsident werden soll. Aber ich treffe ständig Leute, die wissen wollen, was sie wann bei Rente, Krankheit, Pflege erwartet.“
Dass in Umfragen beim gemeinen Volk TV-Stars wie Günther Jauch oder Hape Kerkeling hoch im Kurs stehen, zeigt zudem einen gewissen Werteverfall und Ansehensverlust des höchsten Staatsamts. Regelmäßig spricht sich auch in Umfragen eine Mehrheit für die Direktwahl des Bundespräsidenten aus. Auch wenn der Parlamentarische Rat seinerzeit mit dem Grundgesetz Politisierung und Wahlkampf vom Staatsoberhaupt fernhalten wollte, so hätten dann zumindest die ewig peinlichen Machtspielchen ein Ende.
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