Innovation

Rohrpost statt Wasserspülung: Eberswalder starten Pilotprojekt mit innovativer Toilette

In einem Mehrfamilienhaus in Brandenburg werden neuartige Trockentoiletten getestet. Über ein Rohrsystem gelangen die Feststoffe in den Keller – ganz ohne Trinkwasser.

Dirk Engelhardt
8 Min
Kreislaufwirtschaft: Der aufbereitete Kompost, der mithilfe der Trockentoiletten gewonnen wird, kommt in der Landwirtschaft zum Einsatz.

Kreislaufwirtschaft: Der aufbereitete Kompost, der mithilfe der Trockentoiletten gewonnen wird, kommt in der Landwirtschaft zum Einsatz.

© Finizio

Als eines der ältesten bekannten Wasserklosetts Deutschlands gilt ein WC im Schloss Bad Homburg aus dem frühen 19. Jahrhundert. Installieren ließ es Prinzessin Elisabeth, eine Tochter des britischen Königs Georg III. Nun wird es Zeit für eine andere Premiere: Deutschlands erste Komposttoilette mit Rohrpostsystem wird im Jahr 2026 in Eberswalde installiert.

Das Unternehmen Finizio aus Eberswalde, initiiert von einem ehemaligen Studenten der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, stellt schon seit einigen Jahren Trockentoiletten her, die in Parks oder auf Festivals aufgestellt werden. Das Besondere daran: Der Kot daraus wird nicht weggeschmissen oder in die Kläranlage gespült, sondern als Kompost aufbereitet; so kann er für die Landwirtschaft verwendet werden.

In der Ruhlaer Straße in Eberswalde, in einem Mehrfamilienhaus, zündet jetzt der Start der neuen Serie für Trockentoiletten in Wohnhäusern. Statt feste Ausscheidungen mit Trinkwasser in die Kanalisation zu spülen, werden diese in einer kompostierbaren Papiertüte über ein Rohrpostsystem in einen Sammelbehälter transportiert und anschließend für das Recycling aufbereitet.

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Sieht auf den ersten Blick aus wie eine normale Toilette, funktioniert aber anders: die Trockentoilette der brandenburgischen Firma Finizio

Sieht auf den ersten Blick aus wie eine normale Toilette, funktioniert aber anders: die Trockentoilette der brandenburgischen Firma Finizio

© Jolanthe Stelzer/Finizio GmbH

Rund sechs Jahre arbeiteten die Entwickler Theo Pauly und Tom Kühne sowie der Geschäftsführer Florian Augustin an dem System. Nach Präsentationen im Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig 2023 und derzeit im Bauhaus Museum Dessau kommt die Technik nun erstmals unter Alltagsbedingungen in einem Wohnhaus zum Einsatz.

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Während Trockentoiletten bislang vor allem auf Festivals, in Tiny Houses oder im öffentlichen Raum eingesetzt werden, richtet sich das neue System gezielt an den mehrgeschossigen Wohnungsbau. Denn in den Städten liegen die größten Potenziale, Wasser einzusparen und wertvolle Nährstoffe im Kreislauf zu halten.

Das Haus ist ein Wohnprojekt, das über das Mietshäusersyndikat langfristig dem Immobilienmarkt entzogen werden soll. Mit der Rohrposttoilette wollen die Bewohner einen transformativen Ansatz auf ökologischer Ebene verfolgen und das Gebäude zum ersten Praxiseinsatz machen, der den Umgang mit Wasser, Nährstoffen und Sanitärsystemen neu denkt.

Wie die neue Toilette genau funktioniert

Die Keramikschüssel der neuartigen Toilette trennt Urin und Feststoffe bereits an der Quelle. Der Urin wird dabei über eine separate Leitung abgeführt und mit einem halben Liter Wasser nachgespült. Feste Ausscheidungen landen in einer speziell entwickelten, reißfesten, wasserfesten und vollständig kompostierbaren Papiertüte. Diese Papiertüte wird mithilfe von Schwerkraft und Druckluft durch ein trockenes Rohrsystem in einen Sammelbehälter im Keller transportiert. Diese Technik erspart den Nutzern den bei anderen Trockentoiletten nötigen Abtransport der Ausscheidungen alle drei Tage.

Die Feststoffbehälter werden auf dem Firmengelände in Eberswalde angeliefert. Hier befindet sich die Recyclinganlage für Inhalte aus Trockentoiletten.

