Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Der milchige Ostsee-Dunst ist längst verzogen, das Wasser liegt glatt, fast bleiern. Nur die Luft vibriert, ein tiefes Dröhnen aus dem Maschinenraum. Ein Mehrzweckfrachter liegt längsseitig am Kai im Hafen von Mukran, dem Port an der Ostküste der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern.
Im Rumpf befinden sich Monopile-Segmente – zylindrische Stahlrohrabschnitte für den Bau von Windkraftanlagen auf hoher See, jedes bis zu 40 Meter lang und bis zu zehn Meter im Durchmesser. Ein Hafenmobilkran hebt die Stahl-Cans einzeln vom Schiff und setzt sie kontrolliert auf der Pre-Assembly-Area ab, der Vormontagefläche für Offshore-Großkomponenten. Von hier aus geht es später weiter zur Endmontage, kilometerweit vor der Küste.
Aktuell sind drei weitere Offshore-Windparks (OWP) in der Ostsee vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns geplant, im Bau bzw. stehen vor der Inbetriebnahme. „Gennaker“ liegt im Küstenmeer, „Windanker“ und „Fläche O 2.2“ in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ). Doch reibungslos läuft der Ausbau nicht – er stockt.
Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern: Stirbt an der Ostsee ein ganzer Berufsstand aus?
Brandenburg trocknet aus: Der Kampf ums Wasser hat begonnen
Erhebliche Eingriffe ins Ökosystem
Branchenvertreter beklagen lange Verfahren und Kostensprünge, Umweltschützer kritisieren erhebliche Eingriffe in sensible Ostsee-Ökosysteme, Landespolitiker betonen die ökonomische Rolle der Offshore-Windkraft für den strukturschwachen Nordosten.
Die Flächen vergibt der Bund in Ausschreibungen der Bundesnetzagentur. Unternehmen geben verbindliche Gebote für Offshore-Gebiete ab. Den Zuschlag erhält der Höchstbietende. Danach folgt das reguläre Genehmigungsverfahren bis zur finalen Investitionsentscheidung.
Die Zwölf‑Seemeilen‑Linie markiert die harte Grenze zwischen Küstenmeer und der AWZ. Bis dorthin gilt das Küstenmeer als deutsches Staatsgebiet; hier entscheidet das Land Mecklenburg-Vorpommern. Jenseits beginnt die AWZ: kein Staatsgebiet, sondern ein Raum mit exklusiven deutschen Nutzungsrechten nach dem UN‑Seerechtsübereinkommen, in dem Bundesrecht greift.
Im Küstenmeer von Mecklenburg-Vorpommern sind bereits zwei Parks am Netz, ein dritter entsteht, erklärt ein Sprecher des Landesministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit. „Baltic 1“ (48,3 Megawatt, MW, Betreiber EnBW) und „Arcadis Ost 1“ (257 MW, Betreiber Parkwind) sind in Betrieb. Mit „Gennaker“ baut Skyborn Renewables den künftig größten Offshore-Park im Küstenmeer etwa 15 Kilometer vor dem Darß – 63 Windkraftanlagen (WEA), knapp ein Gigawatt (GW), Inbetriebnahme um 2028. Laut Ministerium reicht dessen Jahresproduktion rechnerisch „für rund eine Million Haushalte“. In der deutschen Ostsee stehen insgesamt sechs Parks mit 309 WEA und 1,8 GW Leistung, vollständig in Meckenlenburg-Vorpommern ans Stromnetz angebunden.
Seestromkabel: Hiermit werden Offshore-Windparks mit dem Festland verbunden.
© Jens Koehler/Imago
Erhebliche Kostensteigerungen
In der Ostsee erfolgt die Einspeisung über Umspannplattformen, die Wechselstrom direkt ans Festland schicken. Konverterplattformen – nötig für verlustarmen Gleichstrom über lange Distanzen – fehlen noch. Doch die Entfernungen wachsen, die Leistungen steigen – und ein Unternehmen plant nun auch in der Ostsee solche Plattformen, um die Offshore‑Mengen effizient an Land zu bringen. Der Bau der ersten beiden dürfte noch in diesem Jahr beginnen; bis 2042 sollen 21 Konverterplattformen in Nord- und Ostsee errichtet werden. Der Bund peilt bis 2030 insgesamt 30 GW Offshore-Leistung an, bis 2045 mindestens 70 GW, so der Ministeriumssprecher weiter.
