Staatsoberhaupt

Bundespräsidentenwahl 2027: CDU bringt Ines Claus gegen Ilse Aigner ins Spiel

CSU, Grüne und SPD wollen Ilse Aigner ins Schloss Bellevue schicken. Doch die CDU liebäugelt mit einer Frau, die kaum jemand kennt: Ines Claus aus Hessen.

6 Min
Seit Tagen diskutiert Berlin über eine mögliche Kandidatur von CDU-Politikerin Ines Claus für das Amt der Bundespräsidentin.

Seit Tagen diskutiert Berlin über eine mögliche Kandidatur von CDU-Politikerin Ines Claus für das Amt der Bundespräsidentin.

© Luka Kolanovic/Imago

Es sah lange nach einer klaren Sache aus: Ilse Aigner, bayerische Landtagspräsidentin und CSU-Politikerin, galt als gesetzt für die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. CSU, Grüne und große Teile der SPD stehen hinter ihr.

Doch nun grätscht die CDU dazwischen - mit einer eigenen Kandidatin, die bundesweit kaum jemand auf dem Zettel hatte: Ines Claus, Fraktionschefin im hessischen Landtag. Und so entwickelt sich aus einer scheinbar entschiedenen Personalie ein handfester Machtpoker, bei dem die Union mit sich selbst ringt.

Am 30. Januar 2027 wählt die Bundesversammlung das neue Staatsoberhaupt. Steinmeier darf nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Als stärkste Kraft beansprucht die Union das Vorschlagsrecht - nur welche Kandidatin es sein soll, darüber herrscht alles andere als Einigkeit.

Söder prescht vor, die CDU bremst

Markus Söder machte den Anfang. Auf dem CSU-Parteitag warb Bayerns Ministerpräsident noch einmal nachdrücklich für Aigner. Die gelernte Elektrotechnikerin bringt reichlich Erfahrung mit: Bundes- und Landesministerin war sie, als Landtagspräsidentin bekleidet sie bereits ein überparteiliches Amt. Zupackend und volksnah - so lautet das Etikett, das ihr parteiübergreifend verpasst wird.

CSU-Chef Markus Söder würde am liebsten seine Parteifreundin Ilse Aigner als Staatsoberhaupt platzieren.

CSU-Chef Markus Söder würde am liebsten seine Parteifreundin Ilse Aigner als Staatsoberhaupt platzieren.

© Stephan Goerlich/Imago

Genau hier liegt das Problem für die CDU. Denn während die CSU längst geliefert hat, kann oder will sich die große Schwesterpartei nicht festlegen. Kanzler und CDU-Chef Friedrich Merz schweigt - auch, weil er sich derzeit auf Asien-Reise befindet. Aus seinem Umfeld heißt es lediglich, er habe „weder eine Entscheidung getroffen noch einen Vorschlag unterbreitet“. Erst am 9. November soll das CDU-Präsidium beraten.

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Dass ausgerechnet jetzt der Name Ines Claus auftaucht, kommt selbst in Teilen der CDU überraschend. Die 49-jährige Juristin aus Bochum sitzt seit 2019 im hessischen Landtag, führt dort seit April 2020 die CDU-Fraktion und wurde im Februar 2026 zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt - mit mäßigen 76 Prozent.

Bundespolitisch ist sie bislang kaum in Erscheinung getreten. Auf ihrer Homepage fanden sich zuletzt eher Meldungen über eine 500-Euro-Förderung für den Obst- und Gartenbauverein Goddelau.

Warum plötzlich Claus?

Offenbar steht Claus intern schon länger auf der Liste möglicher Kandidaten - öffentlich wurde der Name aber erst jetzt. Sie selbst gießt Öl ins Feuer: „Für mich ist es eine große Ehre, in diesem Zusammenhang genannt zu werden“, sagte sie der Rheinischen Post. Nun gelte es, ein geordnetes Verfahren einzuhalten.

Was die CDU an ihr reizt, liegt auf der Hand: Sie ist Volljuristin, und in Teilen der CDU-Führung gilt das als Voraussetzung, um das höchste Staatsamt in schwierigen Zeiten zu führen. Claus ist zudem aktive Katholikin, der Glaube ist ihr wichtig; gegen eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts hat sie klar Stellung bezogen. Ein Profil, das konservative Kreise anspricht.

