Die CDU gilt traditionell als Partei von Mittelstand und Wirtschaft. Doch wenige Tage vor der Berlin-Wahl wollen vier Unternehmer und Führungskräfte, die über Jahre die CDU gewählt haben oder der Partei politisch nahestanden, Volt unterstützen. Einer von ihnen ist sogar bis heute CDU-Mitglied. Was finden sie bei einer Partei, die bislang nicht einmal im Abgeordnetenhaus sitzt? Die Berliner Zeitung sprach mit den Unternehmern.
Bernd Schultz ist Gründer des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, Martina Kaiser gründete die Kleine Schönheitsfarm, Christoph Schröder ist unter anderem Eigentümer und Gesellschafter von OMOS Equity Partners, Benita von Haugwitz arbeitet als Senior Managerin bei BASF. Sie eint weder eine gemeinsame Abrechnung mit der CDU noch derselbe politische Weg. Kaiser hat mit der Partei weitgehend gebrochen, Schultz war nur kurz Mitglied, von Haugwitz verortet ihre früheren Wahlentscheidungen auf einer schwarz-grünen Wertebasis. Und Schröder will CDU-Mitglied bleiben.
Interessant ist deshalb weniger die Frage, warum diese vier Menschen die CDU verlassen haben – denn das haben ja nicht alle. Interessanter ist, warum Volt ausgerechnet in einem wirtschaftsnahen Milieu attraktiv wird, in dem CDU und FDP lange naheliegende Adressen waren.
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Was Volt Unternehmern verspricht
Volt versucht in Berlin, Wirtschaftspolitik mit einem Problem zu verbinden, das Unternehmer ebenso wie andere Berliner aus ihrem Alltag kennen: einer Verwaltung, die schneller funktionieren soll. Die Partei fordert kürzere Genehmigungsverfahren, mehr Digitalisierung, bessere Bedingungen für Unternehmensgründungen und eine schnellere Einwanderung von Fachkräften. Dazu kommt der europäische Ansatz: Was anderswo bereits funktioniert, soll nicht aus Prinzip in Berlin noch einmal neu erfunden werden.
Damit besetzt Volt Themen, die auch zum wirtschaftspolitischen Angebot der CDU gehören. Auch die Christdemokraten werben mit Bürokratieabbau, Digitalisierung, Wirtschaftswachstum und besseren Bedingungen für Unternehmen. Von einer generellen Abkehr der Unternehmer von der CDU kann deshalb keine Rede sein und vier Gesprächspartner wären dafür ohnehin keine Grundlage.
Die Antworten zeigen vielmehr eine andere Konkurrenz. Die Befragten vermissen teilweise weniger die wirtschaftspolitischen Grundsätze der CDU als Tempo, Modernisierung und den Willen, bestehende Strukturen aufzubrechen. Bei Volt verbinden sie diese Erwartungen mit einer jungen Partei, die europäischer und weniger festgefahren auf sie wirkt. Christoph Schröder ist dafür das deutlichste Beispiel.
CDU-Mitglied – und trotzdem Volt-Wähler
Schröder ist Unternehmer und unter anderem Gesellschafter von OMOS Equity Partners. Er hat sich von der CDU keineswegs abgewendet. Im Gegenteil: Erst 2025 trat er der Partei bei.
Christoph Schröder: „Ich wünsche der Bundes-CDU mehr Mut und innerparteiliche Geschlossenheit.“
© Meret Eberl
Politisch interessiert sei er schon als Jugendlicher gewesen, erzählt Schröder. Helmut Schmidt und die Auseinandersetzungen während des Deutschen Herbstes 1977 hätten ihn beeindruckt. Später wählte er überwiegend CDU, zeitweise aber auch eine aus seiner Sicht konservative SPD oder grüne Realos.
Zum Parteieintritt brachte ihn schließlich der Aufstieg der AfD. Die CDU sei vermutlich die einzige Partei, die diese spürbar eindämmen könne, sagt Schröder. Auch eine CDU-Beteiligung an der nächsten Berliner Landesregierung hält er für wünschenswert.
Am wirtschaftspolitischen Markenkern der Partei hält er ebenfalls fest: Marktwirtschaft und Leistungsorientierung, verbunden mit einem starken Sozialstaat, individueller Freiheit und Verantwortung für die Gemeinschaft. Der Staat müsse allerdings effizienter werden, die arbeitende Mitte steuerlich entlastet und die Verwaltung deutlich verschlankt werden.
„Ich wünsche der Bundes-CDU mehr Mut und innerparteiliche Geschlossenheit“, sagt Schröder. Auch Friedrich Merz schreibt er keineswegs ab. Er hofft vielmehr darauf, dass der Kanzler, seine Partei und die Bundesregierung die aus seiner Sicht notwendigen Veränderungen entschlossener angehen. Nur bei der Berlin-Wahl will er sein Kreuz trotzdem bei Volt machen.