Das Land unterstützt die Forderung nach schnelleren und verlässlicheren Ausschreibungsverfahren. Die rot-rote Koalition verweist auf die „erheblichen wirtschaftlichen Potenziale entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ und nennt als Beispiel den 2‑GW‑Konverterplattformauftrag für Rostock-Warnemünde. Finanzielle Unterstützung des Landes? Keine. Mecklenburg-Vorpommern hat weder Fördermittel noch Bürgschaften für Offshore-Projekte in der Ostsee übernommen.
Offshore-Windenergie gilt als zentraler Baustein für die deutschen Klima- und Energieziele. Doch die Branche kämpft mit erheblichen Kostensteigerungen, Engpässen in den Lieferketten sowie knappen Produktions- und Installationskapazitäten, sagt ein Branchensprecher der Stiftung Offshore-Windenergie.
Hinzu kommt ein Ausschreibungsdesign, das finanzstarken Bietern ungedeckelte Gebote ermöglicht hat – Gebote, deren Realisierung „nur unter äußerst optimistischen Annahmen“ zu künftigen Strompreisen und Komponentenkosten tragfähig gewesen wäre. Da sich diese Erwartungen nicht erfüllt haben, stehen einzelne Projekte ohne finale Investitionsentscheidung da. Entwickler sprechen inzwischen offen über die mögliche Rückgabe ihrer Projekte und Zuschläge.
Auf der Hauptflugroute von Zugvögeln und Fledermäusen
Wie weit ist der Ausbau in der AWZ – und was ist bereits entschieden? Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) ist für „Windanker“ und „O 2.2“ zuständig; für beide gilt das Planfeststellungsverfahren nach dem Windenergie‑auf‑See‑Gesetz (WindSeeG). „Windanker“ wird von der Windanker GmbH betrieben, einer Projektgesellschaft unter Führung des spanischen Energiekonzerns Iberdrola. Der OWP Windanker ist längst durch: „Die Errichtung und der Betrieb des OWP Windanker wurde bereits mit Planfeststellungsbeschluss vom 24. Januar 2025 zugelassen“, sagt ein BSH‑Sprecher. 21 Anlagen auf 25 Quadratkilometern, angebunden über die Plattform Jasmund, stehen kurz vor der vollständigen Inbetriebnahme.
Mit „O 2.2“ folgt das nächste Großvorhaben – diesmal unter internationaler Beteiligung von Schweden, Dänemark und Polen. TotalEnergies hält den Zuschlag. Rund 70 Anlagen mit 15 MW sind geplant, Baustart 2030, Netzanschluss 2031.
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist in den Offshore‑Verfahren kein Entscheider, aber der ökologische Taktgeber. Es hält Offshore‑Wind für notwendig, mahnt für die Ostsee aber besondere Sorgfalt an. Beim Unterwasserschall pocht das BfN auf strenge Grenzwerte und „neue, alternative und schallarme Gründungstechniken“, um „die Tötung und Verletzung von marinen Säugern“ zu vermeiden.
Die „Fläche O 2.2“ ist laut BfN „der letzte sich in Planung befindende Windpark in der deutschen AWZ der Ostsee“ – weitere Ausbauflächen stehen nach aktuellem Stand nicht zur Verfügung. Das beruhigt nicht alle, vor allem Umweltaktivisten nicht.
Susanna Knotz vom BUND Mecklenburg-Vorpommern warnt, die Ostsee sei „stark genutzt, wenn nicht gar übernutzt“, und fordert eine kumulative Bewertung aller Eingriffe. Knotz sieht „Gennaker“ besonders kritisch: Der Park liege auf einer Hauptflugroute von Zugvögeln und Fledermäusen und nahe dem Überwinterungsgebiet der Eisenten; zusätzlich belasten Kabeltrassen, Hafenausbauten und Schiffsverkehr die Region. Der BUND verlangt Zubau nur, wenn andere Nutzungen zurückgefahren werden.
Mit Spezialschiffen werden die Bauteile für die Windkraftanlagen wie hier vom Hafen Mukran auf Rügen zu ihrem Bestimmungsort in der Ostsee transportiert.
© Jens Koehler/Imago
Die zentrale Rolle für Sassnitz-Mukran und Lubmin
Auch der Bundesvorsitzende der Grünen Liga, Thomas Tennhardt, lehnt „Gennaker“ ab – zu dicht an der Küste, direkt am Nationalpark, „besonders konfliktträchtig“. „Windanker“ bewertet der Verband differenziert: kleiner, aber in einem bereits stark entwickelten Gebiet. Entscheidend sei die Ballung der Parks, nicht die einzelne Anlage. Der dritte OWP „O 2.2“ gilt dagegen als „unproblematisch“.
