Landtagswahl

Wähler im linken Kneipenviertel von Rostock: „Hauptsache nicht blau!“

Die KTV in Rostock ist bekannt für ihre linke Szene. Ein Ortsbesuch am Wahlabend.

4 Min
Punk

Punk's not dead. Zumindest nicht in dieser Kneipe im KTV von Rostock.

© Carola Tunk

Möwen kreischen über der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV), der Asphalt ist feucht, die Antifa-Graffiti leuchten grell. Hier schlägt das politische Herz der Hansestadt anders als im Rest des Landes. Das Viertel gilt auch als „Ausreißer“ im Umland.

Wir beobachten die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag in der KTV – und suchen einschlägige Kneipen und Biergärten auf. So wie das Molotow, eine Punkrockkneipe in der Waldemarstraße. Um einen großen  mit Kerzenwachs beklebtem Tisch herum hat sich eine Gruppe aus Punks, Linken und Linksgrünen versammelt. Es riecht nach Selbstgedrehten. Ein Joint dreht die Runde. Die Luft ist dick, das Bier mit 1,50 Euro günstig und der Ton rau. In dieser „klassischen Stadtteilkneipe“ wird Klartext geredet. Namentlich will sich jedoch niemand erwähnt wissen.

Es herrscht Erleichterung, dass es nicht „noch schlimmer“ kam – die Zustände in Sachsen-Anhalt dienen hier als mahnendes Schreckgespenst. „Das ist jetzt das Beste, was passieren konnte. Muss ja nicht gut sein“, sagen die Punks im Molotow über das Ergebnis der SPD. Für sie ist es die Wahl des „kleineren Übels“. Der Wahlkampf war hier eine reine Personenschlacht, ein direktes Duell im selben Wahlkreis: Manuela Schwesig gegen Leif-Erik Holm. „Offensichtlich hat Schwesig das Ding hier gewonnen, ne? Und nicht die SPD. Sie hat dann noch nicht mal SPD raufgeschrieben auf ihre Plakate“, fasst der Wortführer in der Gruppe das Ergebnis zusammen. Dass Schwesig sich durchsetzte, wird als Sieg der Stabilität gefeiert. Holm hingegen sei ein „eloquenter Typ“ – ein Moderater, der die radikalen Inhalte bürgerlich verpackt.

Dass Kader der NPD („Die Heimat“) heute ganz offen in der AfD agieren und Begriffe wie „Remigration“ nur noch „gebrüllt“ werden, wäre vor zehn Jahren noch ein „Karrieretod“ gewesen, sagt einer am Tisch. Heute sei es trauriger Alltag.

Friedrich macht sich Sorgen, dass es wegen der AfD weniger Raum für queere Menschen wie ihn geben könnte.

Friedrich macht sich Sorgen, dass es wegen der AfD weniger Raum für queere Menschen wie ihn geben könnte.

© Carola Tunk

Der „West-Opi“, der den Ostdeutschen die Welt erklärt

Besonders tief sitzt aber auch hier der Groll gegen das westdeutsche Spitzenpersonal. Kanzler Friedrich Merz (CDU) wird als distanzierter „BRD-Typ“ oder „West-Opi“ beschrieben. Der Vorwurf: Er schaue von oben herab auf die Ostdeutschen, erzähle ihnen „etwas vom Pferd“ und suggeriere, sie seien faul und müssten „mal ein bisschen mehr arbeiten“.

Dieses Gefühl der Herabwürdigung reisst alte Wunden auf. „Der Westen hat alles aufgekauft“, berichtet einer über das Viertel. Die Häuser in der KTV gehörten westdeutschen Investoren, die nach der Wende „alles billig aufgekauft“ hätten. Es sei ein Grund für einen Identitätswechsel vieler „Ossis“: Viele bezeichneten sich heute wieder als „Ostdeutsche“ statt als „Norddeutsche“, um sich gegen diesen „Stempel“ und die wirtschaftliche Dominanz des Westens zu behaupten. Es wird das Gefühl geäußert, der Osten sei „vergessen“ worden und werde oft als „der dumme Osten“ abgestempelt.

Ortswechsel: Im Freigarten, der zum Peter-Weiss-Haus gehört, finden gedämpfte, aber intensive Gespräche zu leichtem Nieselregen statt. Als kurz zuvor die ersten Hochrechnungen eintrafen, herrschte hier betretenes Schweigen - vereinzelt war ein „Scheiße“ zu hören. Friedrich, ein angehender Biochemiker nippt an seinem Aperol und blickt finster auf die ersten Hochrechnungen. Er zieht den Vergleich zur Geschichte: Die Schwierigkeit, bei diesen Mehrheitsverhältnissen überhaupt noch eine stabile Regierung zu bilden, erinnert ihn fatal an „Weimarer Republikzeiten“. Das Gespräch gerät dann schnell auf den Bruch zwischen Stadt und Land als alles beherrschendes Thema.

Wer aus dem Umland kommt, etwa aus Bad Doberan wie Friedrich, berichtet demnach seltener von physischen Angriffen, sondern von der „totalen Abwesenheit von Räumen“. Für homosexuelle Menschen wie den 23-Jährigen gebe es auf dem Land schlichtweg keinen Platz für Austausch, keine sicheren Treffpunkte. Die Flucht in die Stadt ist seiner Ansicht nach oft die einzige Option. Er denkt dabei an Rostock. Wenn aber die AfD regieren würde, würde er hier - so glaubt er - auch keinen Arbeitgeber mehr finden, da die AfD wolle, dass große Player wie Centogene abwanderten. Friedrichs Familie wählt auch AfD. Er könne die Wähler auch teilweise verstehen. Dennoch sagt er: „Es ist für mich eigentlich egal, wer heute was gewählt hat. Hauptsache es ist nicht blau“.

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Klartext auf Stickern: In der KTV will man keine AfD.

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© Carola Tunk

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