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Renft, Silly, Karat, Puhdys: Im Ostrockmuseum bleibt DDR-Musikgeschichte lebendig

Zwischen Zensur, Auflehnung und musikalischer Freiheit: Ein kleines, aber großartiges Museum im mecklenburgischen Kröpelin bewahrt ein Stück DDR-Kultur.

Thomas Hoppe
8 Min
Im DDR-Schallplattenladen des Kröpeliner Ostrockmuseums: die Initiatoren und Kuratoren der einzigartigen Ausstellung Reinhard Dankert, Rüdiger Kropp und Thomas Lehner (v.l.n.r.)

Im DDR-Schallplattenladen des Kröpeliner Ostrockmuseums: die Initiatoren und Kuratoren der einzigartigen Ausstellung Reinhard Dankert, Rüdiger Kropp und Thomas Lehner (v.l.n.r.)

© Thomas Hoppe

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Die „Ostrocklegenden“ touren wieder durch das Land. Einstige Mitglieder der DDR-weit bekannten Gruppen Silly, City, Neumis Rock Circus, der Horst-Krüger-Band und Renft geben mit Hits von damals gemeinsam Konzerte. Bis in den Herbst des nächsten Jahres hinein stehen deren Termine fest (www.ostrocklegenden.de). So wird das Musikprojekt u. a. in der Hamburger Markthalle zu erleben sein, aber auch in der Stadthalle von Chemnitz und bereits am 5. Dezember zum sogenannten Rock-Advent im mecklenburgischen Schmadebeck – dem einzigen Dorf auf der aktuellen Liste der Veranstaltungsorte. Und das kommt nicht von ungefähr.

Hier, vor den Toren Kröpelins, lebt nämlich Rüdiger Kropp, der Initiator der heute durchaus legendär zu nennenden, insgesamt 25 „Dorfrock“-Feste im Zeitraum von 1996 bis 2022 und dadurch ein wirklich guter Bekannter der Ostrocker.

Und sie kamen quasi alle

„Ich habe den Ostrock gelebt. Ich bin zu den Konzerten gefahren, für mich war das Live-Erlebnis entscheidend, die gute handwerkliche Qualität der Musiker und die oft tiefgründigen Texte – ein Kulturgut!“ So schildert der heute 70-Jährige seine Motivation, neben Nachwuchs- und Coverbands als Headliner stets bekannte Rockmusikgruppen aus dem Osten nach Schmadebeck eingeladen zu haben. Und sie kamen quasi alle: Renft, Berluc, City, Stern-Combo-Meißen, Karat, Lift, Puhdys, Electra, Transit, Rockhaus, Pankow, Engerling, Karussell und die Klosterbrüder – gefeiert von den Rockfans aus Ost und West.

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Zu den ersten Dorfrock-Stammgästen gehörte auch der Amateurmusiker und damalige SPD-Landtagsabgeordnete Reinhard Dankert aus Klein Nienhagen. Ihm schwebte vor, aus diesem allsommerlichen Treff von Ostrock-Protagonisten im Nachbardorf etwas über die Jahre Bleibendes für die ganze Region zu etablieren. Bei seiner Ideenrecherche stieß der gebürtige Rostocker schließlich auf den Berliner Verein „Sechzig-Vierzig“, der sich die Gründung eines DDR-Rock-Museums auf die Fahnen geschrieben hatte.

Wie dazu die taz im Jahr 2003 zu berichten wusste, lagerte der Grundstock „für ein künftiges Ostrockmuseum“ bereits in der Wohnung des einstigen „Schallplattenunterhalters“ Peter Thinius, der jenen Verein leitete, der nach einer DDR-Tanzmusikanordnung von 1958 benannt worden war. Demnach war im Radio und bei öffentlichem Tanz ein Musikmix einzuhalten, der zu mindestens 60 Prozent aus Titeln aus der DDR oder ihren „Bruderländern“ sowie zu höchstens 40 Prozent aus westlichem Liedgut bestand.

