Landwirtschaft

Stiller Protest: Warum sich Sachsens Bauern von Müllermilch abwenden

Die Verhandlungen zum Verkauf der Vogtlandmilch an Müllermilch laufen. Doch der drohende Verlust von Genossenschaftsanteilen lässt Bauern nach neuen Lieferwegen suchen und die führen nach Thüringen.

5 Min
Der Milchpreis liegt derzeit bei 38 Cent je Kilogramm. Geld lässt sich damit nicht verdienen.

Der Milchpreis liegt derzeit bei 38 Cent je Kilogramm. Geld lässt sich damit nicht verdienen.

© imago stock&people

Noch ist nichts entschieden. Aber spätestens seit 15. September wissen die rund 150 regionalen Milcherzeuger, die genossenschaftlich hinter der Vogtlandmilch stehen, von den Übernahmeplänen der Unternehmensgruppe Theo Müller. Sie möchte Anfang 2027 der neue Eigentümer der zweitgrößten Molkerei Sachsens sein. Die Betriebsstätte in Plauen soll dabei als eigenständiger Standort erhalten und deutlich ausgebaut werden.

Soweit die gute Nachricht. Doch unter den Mitgliedern der Genossenschaft wird hart debattiert. Nicht alle Bauern sehen in der Unternehmensgruppe Theo Müller die Rettung für den Standort und suchen deshalb nach neuen Abnehmern für ihre Milch. Einer wäre die MZG Molkerei Zeulenroda GmbH in Ostthüringen.

Sich eine neue Molkerei zu suchen, sei grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, erklärt Rainer Stauch, der bei der Vogtlandmilch im Aufsichtsrat sitzt. „Die Bauern haben Lieferverträge, die in aller Regel über den Zeitraum von zwei Jahren laufen“, sagt er. Danach ist eine Verlängerung möglich, oder die Milch werde eben woanders veredelt.

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Die wirtschaftliche Lage der Milchbauern ist ernst, der Milchpreis war im Sinkflug und hat sich auf tiefem Niveau stabilisiert.  Wurden 2025 noch 50 Cent je Kilogramm Milch gezahlt, sind es derzeit nur noch 38 Cent. Gleichzeitig steigen die Kosten, und das explosionsartig. Rainer Stauch erklärt das am Beispiel der Agrargenossenschaft Langenchursdorf eG, bei der er Vorstand ist.

Die Leidensfähigkeit der Betriebe

Um die Felder bearbeiten zu können, Saatgut auszubringen, Futter und Feldfrüchte zu ernten, verbraucht das Unternehmen 800.000 Liter Diesel pro Jahr. „Wenn der Dieselpreis um nur 50 Cent je Liter steigt, bedeutet das 400.000 Euro Mehrkosten für uns“, so Stauch. Gleichzeitig seien die Einnahmen aus dem Verkauf der Rohmilch aber um rund eine Million Euro zurückgegangen. „Das ist ein Kostendelta, dass sie aktuell in fast jedem landwirtschaftlichen Unternehmen sehen“, so Stauch.

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Energiekosten belasten auch die Vogtlandmilch GmbH. Molkereien federn diese Mehrkosten aber in aller Regel durch ein Absenken des Milchpreises ab. Die Bauern bekommen also weniger Geld für ihre gelieferte Milch. Die Leidensfähigkeit der Betriebe sei durchaus unterschiedlich, aber auf Dauer könne niemand Verluste schreiben, so der Aufsichtsratschef. Um den Bauern wieder bessere Konditionen bieten zu können, habe die Vogtlandmilch nach einem Kaufinteressenten gesucht und den in der  Unternehmensgruppe Theo Müller auch gefunden.

Das Unternehmen hat angekündigt, Teile der Produktionskapazitäten aus dem sächsischen Werk Leppersdorf (Sachsenmilch) nach Plauen zu verlagern.  Hier soll künftig Quark, und zwar vor allem für den italienischen Markt, hergestellt werden. Müller bietet den Milchbauern einen um drei Cent höheren Milchpreis pro Kilogramm, gekoppelt an den ostdeutschen Durchschnittspreis. Das klingt verlockend. Im Gegenzug verlangt der Konzern jedoch, dass die Landwirte auf ihre bisherigen Genossenschaftseinlagen verzichten.

Müller will nur die noch bestehenden Schulden der GmbH bezahlen. Die resultieren aus Investitionen. Vogtlandmilch hat bis zum Herbst 2025 insgesamt 46 Millionen Euro in die Modernisierung der Produktion gesteckt. Knapp 14 Millionen Euro davon kamen aus Fördertöpfen. Durch die Investitionen kann das Werk nun unter anderem jährlich rund 100 Millionen Ein-Liter-Packs Milch produzieren.

Die Übernahmepläne von Müllermilch werden durchaus kritisch gesehen. „Der Fall zeigt, wie sehr die Branche unter Druck ist - die Krise und der Strukturwandel sind wirklich da“, sagt Torsten Krawczyk, Präsident des Sächsischen Bauernverbandes und Vize im Bundesverband, zur Ostdeutschen Allgemeinen. Wie sich die Vogtlandmilch entscheidet, sei jedoch alleinige Sache der Eigentümer, also der Genossenschaft. „Uns als Verband liegt natürlich viel daran, dass der Standort der Vogtlandmilch und die Arbeitsplätze vor Ort erhalten bleiben“, so Krawczyk. In Sachsen sei die Milch das einzige fleischliche Produkt, bei dem ein 100prozentiger Selbstversorgungsgrad bestehe, man sogar noch exportiere.

Sorgen um den langfristigen Erhalt des Standorts

Plauens Oberbürgermeister Steffen Zenner (CDU) warnte vor einem „ähnlichen Desaster“ wie bei früheren Plauener Traditionsbetrieben (Plamag, Wema), die nach Übernahmen insolvent gingen. Er befürchtet bei einer Überproduktion langfristig den Abbau von Arbeitsplätzen oder gar eine Schließung des Standorts in Plauen.

Die sächsischen Grünen sehen die massiv wachsende Marktmacht des Müller-Konzerns mit Sorge. Sie befürchten den Verlust von regionaler Eigenständigkeit, von Mitspracherechten und vor allem eine schlechtere Verhandlungsposition für die Landwirte.

In sozialen Netzwerken wird die Übernahme ebenfalls heiß diskutiert. Neben der Sorge um den Verlust der traditionsreichen sächsischen Regionalmarke „Vogtlandmilch“ entbrennt hier häufig auch eine politisch-ideologische Debatte um den Inhaber Theo Müller und seine Verbindungen zur AfD.

In wenigen Wochen soll es eine Fortsetzung der Gespräche geben, die am 15. September begonnen haben. Ausgang offen. Unterdessen wünscht sich Rainer Stauch, dass die politischen Entscheidungsträger den Ernst der Lage erkennen. Unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen laufe man Gefahr, noch mehr landwirtschaftliche Betriebe zu verlieren. Die Eigenversorgung der Bevölkerung werde damit immer schwerer. „Sie ist aber ein wichtiger Kernpunkt der Resilienz, über die wir aktuell so viel reden“, so Stauch.

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