Landespolitiker betonen die ökonomische Tragweite der Offshore‑Windindustrie. Doch genau dort beginnt der Streit: bei ökologischen Grenzen, der Ausweisung neuer Flächen und der Frage, wie viel beschleunigten Ausbau eine „sensible Ostsee“ verträgt.
Die Partei von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) setzt auf die industriepolitische Karte. Offshore-Windkraft sei ein Schlüsselbereich für das Küstenland, der 2,5‑Milliarden‑Euro‑Auftrag für eine Konverterplattform in Rostock zeige, „welche Wertschöpfungs- und Arbeitsmarktpotenziale in diesem Bereich stecken“, sagt der Fraktionssprecher für Energiepolitik, Falko Beitz. Die Hansestadt Sassnitz-Mukran und Lubmin sollen zu Drehscheiben für Offshore-Wind und Wasserstoff werden, die Energiewende „zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für Mecklenburg-Vorpommern“ machen.
Und alle betonen die wirtschaftliche Relevanz
Jutta Wegner, energiepolitische Sprecherin der bündnisgrünen Landtagsfraktion, betont ebenfalls die wirtschaftliche Relevanz, lenkt den Blick aber stärker auf die ökologische Flankierung. Ihr Leitmotiv: „Klimaschutz ist zugleich Natur- und Meeresschutz.“ Beim Raum in der Ostsee verweisen die Grünen auf den Flächenentwicklungsplan des Bundes, kritisieren aber, dass die Landesregierung im Küstenmeer „keine zusätzlichen Flächen ausweisen“ wolle und die Fortschreibung des Landesraumentwicklungsprogramms verschleppe. Damit mangle es Planungssicherheit für Naturschutz, Kommunen und Wirtschaft.
Die Linksfraktion knüpft an die Standortargumente an. Offshore-Wind schaffe Wertschöpfung und Arbeitsplätze, stärke Häfen und bilde die Grundlage „für die Produktion von grünem Wasserstoff“, so die energiepolitische Sprecherin Elke-Annette Schmidt. Gleichzeitig sieht sie „erhebliche Prüfbedarfe“ – und: „Beschleunigung darf Schutzstandards nicht absenken.“ Zusätzliche Leistung könne über Repowering kommen – moderne Anlagen ersetzen ältere, ohne neue Flächen zu beanspruchen.
Auch die AfD im Schweriner Landtag erkennt der Offshore‑Windindustrie einen hohen ökonomischen Stellenwert zu. Diese Wertschöpfung wolle man „selbstverständlich erhalten und stärken“, sagt die energiepolitische Fraktionssprecherin Petra Federau. Zugleich sei die Ostsee „ein besonders sensibles und bereits erheblich belastetes Binnenmeer“. Umweltverträglichkeitsprüfungen dürften nicht zur Formalie werden.
„Ich bin aus Ostdeutschland“: Eine Generation findet ihr Selbstbewusstsein
Wie ich an meinem ersten Tag in Chemnitz ein „Arschloch“ genannt wurde
Draußen auf der Ostsee wächst das nächste Fundament
Und: Industriepolitik solle nicht darauf hinauslaufen, immer neue Ausbauziele und wachsende Netzinfrastrukturen zu schaffen, „nur um eine politisch vorgegebene Energiewende abzusichern“. Zudem könnten wirtschaftliche Risiken nicht nachträglich pauschal auf Staat und Stromkunden verlagert werden, so Federau weiter.
Während an Land weiter über Verfahren, Flächen und ökologische Grenzen gestritten wird, wächst draußen auf der Ostsee bereits das nächste Fundament. Das Installationsschiff steht hoch auf seinen ausgefahrenen Hubbeinen, fest wie ein Bauwerk im Wasser. Über den Wellen schwenken die Kräne, greifen die tonnenschweren Pfähle und setzen sie senkrecht an. Jeder Schlag des Hydraulikhammers schickt einen dumpfen Impuls durch Stahl und See. Schritt für Schritt entsteht das Fundament, auf dem später die Windräder als stählerne Silhouetten stehen werden.
Oliver Rast ist seit 2017 freier Autor für verschiedene Publikationen zu Umwelt-, Agrar- und Gesundheitsthemen. Seine Leidenschaft gilt überdies dem Sport.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]