Showdown

„Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt“: Trump geht Selenskyj frontal an

Trump legt Selenskyj den Rücktritt nahe und erlaubt russische Diesellieferungen. Vorangegangen war ein Diesel-Deal zwischen Washington und Moskau.

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Donald Trump attackiert Wolodymyr Selenskyj und fordert ein Ende der ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien. (Archivbild)

Donald Trump attackiert Wolodymyr Selenskyj und fordert ein Ende der ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien. (Archivbild)

© IMAGO/Matt Kaminsky/IMAGO/ZUMA Press

Es ist der schwerste Zusammenstoß zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj seit dem Streit im Oval Office im Februar 2025 – und dieses Mal geht er weiter. Der US-Präsident hat am Samstag im Weißen Haus offen den Rücktritt des ukrainischen Staatschefs nahegelegt.

„Ich denke, es ist Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt“, sagte Trump vor Reportern. Das Land brauche jemanden, „der einen Deal machen kann“ mit Russland. Zugleich forderte er Kiew auf, die Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen: „Es gibt genug Ziele. Trefft keine Raffinerien.“

Die Wucht der Äußerung erklärt sich aus einem Konflikt, der auf den ersten Blick ein Energiestreit ist – und auf den zweiten ein Streit über die Grundlagen der US-ukrainischen Partnerschaft.

Der Auslöser: Russischer Diesel gegen Wahlkampfsorgen

Am Freitagabend hatte Trump nach einem langen Telefonat mit Wladimir Putin verkündet, Russland werde Diesel für den US- und den Weltmarkt liefern: zunächst mehr als 300.000 Tonnen, 500.000 Tonnen im November, danach eine Million Tonnen und – abhängig vom Zustand der russischen Raffinerien – bis zu drei Millionen weitere Tonnen.

Das US-Finanzministerium schuf mit der General License 135 noch am selben Tag die rechtliche Grundlage: Sie erlaubt Verkauf, Transport und Import von Diesel russischen Ursprungs bis zum 7. April 2027.

Rekordpreise für Diesel auch in den USA

Das Motiv ist innenpolitisch. Der Dieselpreis in den USA lag am 8. Oktober bei durchschnittlich 6,28 US-Dollar je Gallone. Eine globale Raffinerieknappheit hat die Preise auf Rekordniveau getrieben.

Am 3. November sind Zwischenwahlen. Ob die russischen Lieferungen bis dahin überhaupt spürbar an den Zapfsäulen ankommen, ist unter Energieanalysten umstritten – ein Großteil der angekündigten Menge ist konditional, ein unterzeichneter Vertrag, Käufer oder Preise sind nicht bekannt.

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Politisch aber hat Trump damit einen Pfeiler der westlichen Sanktionsarchitektur gelockert – und zwar ohne erkennbare russische Gegenleistung. Der Kreml ließ nach dem Telefonat lediglich wissen, man werde „überlegen“, wann die trilateralen Friedensgespräche wieder aufgenommen werden könnten.

Kritik aus Kiew, Verhandlungen belastet

Für die Ukraine kam die Ankündigung zur denkbar ungünstigsten Stunde. In Miami saß zeitgleich eine ukrainische Delegation mit Trumps Unterhändlern Jared Kushner und Steve Witkoff sowie europäischen Vertretern zusammen, um über Sicherheitsgarantien, Wiederaufbau und Wege zur Deeskalation vor dem Winter zu sprechen.

Die Ukrainer reisten einen Tag früher ab als geplant. Selenskyj sprach anschließend von einer „schwachen Entscheidung“. Und: „So gehen Partner nicht miteinander um.“ Gegenüber Axios nannte er den Deal „nicht fair und nicht ehrlich“ – ein „Geburtstagsgeschenk für Putin“.

Wenige Stunden später trafen fünf russische Gleitbomben Wohngebiete in Saporischschja. Nach vorläufigen Behördenangaben starben mindestens 20 Menschen, darunter drei Kinder. Selenskyj nutzte die zeitliche Nähe für eine klare Botschaft: Jede Lockerung des Drucks werde in Moskau als Freibrief verstanden, weiter Städte zu bombardieren.