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Schröder will Volt über die Fünf-Prozent-Hürde helfen
Für Schröder ist das kein Protest gegen die CDU. Volt überzeuge ihn durch einen „sachorientierten und pragmatischen Weg“ und den europäischen Ansatz, bereits erprobte Lösungen für bekannte Probleme zu übernehmen. Er spricht sogar von einer für den Moment erforderlichen, eher „technokratischen Regierung“, die Probleme möglichst ideologiefrei angeht.
Sein Ziel ist konkret: Volt soll mehr als fünf Prozent erreichen, ins Abgeordnetenhaus einziehen und möglicherweise sogar bei Koalitionsverhandlungen mit am Tisch sitzen. Mindestens solle die Partei aus dem Parlament heraus konstruktiv auf die Regierung einwirken.
Schröder will Volt deshalb nicht nur wählen, sondern unterstützt die Partei auch finanziell. Seine CDU-Mitgliedschaft will er trotzdem behalten.
Andere Parteien überzeugen ihn weniger. Die FDP habe sich zu einer „schmalspurigen Klientelpartei verzwergt“. Die Berliner Grünen hält er für nicht ausreichend realitätsorientiert. Eine Stimme für die AfD schließt er ebenfalls aus. An einem „Machbarkeitstest“ dieser Partei wolle er sich nicht beteiligen.
„Das war ein schleichender Prozess“
Bei Bernd Schultz ist das Verhältnis zur CDU deutlich loser. Der Gründer der Villa Grisebach bezeichnet sich selbst als Wechselwähler und war nur etwa ein halbes Jahr Mitglied der Christdemokraten.
Bernd Schultz über die Abkehr von der CDU: „Das war ein schleichender Prozeß.“
© Privat
Einen bestimmten Moment, an dem er sich von der Partei abgewandt hätte, nennt Schultz nicht. „Das war ein schleichender Prozess“, sagt er. Was ihm heute fehlt, sind politische Persönlichkeiten. Schultz sieht dieses Problem allerdings nicht nur bei der CDU – Volt nimmt er davon ausdrücklich aus.
Eine Rückkehr zu den Christdemokraten schließt er deshalb nicht aus. „Eine Tür ist nie geschlossen“, sagt Schultz. In der Politik seien „dienende, glaubwürdige und kompetente Persönlichkeiten“ wichtig.
Derzeit findet er bei Volt offenbar eher das, wonach er sucht. Schultz beschreibt die Partei als „jung, dynamisch engagiert, glaubwürdig und international aufgestellt“. Mitglied ist er nicht. Dafür will er Volt wählen, unterstützt die Partei finanziell und versucht nach eigener Aussage, weitere Menschen für sie zu gewinnen. Die AfD kommt für Schultz grundsätzlich nicht infrage. Bei der FDP wiederum mangele es an Profil.
Martina Kaiser hat mit der CDU abgeschlossen
Wesentlich härter fällt das Urteil von Martina Kaiser aus. Die Gründerin der Kleinen Schönheitsfarm hat über einen langen Zeitraum CDU gewählt. Mitglied war sie nie. Nach einer Unterbrechung wählte sie ab 1992 wieder die Christdemokraten, ab 2016 begann sie nach eigener Aussage erneut zu zweifeln und bevorzugte anschließend die FDP.
Für Martina Kaiser ist eines sicher: „Unvergessen die Corona-Zeit.“
© privat
Inzwischen ist die Tür zur CDU für sie vorerst zu. „Herr Merz ist ein konservativer, frauenfeindlicher Patriarch“, sagt Kaiser. Sie kritisiert seine politische Ausrichtung und seine frühere Tätigkeit für Blackrock. Auch Angela Merkels Regierungszeit bewertet sie rückblickend ausgesprochen kritisch. Der CDU wirft Kaiser unter anderem vor, den Mittelstand aus dem Blick verloren zu haben.
Besonders wichtig ist ihr allerdings die Corona-Zeit. Nachdem sie die Fragen der Berliner Zeitung bereits beantwortet hatte, meldete sie sich noch einmal. Einen „ganz wesentlichen Teil“ habe sie vergessen, schrieb Kaiser: „Unvergessen die Corona-Zeit.“
Einige der damaligen Politiker würde sie nach eigener Aussage dafür sogar „ins Gefängnis stecken“. Sie nennt Angela Merkel und Jens Spahn, aber auch die SPD-Politiker Hubertus Heil und Karl Lauterbach. Den etablierten Parteien wirft Kaiser vor, die Aufarbeitung der damaligen Politik zu vermeiden.
Für ihre Wahlentscheidung hat das Folgen. „Die CDU kann jetzt machen, was sie möchte. Für mich in der nächsten Zukunft keine Option mehr“, sagt Kaiser.
Volt überzeugt sie dagegen mit wenigen Worten: „Jung, dynamisch mit anderen Ideen.“ Deutschland brauche „frischen Wind und keine Alt-Parteien mehr“. Mitglied ist Kaiser nicht, sie will Volt wählen.