Das einzige Ostrockmuseum Deutschlands in Kröpelins Hauptstraße Nr.5

Das einzige Ostrockmuseum Deutschlands in Kröpelins Hauptstraße Nr.5

© Thomas Hoppe

Ein Jahresgehalt für eine Fender Jazz Bass

Es kam also zusammen, was zusammengehörte. Die Berliner ließen ihre Sammlung zufrieden in den Nordosten karren, wo diese und viele weitere Utensilien der beim Schmadebecker Dorfrock präsenten Musiker dank der Unterstützung von Politik und Verwaltung aus Stadt und Land endlich eine wahre Heimstatt fanden: Gestaltet wurde das Museum von zehn „jungen Ostrock-Helden“, wie die Ostsee-Zeitung zur Eröffnung des Museums im Sommer vor elf Jahren jene Architekturstudierenden aus Wismar nannte, die gemeinsam mit ihren Professoren für das Ausstellungskonzept und dessen Umsetzung sorgten.

„Das hat geklappt mit denen. Die haben hier was rausgeholt, da kommst du als Normaler gar nicht drauf. Das braucht Feeling“, schätzt Reinhard Dankert heute voller Respekt ein. „Die waren ein Glücksgriff“, sagt Rüdiger Kropp. Und der studierte Berufsmusiker Thomas Lehner, der schon 2015 für die CDU in der Kröpeliner Stadtvertretung saß, erinnert daran, wie die jungen Leute (alle erst in den Neunzigerjahren geboren) hier noch am Tag der Eröffnung in aller Frühe gewerkelt hätten: „Die haben richtig rangeklotzt!“

Diese drei Männer (1951, 1956 und 1962 geboren) bildeten von Anfang an das Kuratorium der einzigartigen Exposition (www.ostrockmuseum.de) und können zu vielen Exponaten eigene Ansichten und Anekdoten beisteuern. So verweist der immer noch aktive Amateurmusiker Reinhard Dankert („Atlas Revival Projekt“) darauf, dass „wegen der Käseglocke über der DDR“ in der hiesigen Rockmusik „deutsche Texte, Hoch- und Fachschulkompositionen von sehr gut ausgebildeten Musikern entstanden. Was es so im Westen nicht gab.“

Lehner, in den Achtzigerjahren mit der Band „Riff“ und heute noch mit „Five Men On The Rocks“ sowie als Schulchorleiter unterwegs, erinnert sich auch daran, wie er damals für seinen ersten Fender Jazz Bass auf dem Schwarzmarkt 6500 Ostmark – „fast ein Jahresgehalt“ – aufbringen musste.

Ein vernichtendes Urteil

Kropp erzählt ergriffen davon, wie dank des Sohnes eines Renft-Mitglieds dessen Violine ins Kröpeliner Museum kam. Zornig verweist er hier aber auch auf den Originalton, der an einem roten Wählscheibentelefon in der Ausstellung zu hören ist: „ … weil die Texte mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun haben, … weil die Arbeiterklasse verletzt und die Staats- und Schutzorgane diffamiert werden, … ist die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen.“

Dieses vernichtende Urteil der Leipziger Chefin der „Bezirkskommission für Unterhaltungskunst“, Ruth Oelschlegel, traf 1975 nicht nur den jungen Mecklenburger Rockmusikfan Rüdiger Kropp sehr hart. Trotzdem blieb Renft auf seiner ewigen Bestenliste, und er und seine Mitstreiter luden die auferstandene Band dann natürlich zu ihrem allerersten Dorfrock ein. Gern zitiert Kropp aus einem Renft-Song von 1972: „Zwischen Liebe und Zorn reift der Mensch und er bewegt sich – auf sich zu, immer mehr.“

