Aufrüstung

Kunden aus dem Norden: Dänemark kauft Marschflugkörper bei Covenant in Leipzig

Dänemark kauft erstmals weitreichende Präzisionswaffen – und zwar in Leipzig. Für den neuen Covenant-Standort ist das ein früher Ritterschlag.

4 Min
Die dänische Armee ist am Marschflugkörper Anthem des US-Herstellers Covenant interessiert.

Die dänische Armee ist am Marschflugkörper Anthem des US-Herstellers Covenant interessiert.

© Hendrik Schmidt/dpa

In Leipzig ist offiziell noch keine Rüstungskomponente vom Band gelaufen, und schon steht der erste Auslandskunde vor der Tür. Dänemark will beim US-Rüstungsunternehmen Covenant Marschflugkörper vom Typ Anthem kaufen, geliefert aus dem sächsischen Werk. Für Kopenhagen ist das eine sicherheitspolitische Zäsur.

Nach Informationen des dänischen Senders TV 2 will Verteidigungsminister Jeppe Bruus den Kauf am Donnerstag auf einer Pressekonferenz bekanntgeben. Es ist das erste Mal, dass das Nato-Land weitreichende Präzisionswaffen beschafft. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Regierung angekündigt, sich offensive Fähigkeiten gegen die russische Bedrohung zulegen zu wollen. Moskau reagierte damals mit scharfer Kritik.

TV-2-Verteidigungskorrespondent Anders Lomholt spricht von einem historischen Einschnitt: „Bisher hat man die Verteidigung als etwas gedacht, das uns vor Angriffen schützen soll, also etwa Luftverteidigungssysteme. Hier geht es um etwas, das weit hinter den feindlichen Linien treffen kann.“ Der Wunsch komme sowohl aus der Politik als auch aus den Streitkräften. Zudem handle es sich um ein Nato-Fähigkeitsziel.

Die Anthem-Flugkörper werden vom Boden aus gestartet. Covenant selbst gibt keine Reichweiten an und hält sich mit Bestätigungen zurück, Experte Lomholt nennt bis zu 1500 Kilometer. Parallel kauft Dänemark Joint Strike Missiles des norwegischen Herstellers Kongsberg für seine F-35-Kampfjets. Diese treffen laut Hersteller Ziele in über 350 Kilometern Entfernung.

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„Der Feind darf nicht weiter schießen können als wir“

Die Logik dahinter erklärt Peter Viggo Jakobsen vom Institut für Strategie und Kriegsstudien der dänischen Verteidigungsakademie: Hat Russland Raketen mit über 1000 Kilometern Reichweite, braucht Dänemark sie auch. „Der Feind darf nicht weiter schießen können als wir“, sagt er im Gespräch mit TV 2. Angreifen wolle Dänemark niemanden, im Idealfall wirkten die Waffen rein abschreckend.

Sollte Russland dennoch angreifen, müsste es seine Raketen aus größerer Entfernung abfeuern, da Dänemark Abschussrampen tief im russischen Hinterland treffen könnte. „Und dann hätten wir viel mehr Zeit, die Raketen abzufangen, die Russland gegen uns schicken würde“, so Jakobsen. Auf die USA könne man sich ohnehin nicht mehr verlassen.

Das zeigt sich auch beim Material: Laut Lomholt hatte Kopenhagen zunächst amerikanische Tomahawks im Blick. Diese seien jedoch nicht zu bekommen, weil die USA sie im Krieg gegen Iran selbst einsetzten. Jakobsen hält den Kauf bei engen Partnern ohnehin für klug. Größere Stückzahlen senkten den Preis, und dänische Truppen könnten im Einsatz etwa auf norwegischen Basen schnell auf Munition zugreifen.

Rückendeckung kommt von Carsten Bach, verteidigungspolitischer Sprecher der Liberal Alliance: „Es ist eine Stärkung der dänischen Verteidigung, dass wir in der Lage sein werden, die Abschussrampen eines angreifenden Feindes auszuschalten.“ Ob Moskau das als Provokation werte, wisse er nicht. Man müsse aber darauf schauen, was Russland in der Ukraine tue. Die russische Botschaft in Kopenhagen ließ eine Anfrage von Reuters zunächst unbeantwortet.

Montiert in Sachsen

Covenant hat seine Leipziger Produktionsstätte gerade erst eröffnet. Die Fertigung soll 2027 starten: Im ersten Jahr sind 1000 Stück geplant, 2028 bereits 5000. Ausgeliefert werden die Flugkörper nach Unternehmensangaben ohne Sprengladung, die erst beim Kunden integriert wird. Welche Komponenten in Leipzig selbst entstehen, ist bislang nicht vollständig bekannt.

Generalmajor a. D. Markus Kurczyk, Vorsitzender des Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie, sieht durch das Vorhaben den Rüstungsstandort Leipzig gestärkt.

Generalmajor a. D. Markus Kurczyk, Vorsitzender des Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie, sieht durch das Vorhaben den Rüstungsstandort Leipzig gestärkt.

© Jürgen Lösel/Ostdeutsche Allgemeine

Das Verkaufsargument ist der Preis. Ein Anthem soll einen sechsstelligen Betrag kosten, vergleichbare Systeme liegen bei mehreren Millionen US-Dollar pro Stück. Gerade für kleinere Armeen, die schnell Masse aufbauen wollen, ist das ein gewichtiges Argument.

Das Mitteldeutsche Institut für Sicherheitsindustrie (MISI) sieht darin „ein starkes Signal für Europas Verteidigungsfähigkeit und den Produktionsstandort Leipzig“. Entscheidend sei nun, „Unternehmen aus Mitteldeutschland als Zulieferer und Technologiepartner einzubinden“. So entstünden „regionale Wertschöpfung, qualifizierte Arbeitsplätze und ein konkreter Beitrag zu unserer Sicherheit“, erklärte MISI-Vorsitzender Markus Kurczyk gegenüber dieser Zeitung.

Auch das Heer schaut genau hin

Die Dänen dürften nicht die einzigen Interessenten bleiben. Heeresinspekteur Christian Freuding will seine Truppe mit sogenannten Low Cost Cruise Missiles ausstatten, die Entscheidung sei gefallen. „Wir werden damit Ziele in einer Tiefe von etwa 1500 Kilometern massiert bekämpfen, gegnerische Flugabwehrsysteme übersättigen können“, sagte der Generalleutnant Anfang Oktober.

Konkrete Kandidaten nannte Freuding nicht. Zwei marktverfügbare Systeme stünden im Fokus und müssten noch qualifiziert werden. „Ein erster Zulauf ab 2027 ist damit grundsätzlich möglich, und wir wollen das auch erreichen“, erklärte er. Ob Anthem dazugehört, ist offen. Der Zeitplan passt allerdings auffällig gut zum Produktionsstart in Sachsen.

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