Kritiker sehen im Juristen-Argument allerdings vor allem ein Manöver, um Aigner und andere auszubooten. Und sie ist nicht die einzige Option. Gehandelt werden ebenso Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bildungsministerin Karin Prien und die frühere Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Kramp-Karrenbauer und Prien genießen intern wenig Rückhalt, Klöckner dürfte bei der SPD auf Widerstand stoßen. Auch Männer wie die Verfassungsrichter Udo Di Fabio und Stephan Harbarth oder Hessens Ministerpräsident Boris Rhein stehen im Raum.

Rückenwind für Aigner - auch aus dem Osten

Bemerkenswert ist, wie breit die Front für Aigner inzwischen reicht - bis tief in die Reihen der CDU selbst. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) nannte sie im ARD-„Bericht aus Berlin“ eine „ganz herausragende Persönlichkeit“. Für ihn zählt nicht der Anspruch der CDU auf das Amt, sondern „die beste Persönlichkeit für dieses Land“. Sein Wunsch, eine Frau, die parteiübergreifend antritt. „Wer das hört, wird feststellen: Das trifft auf Ilse Aigner zu.“

Unterhält traditionell gute Beziehungen nach Bayern: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.

Unterhält traditionell gute Beziehungen nach Bayern: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.

© Michael Kappeler/dpa

Auch aus Brandenburg kommt sozialdemokratischer Rückenwind. SPD-Generalsekretär Kurt Fischer erklärte auf Anfrage dieser Zeitung, man wünsche sich „eine erfahrene, zugewandte und über Parteigrenzen hinweg hoch anerkannte Frau“. Zwar würde man eine ostdeutsche Persönlichkeit begrüßen, doch mit Aigner werde ein Name diskutiert, auf den all diese Zuschreibungen zuträfen. Sie rufe „auch in der märkischen SPD Sympathien“ hervor und sei „eine ernsthafte und positive Option“.

Unterstützung gibt es zudem aus Bremen. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) hält Aigner für „eine sehr geeignete Kandidatin“ – fachlich, im Auftreten und in ihrer „empathischen Grundeinstellung“. Die Benennung liege aber bei der CDU. Jetzt sei der Kanzler am Zug.

Nouripour giftet, Heil winkt durch

Besonders scharf fällt die Kritik der Grünen an Claus aus. Vizepräsident des Bundestages Omid Nouripour, der Steinmeier auf dessen China-Reise begleitet, hält von ihr „gar nichts“. Dem ARD-Hauptstadtstudio sagte er, im hessischen Landtag herrsche nur Stillstand: „Als Fraktionsvorsitzende verwaltet sie das. Das ist aber nicht das, was das Land braucht.“ Für Aigner dagegen findet er warme Worte: „Dafür braucht es Wärmeströme, dafür braucht es Seniorität und eine Autorität. Ilse Aigner hätte das alles.“

Auch SPD-Mann Hubertus Heil bringt es trocken auf den Punkt: „Ich kenne Frau Claus nicht. Ich kenne aber Ilse Aigner.“ Diese wäre eine sehr gute Wahl. Es gäbe nichts, was gegen sie spricht.“

Pikant: In Koalitionskreisen wird der angeblich „geordnete Prozess“ der CDU eher als Hinterherstolpern wahrgenommen. Das Unverständnis ist groß, dass Merz einen derart wichtigen Nominierungsprozess nicht sauber gemanagt bekommt. Außenminister Johann Wadephul (CDU) müht sich derweil, die Wogen zu glätten, und rügt die Wortmeldungen aus dem Ausland. Wen er damit meint, ließ er offen.

Die Lage bleibt also offen. Klar ist nur: Je länger die CDU zögert, desto größer wird die Front für Aigner. Ob Merz am 9. November den Mut findet, sich der Dynamik entgegenzustellen - oder ob er am Ende doch der Kandidatin folgt, die fast alle anderen längst wollen -, dürfte zu den spannendsten Personalfragen dieses Winters gehören.

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