Der Historiker Volker Höffer zollt den Machern des Kröpeliner Ostrockmuseums eine „ganz dicke Anerkennung“, wie er es ausdrückt. Er sehe die Präsentation als Perle an, „weil es gelungen ist, auf dieser kleinen Fläche (ca. 120 m², d. R.) eine anschauliche, sehr gut einordnende und differenzierende Ausstellung zu bieten. Zu einem Erlebnisfeld, das jeder etwa bis in die Achtzigerjahre in der DDR Geborene auch als wichtig erlebt hat, also über musikalische und ideelle Prägungen.“

Ein detaillierte Chronik zeigt den Besuchern, wie sich der Ostrock auch im Kontext von Politik und Kultur entwickelte. Am roten Telefon ist das vernichtende SED-Urteil über die Band von Klaus Jentzsch (Renft) nachzuhören

Ein detaillierte Chronik zeigt den Besuchern, wie sich der Ostrock auch im Kontext von Politik und Kultur entwickelte. Am roten Telefon ist das vernichtende SED-Urteil über die Band von Klaus Jentzsch (Renft) nachzuhören

© Thomas Hoppe

Im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Auflehnung

Der gebürtige Stralsunder (Jahrgang 1963), der seit 2009 die Außenstelle Rostock des Stasi-Unterlagen-Archivs leitet, ist seit Jahren im Musiker-Duo „Zeitlos“ selbst zum Thema DDR-Rockmusik unterwegs, das er dabei im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Auflehnung präsentiert. Er möchte damit einerseits schon „die grandiose musikalische und sprachliche Qualität“ des Ostrocks bewusst halten und andererseits aufzeigen, dass Menschen „vieles in sich haben“, von den „arrivierten und systemangepassten späteren Puhdys und Karat“ bis hin zu solchen kritischeren Bands „wie Renft, Scirocco, Pankow oder Silly“.

Als Dabeigewesener und als Wissenschaftler gehe es ihm darum, „die Menschen mit ihren vielen Schattierungen und mit ihrer Einordnung in den jeweiligen zeitlichen Kontext“ zu beurteilen. Die Antwort auf die Frage, warum sie so oder so agiert hätten, gebe letztlich auch Aufschluss über die Funktionsweise einer Diktatur und ihre Folgen.

Wenn es gelänge, sowohl die inhaltliche als auch die künstlerische Relevanz des Ostrocks in die heutigen Bedingungen zu übertragen und dabei auf „ewige Essenzen“ zu setzen, die man auch heute gebrauchen kann, würde diese Musik und ihre Geschichte auch künftig von Interesse sein, schätzt Höffer ein.

Immer wieder neue Wege gegangen

Wie das im wahren Leben funktionieren kann, zeigte fünf Jahre lang die Studierenden-Coverband „Rostrock“ der nordostdeutschen Hochschule für Musik und Theater – abgeleitet von Rostock und Ostrock – bei ihren erfolgreichen Auftritten. „Die, die mit dieser Musik – zum Beispiel durch uns – in Berührung kommen, sind davon immer überzeugt. Doch man muss diese Musik erst einmal finden“, sagt dazu Drummer Anton Thelemann (26), der sich als Erster in seiner ursprünglich ostdeutschen Familie dafür begeisterte: „Meine Eltern waren da nicht so drin.“

Sänger Andreas Jäckel (32) hofft auf Erben ihres Bandprojekts, das kürzlich mit einem Konzert in Kröpelin endete, denn ihn beeindruckt beim Ostrock nach wie vor: „Dass man musikalisch immer wieder neue Wege gegangen ist, neue Sounds ausprobierte und harmonisch gewagter schrieb, als es damals anderswo passierte. Ich finde sehr schön, dass sehr viele Texte von Menschlichkeit und gutem Miteinander handeln.“

Thomas Hoppe, 1959 in Rostock geboren, wuchs in Stralsund auf, studierte in Leipzig Journalismus, arbeitete von 1985 bis 2021 als Redakteur und Reporter bei der Ostsee-Zeitung in Rostock und Bad Doberan. Seitdem schreibt er als freier Autor u. a. regelmäßig für die Rostocker Stadtteilzeitung Südstern.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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