Digitalfunk

Kommunikation ohne Netz: Behörden proben in der Lausitz den Zugunglück-Ernstfall

Ist das Handynetz ausgefallen, bekommen Retter ihre Informationen über Funk. Ob das funktioniert, wurde bei einer Großübung getestet. So funktionierte der Test.

6 Min
Zehn teils Schwerstverletzte mussten am Donnerstag bei der Übung Mure2026 aus dem entgleisten Waggon geborgen werden.

Zehn teils Schwerstverletzte mussten am Donnerstag bei der Übung Mure2026 aus dem entgleisten Waggon geborgen werden.

© Ines Mallek-Klein/Ostdeutsche Allgemeine

Hilferufe ertönen aus einem roten Waggon der Deutschen Bahn. Er liegt auf der rechten Seite, schräg zum Schienenstrang. Davor hat sich ein Waggon verkeilt, der einen Fahrschulpanzer geladen hat. Die Rufe werden lauter. Kurz darauf fliegen Funken. Die Feuerwehrleute bahnen sich über eine Seitenwand den Zugang zu den Verletzten. Es ist erstaunlich ruhig an der Unglücksstelle. Man hört nur das Kreischen der Schneidwerkzeuge.

Und doch weiß jeder, was er zu tun hat. Rettungstragen werden beschafft, wärmende Decken bereitgehalten. Eine Besatzung eines Feuerwehrautos rollt die Schläuche aus und ist bereit, sollten Löscharbeiten nötig sein. Die ersten Krankenwagen rasen mit Blaulicht heran und nur Minuten später taucht hinter dem Kiefernwald der rot-weiße Hubschrauber der Luftrettung auf, während die Feldjäger der Bundeswehr begonnen haben, einen Teil der Unglücksstelle abzusperren.

Bei dem Zugunglück ist ein Personenzug auf einen Güterzug aufgefahren, der militärisches Gerät geladen hat. Die Wucht des Aufpralls ließ jeweils zwei Wagen entgleisen. Die Lage ist unübersichtlich. Eine besondere Herausforderung ist für die Koordinatoren der Rettung der komplette Ausfall des Funknetzes.

über 50 Behörden und Organisationen bei Großübung

Das Szenario spielt auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr bei Weißwasser in der Lausitz und gehört zu der großen dreitägigen zivil-militärischen Kommunikationsübung Mure26. Die Abkürzung steht für Mutuality und Reciprocity, also Gemeinsamkeit und Wechselseitigkeit. Die Liste der Beteiligten ist lang und auch die der Retter und Helfer an diesem Donnerstag. Mehr als 50 Behörden und Organisationen sind eingebunden, von den Feuerwehren aus dem Landkreis Görlitz, den Rettungsdiensten, dem Technischen Hilfswerk, der Landes- und Bundespolizei, der Deutschen Luftrettung bis hin zur Bundeswehr. Am ersten Übungstag waren mehr als 1000 Helfer im Einsatz, am zweiten sind es 502.

Der Mann, der die Retter koordiniert, heißt Björn Mierisch und ist Kreisbrandmeister im Landkreis Görlitz. Für ihn und seine 267 ehrenamtlichen Feuerwehrleute ist es die erste Übung in dieser Dimension und eine „richtig große Chance“. Weil das Handynetz ausgefallen ist, muss die gesamte Kommunikation über den Digitalfunk erfolgen. Das klappt unter den Feuerwehrleuten, der Polizei und den Rettungsdiensten schon sehr gut. Aber bei der Mure26 sind auch viele weitere Protagonisten mit an Bord, wie die Krisenstäbe im Landkreis oder das Lagezentrum des Landeskommandos der Bundeswehr in Sachsen.

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In dem Szenario war ein Personenzug auf einen mit Militärfahrzeugen beladenen Zug aufgefahren. Besondere Herausforderung für die Retter war der komplette Ausfall des Mobilfunknetzes.

In dem Szenario war ein Personenzug auf einen mit Militärfahrzeugen beladenen Zug aufgefahren. Besondere Herausforderung für die Retter war der komplette Ausfall des Mobilfunknetzes.

© Ines Mallek-Klein/Ostdeutsche Allgemeine

Das ist in diesem Fall mit eingebunden, weil es sich eben nicht um ein rein ziviles Zugunglück handelt, sondern ein Militärtransport betroffen ist, erklärt der Kommandeur des Landeskommandos, Oberst Marko Tkotz. Im Lagezentrum des Landeskommandos laufen alle Informationen zusammen und werden ständig aktualisiert. Im Ergebnis entsteht ein zivil-militärisches Lagebild, das die Grundlage für alle weiteren Maßnahmen darstellt. Um das Zusammenspiel des Digitalfunks zwischen den verschiedenen Behörden und Organisationen zu testen, biete diese Übung eine gute Gelegenheit, so Oberst Tkotz.

