Europasinfonie

Die Dresdner Sinfoniker starten 2027 das größte Musikexperiment Europas

Zwischen den zehn Orchestern und zwei Chören liegen 2200 Kilometer. Trotzdem wollen sie ein gemeinsames Konzert spielen. Es ist ein Experiment, das die Musikwelt revolutionieren könnte.

7 Min
So könnte die Europasinfonie dann aussehen.

So könnte die Europasinfonie dann aussehen.

© pxb Studios

Dieser Oktobermorgen begann eisig. Die Temperaturen in Dresden lagen im einstelligen Bereich, und die Akteure der Europasinfonie mussten sich für ihren Weg zur Messe Dresden warm anziehen. Hier sollte sie stattfinden, die erste Probe für eine Weltpremiere.

Es sind die Dresdner Sinfoniker, die das Projekt initiierten, gemeinsam mit Musikern aus neun weiteren Orchestern und zwei Chören. Im Juni 2027 soll die „Europasinfonie“ in der Messe Dresden aufgeführt werden, vor 1500 Zuschauern. Sie erleben 62 Streicher live auf der Bühne. Die Musiker der anderen Instrumentengruppen sind über ganz Europa verteilt. Bis zu 2200 Kilometer liegen zwischen den Virtuosen, und doch soll es gelingen, das Orchester als eine Einheit zum Klingen zu bringen.

Die Anspannung vor dem ersten Test ist greifbar, vor allem bei Andrea Molino, der das Dirigat für das Experiment übernommen hat. Er tastet sich vorsichtig an das Zusammenspiel heran und bittet die Musiker um einen gemeinsamen Ton. „Buum“ ertönt es unisono, so synchron, als „wären wir alle in einem Raum“. Molino ist begeistert und lässt das erste Stück spielen. Es stammt wie die beiden folgenden von den Preisträgern des europaweiten Kompositionswettbewerbs. Von Anfang Mai bis Ende Juli hatten die Komponisten Gelegenheit, ihre Arbeiten einzureichen. 226 Bewerberinnen und Bewerber aus 26 verschiedenen Ländern taten das, 19 dieser Entwürfe schafften es in die Endrunde und drei Sieger wurden am Ende prämiert.

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Neue Klangwelten mit Zeitverzögerung

Sie wurden von einer hochkarätig besetzten zwölfköpfigen Jury aus Musikern, Pädagogen und Intendanten verschiedenster Nationen ermittelt. Zu dem Gremium gehörten unter anderem Jona Schibilsky, Erste Konzertmeisterin am Teatro Real de Madrid, Heike Henning, Professorin für Instrumental- und Gesangspädagogik am Mozarteum Salzburg, sowie der Intendant der Dresdner Sinfoniker, Markus Rindt.

Markus Rindt ist Mitgründer und heute Intendant der Dresdner Sinfoniker, die für ihre Experimentierfreude bekannt sind.

Markus Rindt ist Mitgründer und heute Intendant der Dresdner Sinfoniker, die für ihre Experimentierfreude bekannt sind.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Der erste Preis ging an den 32-jährigen Damian Dziweńka aus Polen, einen Fagottisten, der sich derzeit im zweiten Studienjahr an der Karol-Lipiński-Musikakademie in Wrocław befindet. Ebenfalls aus Polen stammt der 34-jährige Andrzej Ojczenasz, ein Absolvent der geschichtsträchtigen Jagiellonen-Universität in Krakau, der mit seinen Klangkonzepten überzeugte. Die Jury wählte die Arbeiten von Dziweńka und Ojczenasz gezielt als Werke für ein groß besetztes, verteiltes Sinfonieorchester aus. Über den dritten Preis konnte sich der 30-jährige Italiener Francesco Darmanin freuen, der sein Klarinettenstudium in Florenz absolvierte. Er erhielt den Auftrag für eine Komposition, die das Sinfonieorchester zusätzlich mit den beiden europäischen Chören verbindet.

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Die drei Komponisten haben nun mehrere Monate Zeit, ihre prämierten Entwürfe zu finalisieren und durch neue Klangwelten zu ergänzen. Am Ende sollen jeweils 15 bis 20 Minuten lange Stücke stehen, die eigens für diese besondere Konzertsituation gestaltet sind. Zeitverzögerungen – sogenannte Latenzen –, die durch die Distanz zwischen den Musikern unweigerlich entstehen, müssen berücksichtigt werden, um ein einheitliches Klangbild zu erschaffen.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist die Technik. Wichtigster Partner bei dem Projekt Europasinfonie ist der Entwickler und Betreiber der nationalen E-Infrastruktur für Wissenschaft, Forschung und Bildung in der Tschechischen Republik, kurz CESNET. Er stellt eine hochmoderne, ultraschnelle Übertragungstechnologie bereit. Durch den Einsatz der sogenannten Modular Video Transmission Plattform (MVTP) in Kombination mit maßgeschneiderten Algorithmen wird die Signalverzögerung auf das physikalische Minimum reduziert.

