Der Osten ist ländlich geprägt, pflegt einen ausgeprägten Hang zur Wiederverwertung und tickt in vielem weniger materialistisch als der Westen. Warum also wählt er nicht Grün?
Die Partei, die Ökologie zu ihrem Markenkern gemacht hat, müsste hier eigentlich offene Türen einrennen. Stattdessen dümpeln die Grünen in Umfragen im einstelligen Bereich, schneiden entsprechend auch bei Wahlen schlecht ab und sind selten in der Fläche zu sehen.
Des Rätsels Lösung hat erstaunlich wenig mit Ökologie zu tun. Sie liegt in einem Milieu, das die Grünen im Westen trägt – und das im Osten schlicht fehlt. Dazu kommen lose Parteibindungen, dünne Strukturen und eine Handvoll Streitthemen, an denen sich grüne Politik mit den Bürgern des Ostens gründlich reibt.
Verständnis für Umweltfragen
Dass es den Ostdeutschen an ökologischem Bewusstsein mangele, lässt sich mit Zahlen nicht belegen. Im Gegenteil: Laut einer Personenbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom Frühjahr 2024 erkennen auch im Osten mehr als 86 Prozent den menschengemachten Klimawandel an.
Das Aufstellen von Windrädern, wie hier im thüringischen Straußfurt, passiert häufig gegen den Willen der ostdeutschen Landbevölkerung.
© Karina Hessland-Wissel/imago
Den Ausbau der Solarenergie befürworten dort 77,9 Prozent, bei der Windkraft sind es immerhin 54,4 Prozent. Und das bleibt nicht graue Theorie: In den fünf ostdeutschen Flächenländern steht mehr als ein Drittel aller deutschen Onshore-Windräder, rund 10.500 Anlagen waren Mitte 2024 in Betrieb.
Die praktische Energiewende findet also in erheblichem Maße im Osten statt. In den Wahlergebnissen schlägt sich das nicht nieder. Bei der Bundestagswahl 2025 kamen die Grünen in allen fünf ostdeutschen Flächenländern nur auf 4,2 bis 6,6 Prozent – während sie bundesweit 11,6 Prozent erreichten. Zwischen ökologischer Grundhaltung und grünem Kreuz auf dem Stimmzettel klafft also eine beachtliche Lücke.
Diese Schere hat sich zuletzt sogar noch geweitet. Nach dem Höhenflug der Ampel-Jahre, als die Grünen zeitweise über 20 Prozent lagen, ging es ab Herbst 2022 bergab. Bei den Landtagswahlen 2024 flogen sie in Thüringen (3,2 Prozent) und Brandenburg (4,1 Prozent) aus den Parlamenten, in Sachsen (5,1 Prozent) retteten sie sich knapp über die Hürde. Zwar gelang 2026 in zwei ostdeutschen Ländern der Wiedereinzug – in Sachsen-Anhalt sogar mit 8,9 Prozent –, doch das ändert nichts am Grundbefund: Im Osten bleiben die Grünen eine Kleinpartei.
Gründungstreffen der DDR-Oppositionsgruppe Neues Forum für das Land Mecklenburg-Vorpommern am 3. März 1990 in Güstrow: Viele wurden später Mitglied der Bündnisgrünen.
© Fischer/dpa
Der Osten als Teil der Partei-DNA
Dabei ist die Verbindung zwischen den Grünen und Ostdeutschland historisch besonders. Der erste Namensbestandteil, „Bündnis 90“, stammt direkt aus der DDR-Opposition. Dahinter standen Gruppen wie die Initiative Frieden und Menschenrechte, Demokratie Jetzt und Teile des Neuen Forums – jene Bürgerbewegungen, die im Herbst 1989 den Umbruch gegen das SED-Regime mittrugen. 1991 gründeten sie die Partei Bündnis 90.
