In Leuna produziert seit Wochen ein Werk, dessen Betreiber zahlungsunfähig ist.
Am 1. April galt der Standort als gerettet. Eine Auffanggesellschaft von InfraLeuna und Leuna-Harze übernahm die Anlagen der insolventen Domo Caproleuna und 436 der zuletzt rund 500 Beschäftigten. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze sprach von einer sehr guten Lösung für das Land.
Zweieinhalb Monate später meldete die Auffanggesellschaft selbst Insolvenz in Eigenverwaltung an. Als Grund nannte sie gestiegene Rohstoffpreise und Lieferanten, die nur noch gegen Vorkasse liefern. Die Produktion läuft vorerst weiter, die Finanzierung reicht für einige Monate.
Zwischen diesen beiden Terminen liegt der Krieg am Persischen Golf.
Trump stoppt den Angriff, der Ölpreis fällt
Am Sonntag erklärte Donald Trump, er habe einen geplanten Großangriff auf den Iran vorerst gestoppt. Nach seinen eigenen Worten wäre es der größte US-Militärschlag seit dem Zweiten Weltkrieg geworden. Ab Montagnachmittag werde stattdessen verhandelt, sagte der US-Präsident an Bord der Air Force One, eine Einigung über die Straße von Hormus stehe „unmittelbar bevor“. Ort und Teilnehmer nannte er nicht.
Die Märkte reagierten sofort. Die Nordseesorte Brent gab am Montagmorgen um mehr als fünf Prozent auf rund 83 Dollar je Barrel nach, die US-Sorte WTI zeitweise um sechs Prozent auf knapp 80 Dollar. Der stärkste Rückgang seit Wochen.
Teheran erklärte allerdings noch am Sonntag, einer Wiedereröffnung der Meerenge bislang nicht zugestimmt zu haben. Am Sonntagabend meldete der Kapitän eines Tankers eine Explosion in unmittelbarer Nähe seines Schiffes, rund 20 Seemeilen nordöstlich der omanischen Stadt Chasab. Die britische Seefahrtbehörde UKMTO machte den Vorfall in der Nacht zum Montag öffentlich. Schiff und Besatzung blieben unversehrt.
Chemie- und Raffineriepakt: Wie die Industrie in Sachsen-Anhalt gerettet werden soll
Warum der Osten stärker hängt als der Westen
Öl aus der Golfregion bezieht Deutschland kaum. Das nützt wenig, denn der Preis entsteht am Weltmarkt. Wenn asiatische Käufer um Ersatzmengen konkurrieren, zahlt Bitterfeld denselben Aufschlag wie Ludwigshafen.
Der Unterschied liegt in der Struktur der Betriebe. In Ostdeutschland steht überdurchschnittlich viel energieintensive Grundstoffchemie. Bei der Ammoniakproduktion ist Erdgas nicht ein Kostenpunkt unter vielen, sondern zugleich Energieträger und Rohstoff. Auch Caprolactam und Polyamid reagieren empfindlich auf steigende Energie- und Vorproduktpreise.
Wie angeschlagen die Branche schon vor dem Krieg war, zeigt SKW Piesteritz in Wittenberg, Deutschlands größter Ammoniak- und Harnstoffproduzent. Das Unternehmen stellte bereits Anfang 2025 eine von zwei Ammoniakanlagen ab und verwies damals auf die Marktlage und die politischen Rahmenbedingungen. Seither sind die Gaspreise noch einmal gestiegen. Ammoniak ist die Vorstufe von Stickstoffdünger, die Kosten landen am Ende auf jedem märkischen Acker.
Das Werk von SKW Piesteritz in Lutherstadt Wittenberg: Deutschlands größter Ammoniak- und Harnstoffproduzent stellte schon Anfang 2025 eine von zwei Ammoniakanlagen ab.
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VCI-Umfrage: Jedes zweite Unternehmen bremst
Wie weit das reicht, deutet eine Mitgliederbefragung des Verbands der Chemischen Industrie von Ende Juli an. Für die regionale Auswertung wurden die Antworten von gut 20 ostdeutschen Unternehmen gesondert betrachtet, die Stichprobe ist also klein.
Von diesen will jedes zweite seine Investitionen in Deutschland 2026 und 2027 zurückfahren. Mehr als jedes dritte erwägt, sie ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern. Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, sagt, ihren Unternehmen fehle inzwischen „das Vertrauen in die Standortbedingungen“.
Eine geschlossene Fabrik sieht man. Eine Investition, die nach Antwerpen geht, bemerkt zunächst niemand. Erst zehn Jahre später fehlen die Zulieferer.
Energiekrise und Iran-Krieg: Chemiepark Leuna vor dem Aus?
Schwedt: Zwei Krisen, die sich addieren
In Brandenburg kommt ein Problem hinzu, das mit dem Iran nichts zu tun hat und trotzdem von ihm verschärft wird.
Die PCK-Raffinerie in Schwedt versorgt weite Teile Nordostdeutschlands mit Kraftstoff, dazu einen Großteil Berlins samt Kerosin für den BER. Seit dem Ölembargo gegen Russland kommt ihr Rohöl über die Häfen Rostock und Danzig sowie aus Kasachstan.