Die Feststoffbehälter werden auf dem Firmengelände in Eberswalde angeliefert. Hier befindet sich die Recyclinganlage für Inhalte aus Trockentoiletten.

© Finizio

Für den Transport der Feststoffe wird in diesem System kein Trinkwasser benötigt. Somit spart das Finizio-System enorme Mengen an Wasser: In normalen Haushalten entfallen pro Tag rund 40 Liter Trinkwasser pro Person auf die Toilettenspülung. Damit nicht genug: Die Rohrposttoilette erhält wertvolle Nährstoffe zum Kompostieren, die mit normalen Toiletten sonst ins Abwasser gelangen.

Den Sammelbehälter im Keller leert Finizio in regelmäßigen Abständen und füllt ihn in die erste Recyclinganlage für Inhalte aus Trockentoiletten, die am Rand von Eberswalde aufgebaut wurde. Dort entsteht unter wissenschaftlicher Begleitung ein qualitätsgesicherter Recyclingdünger. Aus ihm werden Krankheitserreger und Medikamentenrückstände entfernt. Die Anlage läuft rund: Seit 2019 wurden auf diese Weise bereits mehr als 600 Tonnen Dünger hergestellt.

„Die größte technische Herausforderung bei der Entwicklung unserer Toilette bestand darin, die Papierform selbst bei geringem Gewicht des Inhalts zuverlässig durch das Rohrsystem zu transportieren“, verrät Katharina Müller, die bei Finizio die Pressearbeit leitet.

Der „Benutzungszwang“ als Hürde

Der Genehmigungsprozess für diese neuartige Toilette erwies sich als langwierig. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen mussten in Eberswalde nämlich Kompromisse geschlossen werden. „In unserem Landkreis erlaubt das Baurecht keine Badezimmer ohne Toilette mit Wasseranschluss und Abwasseranschluss“, sagt Tim, ein Bewohner des Hauses. Das Abwasserrecht gibt einen sogenannten Anschluss- und Benutzungszwang vor. Diese Pflicht muss jeder Haushalt in Eberswalde gegenüber dem lokalen Abwasserzweckverband erfüllen.

Die Hausbewohner der Ruhlaer Straße konnten jedoch nach zähen Verhandlungen einen Kompromiss schließen: Jedes Badezimmer im Haus wird sowohl mit einer Rohrposttoilette als auch mit einer herkömmlichen Wasserspültoilette ausgestattet. Jeder Toilettengänger kann sich frei entscheiden, welche der beiden Toiletten er benutzt; gleichzeitig bleibt der Anschluss an das öffentliche Abwassersystem erhalten. „So ist das nun mal mit den Vorschriften in Deutschland“, sagt Tim und grinst.

Auf Festivals kommen Trockentoiletten von Finizio zum Einsatz.

Auf Festivals kommen Trockentoiletten von Finizio zum Einsatz.

© Finizio

Die Bestimmungen, was die Pflicht von Wasserspültoiletten angeht, unterscheiden sich in Deutschland von Landkreis zu Landkreis. Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit verteidigt diese restriktive Vorgehensweise. „Das Bundesumweltministerium hat sich mit dem Thema Trockentoiletten und den Möglichkeiten einer ordnungsgemäßen und schadlosen Verwertung ihrer Inhalte befasst und dazu auch Gespräche mit der Firma Finizio aus Eberswalde geführt“, führt Pressesprecher Simon Köppl aus. „Trockentoiletten oder auch Komposttoiletten sollen der getrennten Sammlung menschlicher Fäzes dienen“, so Köppl fachkundig.

Köppl weiter: „Insgesamt stehen wir dem Einbau von Trockentoiletten in Wohnhäusern kritisch gegenüber. Eine schadlose und ordnungsgemäße Verwertung beziehungsweise Beseitigung menschlicher Fäzes aus Trockentoiletten ist weder abfallseitig noch abwasserseitig gewährleistet. Es sind gesundheitliche Risiken, die durch die wassergeführten Toilettensysteme, einschließlich der Abwasserbehandlung in unseren Kläranlagen, zu einem Großteil verhindert werden.“ So rechtfertigt Köppl den Anschlusszwang an die Kanalisation.

Zum Trinkwasser bemerkt Köppl, dass rund ein Viertel des gesamten Verbrauchs auf die Toilettenspülung entfällt. Auch das Umweltministerium weist ständig darauf hin, dass Wassermangel in den nächsten Jahren eine große Rolle spielen wird.

