Bildung

Ex-Schulleiter aus Rostock: „Deutschland hat die Tendenz zur Mittelmäßigkeit“

Gert Mengel war Schulleiter in Rostock. Ein Gespräch über Klausuren im Advent, Abstiegsangst am Gymnasium und die Frage, warum Lesen Demokratieförderung ist.

6 Min
Gert Mengel, langjähriger Schulleiter der Don-Bosco-Schule in Rostock

Gert Mengel, langjähriger Schulleiter der Don-Bosco-Schule in Rostock

© Privat

Gert Mengel war Geschichtslehrer, Fachleiter und Studienseminarleiter bei einem freien Schulträger, ab 2017 leitete er die Don-Bosco-Schule, eine katholische Gesamtschule in freier Trägerschaft in Rostock. In der Pandemie führte er als einer der ersten Schulleiter in Deutschland Corona-Tests ein, später beriet er das Bundesbildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger zu KI und adaptiven Lernsystemen. Im März 2025 hörte er auf. Heute leitet er die Education-Abteilung eines IT-Unternehmens und ist Gastgeber des Podcasts „Zwei plus Schlau“.

Herr Mengel, warum haben Sie aufgehört?

Ich war an einem Punkt angekommen, wo ich nicht mehr konnte. Eigentlich schon 2024. Mir ging das alles zu langsam. Ich war ungeduldig, auch mit den Kollegen. Ich kann das heute mit Abstand in gewisser Weise auch ein bisschen nachvollziehen, dass ich nicht immer fair war. Ich hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen, dass man doch sehr gerne im Alten bleibt, weil es vertraut ist, und das Neue macht Angst. Das war dann für mich der Punkt, wo ich einen radikalen Schlussstrich gezogen habe. Man kennt das aus dem öffentlichen Dienst, dann sind irgendwelche Schulleiter anderthalb Jahre krankgeschrieben. Aber das war nicht mein Plan.

Wo steht die Schule in Deutschland heute?

Wir haben eine starke Tendenz zur Mittelmäßigkeit in Deutschland. Wir haben eine sehr geringe Spitze von Schülerinnen und Schülern, die Spitzenleistung erbringen. Aber das muss man sich vor Augen führen: Über 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler bringen nicht die Grundlagen in Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften mit. Die können weder richtig lesen noch rechnen, noch verstehen sie naturwissenschaftliche Zusammenhänge. Wir sind Weltmeister in Gleichmacherei. Inzwischen ist diese Gleichmacherei auf einem Leistungsniveau angekommen, das bestenfalls noch unbefriedigend ist. Länder wie Estland, Kanada oder Singapur sind uns enteilt.

Was folgt daraus?

Für mich ist die stärkste Demokratieförderung, wenn Menschen ordentlich lesen und rechnen können. Wer lesen und rechnen kann, der hat Teilhabe an unserer Gesellschaft. Wenn ich ein starkes Selbstbild habe und ich weiß, ich schaffe Dinge, ich kann Sachen einordnen und verstehen, dann brauche ich mich nicht an irgendwelchen Rändern zu orientieren, wo mir irgendjemand verspricht, meine Wünsche zu erfüllen und meine Defizite ausnutzt. Kinder stark zu machen, das ist unsere Aufgabe in der Schule. Wir brauchen da nicht noch das nächste Demokratieprojekt.

Nach Ihrem Abschied haben Sie die Lehrer kritisiert. Jammern die zu viel?

Da ist ja auch ein wahrer Kern dran: bürokratischer Unsinn, ideologische Vorgaben, unsinniges Zeug. Aber wenn ich mir das immer wieder sage, werde ich keine Kraft haben. Es gibt solche unzufriedenen Meckerer, die andere Kollegen mit runterziehen. Man braucht nicht viele davon, aber die können ein Klima an der Schule sehr zum Negativen verändern. Ich wünsche mir, dass man auch mal die Chancen dieses Berufs sieht. Ich weiß natürlich, dass viele in Teilzeit arbeiten, weil sie sonst Familie und Korrekturen nicht unter einen Hut bekommen. Ich weiß aber auch, dass es zum Teil die gleichen Kollegen sind, die sich gegen helfende Veränderungen sträuben.

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Wo stehen sich Lehrer selbst im Weg?