Seit dem 1. Mai fließt kein kasachisches Öl mehr durch die Druschba-Pipeline, Moskau hat den Transit gestoppt. Der Ersatz muss am Weltmarkt gekauft werden, zu Kriegspreisen.
Das schlägt bis an die Haustür durch. Das Heizölportal Tecson führt die Bezugsschwierigkeiten der Raffinerie ausdrücklich als Grund dafür an, dass sich die Produktpreise im Nordosten ungünstig entwickeln.
Der Bund hat die Beschäftigungssicherung für die mehr als 1000 Mitarbeiter bis Ende 2026 verlängert. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte bei einem Besuch mit Ministerpräsident Dietmar Woidke: „Bund und Land stehen fest hinter dem Standort."
Die Zusage reicht fünf Monate. Danach hängt viel an der Pipeline von Rostock nach Schwedt, deren Ertüchtigung für 400 Millionen Euro die EU-Kommission bislang nicht genehmigt hat.
Diesel, Heizöl, Gas: Die Rechnung für Haushalte
Für Verbraucher lässt sich der Krieg auf den Cent beziffern.
Der 7. April war der teuerste Tanktag seit Beginn der Aufzeichnungen: 2,447 Euro für einen Liter Diesel im Tagesdurchschnitt. Super E10 kam am Ostermontag auf 2,192 Euro und blieb damit einen Cent unter dem Rekord vom Beginn des Ukrainekriegs.
Der Tankrabatt im Mai und Juni dämpfte das. Seit seinem Auslaufen am 30. Juni liegen die Preise wieder auf Krisenniveau, Ende Juli bei rund 2,15 Euro für E10 und 2,21 Euro für Diesel.
Heizöl kostete am 2. August im Bundesschnitt gut 133 Euro je 100 Liter bei einer Abnahme von 3000 Litern. Der Höchststand der vergangenen drei Jahre wurde am 7. April erreicht, mit 157 Euro. Beim Gas meldete das Vergleichsportal Verivox Ende April einen Anstieg von rund 17 Prozent seit Jahresbeginn, in Berlin von 32 Prozent.
Ukraine-Krieg: Putin und der Westen bleiben auf Konfrontationskurs
Lange Wege, kleine Löhne
Hier trifft der Krieg den Osten ein zweites Mal.
Die längsten durchschnittlichen Arbeitswege aller deutschen Kreise finden sich laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Märkisch-Oderland mit 27,4 Kilometern, in Ludwigslust-Parchim mit 27,3 und im Altmarkkreis Salzwedel mit 27,2. Auch Dahme-Spreewald liegt unter den sechs Spitzenreitern. Der Bundesdurchschnitt beträgt 17,2 Kilometer.
In Brandenburg pendeln in 35 Gemeinden mehr als neun von zehn Beschäftigten über die Gemeindegrenze. In Vogelsang sind es 93,1 Prozent. Ein dichtes Bahnangebot als Alternative gibt es dort nicht.
Wer 27 Kilometer einfach fährt, kommt an 220 Arbeitstagen auf rund 12.000 Kilometer im Jahr. Bei sieben Litern Verbrauch auf 100 Kilometer macht ein Preisunterschied von 50 Cent je Liter gut 420 Euro aus. Bei Löhnen, die im Osten weiter unter dem Bundesniveau liegen, ist das spürbar.
Konjunkturprognose: Alles hängt am Golf
Die Wirtschaftsforscher haben ihre Erwartungen längst korrigiert.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle rechnet in seiner Sommerprognose mit 0,9 Prozent Wachstum für 2026 und ähnlichen Raten für Ostdeutschland, allerdings nur unter der Annahme, dass sich der Konflikt entspannt. Bleibt die Lage angespannt, könnte die Wirtschaftsleistung im schlimmsten Fall stagnieren. IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller nennt den ungewissen Fortgang des Golfkonflikts das wesentliche Risiko für die deutsche Konjunktur.
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat seine Prognose im Mai auf gut 0,4 Prozent halbiert. „Die Krisen prasseln schneller auf die deutsche Wirtschaft ein, als sie sich erholen kann“, sagt IW-Konjunkturchef Michael Grömling. In der IW-Umfrage vom April wollten knapp 30 Prozent der Unternehmen im laufenden Jahr Stellen streichen.
Was ein Abkommen ändern würde
Die Analysten von BMI, einer Tochter von Fitch Solutions, halten eine Verständigung über die Meerenge in diesem Quartal für erreichbar. Zugleich haben sie die Wahrscheinlichkeit ihres Eskalationsszenarios von 25 auf 35 Prozent angehoben.
Im April gab es schon einmal eine Waffenruhe samt Öffnungszusage. Sie hielt nicht, danach stiegen die Preise wieder.
Für die Chemieparks zwischen Bitterfeld und Böhlen ist deshalb nicht die Höhe der Energiepreise das eigentliche Problem, sondern ihre Unberechenbarkeit. Wer nicht weiß, was Erdgas im November kostet, unterschreibt im August keinen Liefervertrag für 2027.
In Leuna laufen die Anlagen weiter. Wie viele davon noch stehen, wenn dieser Krieg endet, weiß niemand.
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