In Deutschland verbrauchen Haushalte und Kleingewerbe etwa 10,3 Milliarden Liter Trinkwasser pro Tag. Würden Trockentoiletten flächendeckend eingeführt, könnten also pro Tag zwischen zwei und drei Milliarden Liter Trinkwasser eingespart werden, eine enorme Summe. Dies weiß auch Köppl. Er regt an, dass vermehrt Augenmerk auf Sparduschknöpfe und Spartasten bei der Toilettenspülung gelegt werden sollte.

In dieser Anlage entsteht aus den menschlichen Exkrementen Humus.

In dieser Anlage entsteht aus den menschlichen Exkrementen Humus.

© Torsten Stapel

In Sachen Kompostierung der menschlichen Fäzes, wie sie im Amtsdeutsch umschrieben wird, war Finizio im Austausch mit dem brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz. Ein Sprecher des Ministeriums: „Bei Abfällen aus privaten Haushalten besteht grundsätzlich eine Überlassungspflicht an den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger.“ Zwar biete Finizio eine Entsorgungsinfrastruktur, allerdings handele es sich dabei um ein Angebot außerhalb der kommunalen Daseinsfürsorge, so das Amtsdeutsch des Sprechers.

Er zweifelt die Vorgehensweise von Finizio an: „Aus diesem Grund bleibt nicht ersichtlich, wie die Entsorgung aus dem häuslichen Bereich geregelt ist, und daher ist unklar, inwieweit die im privaten Bereich installierten Trockentoiletten dauerhaft gebrauchsfähig sind.“ Deshalb, so der Sprecher, wäre der parallele Einbau von „normalen“ Toiletten in das Haus in Eberswalde behördlicherseits notwendig.

An diesem Punkt setzt Finizio auf die Kommunen: „Wir stehen vor der Herausforderung, dass Kommunen selbst entscheiden können, ob sie den Anschluss- und Benutzungszwang anwenden oder Ausnahmen zulassen“, sagt Florian Augustin. Er ist sich bewusst, dass jedes Projekt zunächst auf diese Hürde stoßen wird. „Mit der Rohrposttoilette im Eberswalder Hausprojekt und allen folgenden Einbauten erhoffen wir uns positive Beispiele, die zeigen, dass Ausnahmegenehmigungen durchaus möglich sind und das Rohrpostsystem gleichwertige Leistungen wie eine Wassertoilette bringt.“

Finizio hat inzwischen weitere Projektanfragen: Rohrposttoiletten sind im Haus der Möglichkeiten in Bad Belzig sowie in mehreren Einfamilienhäusern in Brandenburg geplant. Sogar ein Großprojekt mit 600 Wohneinheiten in Märkisch-Oderland hat Interesse an der neuen Toilette bekundet.

Auch solche Toilettencontainer stellt Finizio her.

Auch solche Toilettencontainer stellt Finizio her.

© finizio

Einfachere Systeme sind bereits seit Jahren auf dem Markt und besonders bei Tiny Houses beliebt. Der Hersteller Trobolo setzt auf wasserfreie und chemiefreie Systeme, bei denen Urin und Feststoffe in getrennten Behältern gesammelt werden.

Ein patentiertes System sorgt dabei für Geruchlosigkeit, bei festen Hinterlassenschaften muss jeweils eine Schippe Einstreu darüber gegeben werden. Das Holz, aus dem die Toiletten produziert sind, wird in Polen verarbeitet. Die Toilette Trobolo Tiny Bloem kostet 749 Euro und verfügt über ein integriertes Abluftsystem. Sie muss nach 30 bis 40 Toilettengängen geleert werden. Trockentoiletten in der Anmutung einer Holzkiste produziert die Firma Kildwick aus Leipzig. Das Fancy Loo von Kildwick kostet 949 Euro und muss nach 17 Toilettengängen geleert werden.

Ob sich die Rohrposttoilette im Wohnungsbau durchsetzen wird, ist noch offen. Sollte das Pilotprojekt in Eberswalde erfolgreich verlaufen, könnten damit in Zukunft deutlich weniger Trinkwasser verbraucht und gleichzeitig Nährstoffe in den Kreislauf eingebracht werden. Ein Ansatz, der angesichts zunehmender Wasserknappheit von Bedeutung sein könnte.

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