Politisch eindeutig ist ihre Neuorientierung allerdings nicht. Die FDP sei für sie inzwischen „nicht mehr zeitgemäß“. Die AfD kritisiert Kaiser unter anderem wegen deren Frauenpolitik, sagt aber zugleich, mit Blick auf Migrationspolitik, Schule und Gesundheit sei zu überlegen, ob man ihr die Zweitstimme gebe.
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„Mehr Hinterzimmer als Wohnzimmer“
Benita von Haugwitz wiederum war nie Mitglied der CDU und beschreibt ihre politische Ausgangsposition als „schwarz-grün orientierte Werte-Grundlage“. Die Senior Managerin bei BASF habe ihre Wahlentscheidungen je nach Kommunal-, Landes-, Bundes- oder Europaebene getroffen.
Benita von Haugwitz: „Aber die CDU müsste wieder mehr Lust auf Zukunft ausstrahlen und auch mal „out of the box“ denken“.
© privat
Schon mit der Parteikultur der CDU konnte sie sich nicht anfreunden. Diese habe auf sie zu wenig attraktiv und einladend für Menschen gewirkt, die moderne Politik aktiv mitgestalten wollten. Es sei ihr „immer mehr ‚Hinterzimmer‘ als Wohnzimmer“ erschienen.
Ihre zunehmende Distanz entstand nach eigener Aussage nicht durch einen einzelnen Auslöser. Von Haugwitz vermisst vor allem Gestaltungswillen bei Europa, Digitalisierung und Klimaschutz. Zu häufig habe sie bei der CDU den Eindruck, dass verwaltet statt gestaltet werde.
In Berlin sieht sie den Handlungsbedarf besonders deutlich: beim Wohnungsmarkt, beim Verkehr, bei Baustellen und Infrastruktur, bei der Verwaltung sowie bei Ordnung und Sauberkeit. Hinzu kommen für sie Bildung, innere Sicherheit und die wirtschaftliche Attraktivität der Stadt.
Die Kompetenz der CDU bestreitet sie dabei nicht. „Aber Kompetenz allein reicht nicht“, sagt von Haugwitz. Auch sie hat die Tür zu den Christdemokraten nicht zugeschlagen. „Aber die CDU müsste wieder mehr Lust auf Zukunft ausstrahlen und auch mal ‚out of the box‘ denken.“
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„Was in Tallinn funktioniert, sollte doch auch in Berlin klappen“
Bei Volt habe von Haugwitz dagegen erstmals das Gefühl gehabt: „Hier wird Politik wirklich vom 21. Jahrhundert aus gedacht.“ Sie nennt vor allem Pragmatismus, Optimismus und Lösungsorientierung.
Ein Beispiel ist für sie das sogenannte Once-Only-Prinzip aus Estland. Bürger sollen bestimmte Daten gegenüber dem Staat nur einmal angeben müssen; anschließend können Behörden auf bereits vorhandene Informationen zurückgreifen. „Was in Tallinn funktioniert, sollte doch auch in Berlin klappen!“, sagt von Haugwitz.
Ihre Unterstützung geht deutlich über eine Wahlentscheidung hinaus. Im Berliner Wahlkampf hat sie für Volt plakatiert und Flyer verteilt. Bei sich zu Hause veranstaltete sie außerdem ein „Dinner for Volt“. Freunde, Familie und Kollegen konnten dort mit den Kandidatinnen Anna Auerbach und Aiga Senftleben ins Gespräch kommen.
Von Haugwitz beschreibt solche Abende als Möglichkeit, politische Positionen nicht nur über Schlagworte kennenzulernen, sondern Fragen zu stellen, zu diskutieren und eigene Überzeugungen zu hinterfragen.
Die AfD kommt für sie „keinesfalls infrage“. Mit der FDP sieht von Haugwitz dagegen durchaus Schnittmengen, etwa bei Innovation und wirtschaftlicher Dynamik. Ihr fehlen dort jedoch Antworten darauf, wie wirtschaftlicher Erfolg, gesellschaftlicher Zusammenhalt und ökologische Verantwortung gemeinsam funktionieren sollen.
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Eine Abwanderungsbewegung von Unternehmern aus der CDU lässt sich aus vier Gesprächen nicht ableiten. Auffällig ist aber, womit Volt bei den Befragten punktet: weniger mit einer einzelnen wirtschaftspolitischen Forderung als mit dem Versprechen, Verwaltung, Digitalisierung und andere Probleme pragmatischer anzugehen – und dabei stärker nach Europa zu schauen.
Ob dieses Angebot am Sonntag für den Einzug ins Abgeordnetenhaus reicht, ist offen. Volt muss dafür die Fünf-Prozent-Hürde überwinden. Schultz, Kaiser, Schröder und von Haugwitz wollen der Partei dabei helfen – aus sehr unterschiedlichen Gründen.
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