Zugleich bot er erneut einen wechselseitigen Verzicht auf Angriffe auf Energieinfrastruktur an – genau jenen „Energie-Waffenstillstand“, den Washington seit Wochen mit großzügigen Anreizen für Moskau zu erkaufen versucht. Dem Vernehmen nach boten Kushner und Witkoff dafür die Freigabe eingefrorener russischer Staatsvermögen, einen Verkauf von Lukoil-Beteiligungen und Exporterleichterungen für belarussisches Kali an.

Vorgeschichte: Vom „Diktator“ zum „tricky guy“ – und zurück

Wer Trumps Ausbruch einordnen will, muss auf den Februar 2025 zurückblicken. Damals nannte er Selenskyj auf Truth Social einen „Diktator ohne Wahlen“ und einen „mäßig erfolgreichen Komiker“ – unter Verweis darauf, dass die Ukraine im Krieg keine Präsidentschaftswahl abgehalten hat.

Neun Tage später eskalierte der Streit im Oval Office vor laufenden Kameras, die Militärhilfe wurde kurzzeitig ausgesetzt. Es folgten Versöhnung, Rohstoffabkommen und eine Phase, in der Trump den Ukrainer mal als „großartigen Verkäufer“ (Dezember 2025), mal als „gerissenen Kerl“ bezeichnete, den er aber möge (Mai 2026).

Das Muster ist konstant: Trumps Verhältnis zu Selenskyj oszilliert zwischen Umgarnung und Demütigung, je nachdem, ob Kiew seinen jeweiligen Deal-Vorstellungen im Weg steht. Neu ist, dass Trump den Führungswechsel nun nicht als Vorwurf, sondern als Forderung formuliert – und dass er zeitgleich wirtschaftlich auf Moskau zugeht.

Endgültiger Bruch?

Für einen endgültigen Bruch spricht die Substanz: Die USA handeln mit Moskau über den Kopf Kiews hinweg, lockern Sanktionen ohne Gegenleistung und bestrafen die ukrainische Weigerung, auf ein wirksames militärisches Druckmittel – die Raffinerieangriffe – zu verzichten. Washington verlangt Kompromisse fast ausschließlich von

Dagegen sprechen drei Faktoren. Erstens ist Trumps Motiv situativ: Es geht um Dieselpreise vor dem 3. November, nicht um eine strategische Neubewertung der Ukraine. Nach den Zwischenwahlen kann sich der Druck drehen.

Zweitens gibt es bislang keine formelle Position des Weißen Hauses oder des Außenministeriums, die Trumps Rücktrittsforderung zur offiziellen Politik macht; auch die Sanktionsausnahme ist befristet.

Drittens bleibt der Verhandlungskanal formal offen – Witkoff nannte die Miami-Gespräche „produktiv“, und Kiew hat kein Angebot pauschal zurückgewiesen, sondern Leitplanken verlangt.

Die realistischere Lesart lautet daher: kein Bruch, aber ein weiterer Schritt in einer Erosion, die seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit merkbar ist. Die USA sind vom Garanten zum unberechenbaren Vermittler geworden, der die Ukraine als Verhandlungsmasse behandelt. Das ist für Kiew strategisch gefährlicher als ein offener Streit, weil es Moskau keinen Anreiz gibt, sich zu bewegen: Die Ukraine erhält keinen Lohn für ihr Ja, der Kreml zahlt keinen Preis für sein Nein.

Was das für Europa bedeutet

Für die Europäer ist der Eklat ein doppeltes Signal. Berlin und London stellten binnen Stunden klar, dass sie an den Sanktionen festhalten; der britische Premier Andy Burnham will Selenskyj in den kommenden Tagen treffen. Damit zeichnet sich erstmals eine offene transatlantische Spaltung im Sanktionsregime ab. Es ist abzusehen, dass Händler, Reeder und Versicherer die US-Ausnahme als Präzedenz nutzen und das europäische Sanktionsregime unter Druck gerät.

Europa sitzt in Miami mit am Tisch. Die Frage der kommenden Tage ist, ob es dort als Juniorpartner amerikanischer Deal-Diplomatie auftritt – oder Selenskyjs Angebot eines reziproken Energie-Waffenstillstands zur eigenen Initiative macht und den Preis für russisches Entgegenkommen selbst definiert.

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