Winterzeit

Zweimal im Jahr an der Uhr gedreht: Politiker fordern Schluss mit dem Zeit-Theater

Kurz vor der Umstellung auf Winterzeit wächst der Unmut: Politiker von BSW, SPD und CDU fordern von der EU endlich eine verbindliche Entscheidung.

5 Min
Ein Sonnenaufgang im erzgebirgischen Marienberg-Kühnhaide: Am Sonntag werden die Uhren auf Winterzeit gestellt.

Ein Sonnenaufgang im erzgebirgischen Marienberg-Kühnhaide: Am Sonntag werden die Uhren auf Winterzeit gestellt.

© André März/Imago

In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober ist es wieder soweit: Die Uhren werden um eine Stunde zurückgedreht, die Winterzeit beginnt. Was für die einen eine geschenkte Stunde Schlaf bedeutet, ist für Kritiker ein überflüssiges Ritual, das Kosten verursacht, der Gesundheit schadet und längst keinen Nutzen mehr bringt. Pünktlich vor dem Stichtag melden sich Politiker verschiedener Parteien zu Wort.

Besonders deutlich positioniert sich die BSW-Fraktion im Sächsischen Landtag. Für die Partei um Sahra Wagenknecht ist die halbjährliche Zeitumstellung ein Paradebeispiel für bürokratischen Leerlauf, der niemandem nützt. Der Aufwand für Unternehmen, Verwaltung und Bürger stehe in keinem Verhältnis zu einem Nutzen, den es faktisch nicht mehr gebe.

Tatsächlich lässt sich die Kritik mit Zahlen untermauern: Laut einer Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag aus dem Jahr 2018 beträgt die Ersparnis beim nationalen Stromverbrauch durch die Sommerzeit gerade einmal 0,21 Prozent. Und selbst dieser Mini-Effekt wird beim gesamten Energieverbrauch durch den Mehrverbrauch an Heizenergie in den kühleren Morgenstunden von Frühjahr und Herbst fast vollständig aufgehoben. Das ursprüngliche Argument – Energiesparen als Reaktion auf die Ölkrise der 1970er Jahre – seit damit hinfällig, erklärt die Fraktion.

Von der DDR bis zur EU-Norm: Eine kurze Geschichte der Zeitumstellung

Dass gerade das BSW aus Sachsen hier den Finger in die Wunde legt, hat durchaus historischen Beiklang. Denn die Umstellung auf die Sommerzeit wurde 1980 zeitgleich in der DDR und der Bundesrepublik eingeführt – ein seltenes Beispiel deutsch-deutschen Gleichschritts im Kalten Krieg. In den Jahren von 1916 bis 1950 hatte es in Deutschland bereits mit Unterbrechungen eine Sommerzeit gegeben, ehe sie wieder verschwand.

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Erst nach und nach schlossen sich weitere europäische Länder dem Rhythmus an. Seit 1996 gelten in der gesamten Europäischen Union einheitliche Termine für die Umstellung – immer am letzten Sonntag im März vor und am letzten Sonntag im Oktober zurück. Was einst als Energiesparmaßnahme gedacht war, ist heute vor allem ein eingespieltes Verwaltungsritual, dessen ursprünglicher Zweck verpufft ist.

Müde, gereizt, unkonzentriert: Der Preis für den Stundensprung

Neben dem fehlenden Nutzen rückt ein weiteres Argument in den Fokus: die Gesundheit. Hier liefern aktuelle Zahlen Munition für die Kritiker. In einer Umfrage im Auftrag der DAK aus dem Jahr 2026 gaben 30 Prozent der Befragten an, nach der Zeitumstellung schon einmal Beschwerden gehabt zu haben. Zu den häufigsten Klagen zählen Müdigkeit und Schlappheit, Einschlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und Gereiztheit.

Für Schlafmediziner ist die Sache ohnehin klar. „Die Zeitumstellung ist unphysiologisch und gehört seit vielen Jahren abgeschafft“, sagt der Schlafmediziner Steffen Schädlich dem MDR. „Das Hin und Her verursacht bei vielen Menschen viel Stress und produziert nur unnötige Kosten.“ Hinzu kommen praktische Probleme etwa im Transportwesen, wo Bahnunternehmen ihre Fahrpläne zweimal jährlich an den Stundensprung anpassen müssen.

SPD- und CDU-Politiker üben Kritik

Dass die Kritik am Zeit-Theater kein Nischenthema einer einzelnen Partei ist, zeigt der Blick nach Brüssel. Auch SPD und CDU trommeln für ein Ende der Umstellerei. Die SPD-Europaabgeordnete Vivien Costanzo sieht gleich mehrere Vorteile in einer Abschaffung: „Durch den Verzicht auf die Zeitumstellung könnten Energiekosten gesenkt, Umweltbelastungen reduziert und die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung verbessert werden“, so die Politikerin gegenüber der Parteizeitung Vorwärts. Gleichzeitig mahnt sie zur Geschlossenheit: „Ein vereintes Europa braucht eine gemeinsame Zeit. Ein Flickenteppich aus verschiedenen Zeitzonen muss vermieden werden.“

CDU-Europapolitiker Peter Liese würde die Umstellung am liebsten abschaffen.

CDU-Europapolitiker Peter Liese würde die Umstellung am liebsten abschaffen.

© Revierfoto/Imago

Ihr CDU-Kollege Peter Liese, der sich seit Jahren für die Abschaffung starkmacht, benennt die eigentliche Blockade: Es liegt nicht an den EU-Institutionen, sondern an den Nationalstaaten. „Die Verkehrsminister der 27 Mitgliedstaaten haben sich bisher geweigert, den entsprechenden Vorschlag überhaupt nur zu beraten“, kritisiert Liese. „Wir müssen Druck auf sie ausüben, damit sie dem Vorschlag zur Abschaffung endlich zustimmen.“

Warum sich seit 2019 nichts bewegt

Dabei schien die Sache schon einmal entschieden. Bereits 2019 stimmte das Europaparlament für eine Abschaffung, nachdem sich in einer EU-weiten Online-Befragung satte 84 Prozent der Teilnehmer dafür ausgesprochen hatten. Doch die Umsetzung liegt bei den Mitgliedstaaten – und genau dort hakt es seither.

Der Grund ist weniger Unwille als vielmehr Geografie. Die Länder streiten nämlich nicht über das Ob, sondern über das Was: dauerhafte Sommer- oder dauerhafte Winterzeit? Bei durchgängiger Winterzeit ginge am längsten Sommertag im Osten Polens die Sonne bereits um 3.30 Uhr auf. Bei dauerhafter Sommerzeit bliebe es im Westen Spaniens an kurzen Wintertagen morgens bis 9.30 Uhr dunkel. Entsprechend tendieren östliche Staaten zur Sommer-, westliche zur Winterzeit.

So bleibt das Thema in der Schwebe – und die Bürger drehen vorerst weiter zweimal im Jahr an der Uhr. „Die Bürgerinnen und Bürger Europas erwarten zu Recht eine Lösung“, bringt es Costanzo auf den Punkt. Bis es soweit ist, gilt wohl: Ab dem Sonntag ist wieder Winterzeit – und im März 2027 geht das Spiel von vorne los.

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