Unterstützt wird das Projekt zudem von der TU Dresden, dem europäischen Forschungsnetzwerk GÉANT und dem regionalen Internetdienstleister IBH connect. Gemeinsam realisieren die Partner ein eigens eingerichtetes Hochleistungsnetzwerk mit Datenübertragungsraten von bis zu 400 Gigabit pro Sekunde (Gbit/s) pro Kanal. Bild- und Tonsignale werden unkomprimiert und in Studioqualität übermittelt, sodass die Musiker fast so agieren können, als säßen sie im selben Raum. Am Ende ist es die Lichtgeschwindigkeit, die dazu führt, dass es weiterhin minimale Latenzen gibt. Die liegen aber bei 33 bis 35 Millisekunden und sind damit nahe an der Livesituation im Orchestergraben.

Das Herz der Europasinfonie schlägt in der Messe Dresden. Hier steht eine Box, kaum größer als ein Lautsprecher, als Schaltzentrale für die Datenübertragung. Sie kommuniziert mit den Boxen an allen elf weiteren Standorten von Madrid bis Brüssel über Salzburg und Tallinn bis Athen. Die „Europasinfonie“ ist nicht das erste Ferndirigat der Dresdner Sinfoniker. Sie haben sich schon 2008 von einem Dirigenten leiten lassen, der via Satellit zugeschaltet war.

Aber jetzt, da ist Andrea Molino sicher, erreiche man eine ganz neue Ebene des Musizierens. „Wenn das gelingt, dann beginnt eine neue Epoche in der Musik“, sagt er am Abend nach dem Probetag, geschafft, aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Das klinge pathetisch, aber die Möglichkeit, in naher Zukunft rund um den Globus miteinander musizieren zu können, als säße man in einem Raum, gleiche einer Revolution.

Die Musikwelt modernisieren

Und die könnte in Dresden ihren Anfang nehmen, angestoßen von den Dresdner Sinfonikern. Seit seiner Gründung vor mehr als 25 Jahren ist das Ensemble bekannt für seine kompromisslose Freude am Experiment. Unvergessen ist das Jubiläumskonzert im Oktober 2024, als im Festspielhaus Hellerau bei der „Robotersinfonie“ ein mehrarmiger, hoch entwickelter Roboter als Dirigent neben dem menschlichen Dirigenten Magnus Loddgard am Pult stand. Auch mit ihrem legendären „Hochhauskonzert“, bei dem sie gemeinsam mit den Pop-Ikonen Pet Shop Boys verteilt auf den Balkonen in der Prager Straße in Dresden spielten, schrieben sie Kulturgeschichte. Und 2023 inszenierten sie den „Long Distance Call“: Im Rahmen eines Festivals für immersive Künste vernetzten die Musiker das Planetarium Bochum interaktiv mit der Sternwarte Radebeul, sodass Jazz-Solisten über Hunderte Kilometer hinweg ein fehlerfreies Echtzeit-Duett spielen konnten.

Ein Projekt wie die Europasinfonie kostet Geld. Die Europäische Union finanziert den offiziellen Projektstart im Rahmen ihres Programms „Creative Europe“ als transnationales Kooperationsprojekt mit einem substanziellen Budget. Wichtige Unterstützung kommt zudem vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus sowie von der Landeshauptstadt Dresden selbst. Als zentrales Kunst- und Gesellschaftsprojekt für den europäischen Kulturraum wird die Europasinfonie darüber hinaus von der Allianz Foundation gefördert, die in dem virtuellen Orchester eine Plattform für die Vernetzung europäischer Kunstschaffender und ein starkes Symbol für den Zusammenhalt des Kontinents sieht.

Für den Intendanten Markus Rindt ist die Uraufführung im Juni 2027 jedoch nur der erste Schritt auf einem viel längeren Weg. Die gewonnenen technologischen und musikpädagogischen Forschungsergebnisse sollen dauerhaft in die Ausbildung künftiger Musikergenerationen integriert werden. Insofern sei es auch zu verschmerzen, dass es nur eine einzige Aufführung der „Europasinfonie“ geben wird. Das gehöre zum Konzept der Sinfoniker, so Rindt.

Geplant ist der Aufbau eines permanenten europäischen Netzwerks aus latenzarmen Studios in den Musikhochschulen und Bildungseinrichtungen, um das synchrone, standortübergreifende Musizieren und Lehren im digitalen Zeitalter fest zu etablieren und die Musikwelt nachhaltig zu modernisieren. Das würde für die Lehre und das gemeinsame Musizieren völlig neue Möglichkeiten schaffen, sagt Markus Rindt. Er vergleicht die neue Technologie mit dem Telefon, das anfangs sehr wenige Menschen nutzten und das heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist.

Wer die „Europasinfonie“ live in Dresden erleben will, muss sich voraussichtlich noch bis Dezember gedulden. Dann soll der genaue Termin der Veranstaltung verkündet werden und auch der Vorverkauf der Tickets starten.

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