„Ich muss erst mal Stoff schaffen, bevor ich eine Arbeit schreibe“, sagen viele Lehrer. Ich muss erst mal Stoff schaffen, bevor ich eine Arbeit schreibe. Warum kann ich nicht eine Arbeit nach zwei oder drei Unterrichtsstunden schreiben, und das regelmäßig? Wir haben immer den Effekt, dass in der Adventszeit, wo sich alle nach Besinnlichkeit und Ruhe sehnen, wo viele Konzerte und Weihnachtsfeiern vom Fußballverein sind, die Kinder mit sehr vielen Arbeiten, Klausuren und Tests belastet sind. Warum? Weil die Lehrer erst mal Stoff angespart haben, um dann Arbeiten zu schreiben wie die Weltmeister. Also Stress, den ich mir durch schlechte Planung selbst erzeuge. Ich kann zwei Wochen nach den Ferien schon meine erste Arbeit schreiben. Pünktlich zurückgeben und den Kindern erklären, das hat einen hohen Lerneffekt. Warum nicht?

Sie kritisieren auch, wie Noten entstehen.

Ich bin für Noten. Mich stört die Ermittlung. Warum ist die Notenermittlung ein linearer Prozess? Jedes Produkt entsteht über einen Weg, jeder Zeitungsartikel, jedes Buch. Selbst Martin Walser hatte einen Lektor. Man bekommt es noch mal zurück, kann es noch mal verbessern. Und bei Schülern, meist nur Note drunter und fertig. Wir sind da in Glaubenssätzen, die man ganz schwer aufgebrochen kriegt. Die sind nicht wissenschaftsbasiert, sondern eher wissenschaftswiderlegt. Die eigenen Glaubenssätze sind stärker als evidenzbasierte Erkenntnisse der pädagogischen Wissenschaft.

Viele Eltern wollen ihr Kind unbedingt aufs Gymnasium schicken.

Dahinter steht gerade in der Mittelschicht häufig die Angst vor sozialem Abstieg. Besonders auffällig ist der Widerspruch in bestimmten bildungsbürgerlichen Milieus. Dort wird gern für gesellschaftliche Vielfalt, Bildungsgerechtigkeit und gemeinsames Lernen palavert. Sobald es um das eigene Kind geht, endet dieser Anspruch jedoch nicht selten. Dann soll der liebe Finn doch lieber nicht neben Ahmed aus Syrien oder Oleg aus Kiew sitzen.

Und die anderen Schulformen?

Wenn ein Lehrer einem Kind sagt, es müsse sich mehr anstrengen, sonst komme es auf die Regionale Schule, ist das pädagogisches Versagen. Gerade in Mecklenburg-Vorpommern müssen wir die Regionalen Schulen stärken. Das stärkt auch die ländlichen Regionen. Die Stadt Bützow hat sich entschieden: Wir bauen eine Schule mit Werkstätten. Die Berufsorientierung fängt gleich an, wenn die Schülerinnen und Schüler auf diese Schule kommen. Eine Ausbildung ist keine Notlösung für Schüler, die kein Abitur machen.

Welche Schulnote geben Sie der Landesregierung?

Man muss Schulnoten für einzelne Bereiche geben. Die Leseförderung und den Mathematikunterricht würde ich als positiv herausstellen. Was die Bereitstellung von KI für Lehrer betrifft, würde ich, da sie die ersten waren, sogar eine Eins geben. Beim Umgang mit sozialen Medien und Handynutzung bin ich bei mangelhaft. Da hat man Zeit verplempert. Ich habe damals mit meiner Klasse alte Handys als Elektroschrott gesammelt und von dem Geld einen Handytresor bestellt, weil wir politisch nicht unterstützt wurden. Es geht hier um Kinder- und Jugendschutz. Wenn die Ministerin eine klare Ansage macht, hat das eine Wirkung in der Breite. Bei der Bürokratieentlastung ist noch wenig passiert. Das ist eine Verwaltung von Dingen. Da würde ich eine Vier geben.

Sollen Lehrer eher Lernbegleiter sein?

Ich distanziere mich von diesem ideologisch geprägten Begriff des Lernbegleiters. Der hat zum Teil sogar was Lächerliches. Ich bin für den Begriff des Lernermöglichers. Der respektiert auch die Vielfalt in einem Kollegium. Wir haben Kolleginnen und Kollegen, die vorne an der Tafel fantastisch Dinge erklären können. Warum soll ich sie jetzt künstlich in eine Rolle pressen? Auf Abiturreden heißt es immer, aus Fehlern lernen. Aber die ganze Zeit haben die Schülerinnen und Schüler eigentlich nur gelernt: Der Fehler ist schlecht, der wird dir angestrichen. Wir arbeiten sehr am Fehler und wenig an den Potenzialen der Kinder. Da müssen wir hin.

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