Belastungsprobe für den Digitalfunk

Vor Ort sind auch die Feldjäger. Einerseits, um den mit sensiblem Militärgerät beladenen Zugteil zu sichern und andererseits, um nach Abschluss der Bergungsarbeiten die späteren Ermittlungen zur Ursache des Unglücks zu übernehmen, gemeinsam mit den Kollegen der Bundespolizei. „Bergen und Retten ist Sache der zivilen Rettungsorganisationen, aber wir unterstützen natürlich, wenn nötig“, so Tkotz. Die zivil-militärische Zusammenarbeit ist und bleibe ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundeswehr. Die aktuelle Sicherheitslage habe aber dazu geführt, dass der Fokus auf der Landes- und Bündnisverteidigung liegt, stellt der Kommandeur klar.

Im Zuge dieser Aufgabe hat das Bundeskabinett im August 2025 beschlossen, die Zusammenarbeit der Organisationen und Behörden zu testen, insbesondere ihre Kommunikation über den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) einer Belastungsprobe zu unterziehen. Dabei geht es um ein Funknetz, das stabil aufrechterhalten werden muss und in dem die Funkfrequenzen für die einzelnen Bereiche klar geregelt sind. Es sei eine Herausforderung gewesen, waren doch zeitweise bis zu 1000 Endgeräte eingebunden.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) lässt sich von Einsatzleiter Björn Mierisch (l.) den Ablauf der Rettungsarbeiten erklären.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) lässt sich von Einsatzleiter Björn Mierisch (l.) den Ablauf der Rettungsarbeiten erklären.

© Ines Mallek-Klein Ostdeutsche Allgemeine

Einsatzleiter Björn Mierisch, der Mann mit dem gelben Helm und der roten Jacke, ist zufrieden. Schon am ersten Tag habe die Kommunikation gut geklappt. Wenngleich man auch noch einigen Optimierungsbedarf erkannt habe. „Aber dazu ist eine Übung ja schließlich auch da“, so Björn Mierisch. Und doch hat er noch einen großen Wunsch. Künftig sollen nicht nur Sprach- und Textnachrichten übermittelt werden, sondern auch Bilder, beispielsweise von den Verletzten, die an die Krankenhäuser geschickt werden. Damit würde ein Informationsvorsprung geschaffen für die optimale Weiterbehandlung. Das setze aber moderne Breitbandtechnik voraus.

Technische Kommuniaktion als Knackpunkt erkannt

Die Ausschreibungen dafür sollen im kommenden Jahr erfolgen, versprach Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Er war gemeinsam mit Nils Hilmer, dem Staatssekretär aus dem Bundesverteidigungsministerium, auf den Truppenübungsplatz in die Lausitz gereist, um den zweiten Übungstag mitzuerleben. Die Mure2026 sei ein voller Erfolg, so der Bundesminister, zeige sie doch, dass zivile und militärische Verteidigung zwei Seiten einer Medaille seien. „Wir sind uns aber auch im Klaren darüber, dass wir die technische Kommunikation deutlich stärken müssen. Wir haben funktionierende Kommunikationssysteme, aber sie müssen angepasst werden an eine ständig steigende digitale Welt“, so Dobrindt. Deswegen sei der Ausbau des Breitband-Digitalfunks der neuen Generation zwingend notwendig, und man wolle in Zusammenarbeit mit dem Bundesverteidigungsministerium dafür sorgen, dass alle mit den technisch gleichen Systemen arbeiten können.

„Die Kommunikation ist das Nervensystem jedes Einsatzes, ohne verlässliche Kommunikation und ohne ein umfassendes gemeinsames Lagebild ist kein zielgerichtetes Handeln möglich“, sagt Staatssekretär Nils Hilmer. Die veränderte Sicherheitslage in Europa verlange von den Sicherheitsbehörden und Organisationen in Bund, Ländern und Kommunen ein abgestimmtes Handeln. Und das müsse man trainieren, auch um zu erfahren, was klappt und wo es noch ruckelt, so Hilmer weiter.

Das Szenario am Bahnhof in Emmerich wurde im April entworfen. Dass die Übung stattfindet, während sich zeitgleich in Spanien ein zweites schweres Zugunglück mit 69 Toten binnen weniger Monate ereignet, löste bei den Rettern und auch bei den Verantwortlichen tiefe Betroffenheit aus. Es zeige, wie schnell abstrakte Situationen Realität werden können, sagt Einsatzleiter Mierisch.

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