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Mitte Mai 1993 besiegelten Bündnis 90 und die westdeutschen Grünen auf einem Parteitag in Leipzig ihre Fusion. Wie Florian Schikowski für die Heinrich-Böll-Stiftung nachzeichnete, war es ausdrücklich der Anspruch, eine Vereinigung „auf Augenhöhe“ zu gestalten – keinen „Anschluss“ wie bei der deutschen Einheit. Das kleine Bündnis 90 mit seinen rund 2600 Mitgliedern traf jedoch auf mehr als zehnmal so viele West-Grüne und erhielt Sonderrechte, um nicht unterzugehen.
Geholfen hat es wenig. Die Wahlergebnisse im Osten blieben schlecht, die grünen Kernmilieus waren dort viel kleiner als im Westen, die Landesverbände schwach und auf Hilfe aus dem Westen angewiesen. Die meisten Bürgerrechtler kehrten der Partei enttäuscht den Rücken. So bleibt die bittere Ironie: Der Osten steht im Parteinamen – doch an der Wahlurne honoriert er das bis heute nicht.
1993 schlossen sich die westdeutschen Grünen und das ostdeutsche Bündnis 90 zu einer gesamtdeutschen Partei zusammen.
© Tim Brakemeier/dpa
Jobs im öffentlichen Dienst
Der eigentliche Schlüssel liegt in der Sozialstruktur. Die Grünen sind, wie der Bonner Politologe Frank Decker für die Bundeszentrale für politische Bildung herausgearbeitet hat, die Partei eines ganz bestimmten Milieus: akademisch gebildet, überdurchschnittlich verdienend, beschäftigt in Bildung, Wissenschaft, Kultur und „wissensintensiven Dienstleistungen“. Ihre Hochburgen liegen in den Universitäts- und Großstädten der alten Bundesrepublik – in Stuttgart, Freiburg, Bonn oder Darmstadt.
Blick auf den Post-Tower und das deutsche UN-Hauptquartier am Bonner Rheinufer: Metropolen mit einer Vielzahl an Staatsjobs sind häufig auch Hochburgen der Grünen.
© Rolf Kosecki/Imago
Besonders eng ist die Bindung an den öffentlichen Dienst. Einer DIW-Analyse zufolge arbeiteten 2017 rund 40 Prozent der erwerbstätigen Grünen-Anhänger im öffentlichen Dienst; bei der Bundestagswahl 2025 holten die Grünen unter Beamten 17 Prozent, deutlich über ihrem Bundesschnitt. Decker spricht von einer „Verbürgerlichung“ der einstigen Protestpartei: Viele ihrer Wähler stehen heute nur noch in gesellschaftspolitischen Fragen klar links, nicht mehr in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Ein auskömmliches Einkommen, wenn auch häufig aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert, ist also vorhanden. Genau dieses „postmaterialistische Milieu“ der neuen Mittelschichten ist im Osten dünner gesät. Zwar gibt es auch hier eine grüne Kernklientel in Leipzig, Dresden oder Jena – doch sie ist zahlenmäßig viel kleiner. Die Folge zeigt sich an einem simplen Umstand: Kein einziges ostdeutsches Bundesland wird derzeit von den Grünen regiert. Dass die Partei in den vergangenen Jahren überhaupt in mehreren Ost-Regierungen saß, war laut Decker vor allem den zerklüfteten Parteiensystemen geschuldet – nicht eigener Stärke.
Nach den Wahlen im September befinden sich die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin in Koalitionsgesprächen, jeweils mit SPD und Linkspartei. Im Osten wird die Partei durch die Brandmauer zur AfD und das schwache Abschneiden der Union strategisch aufgewertet.
Schwache Wurzeln, lose Bindungen
Hinzu kommt, dass Parteien im Osten generell schlechter verankert sind. Die Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp von der Freien Universität Berlin verweist in einem Interview darauf, dass die Parteibindung im Osten „weniger eng“ sei – auch weil Vereine, Kirchen und Gewerkschaften als Vorfeldorganisationen schwächer verankert seien. Die Folge: mehr Wechselwähler, mehr situationsbezogenes Abstimmen, mehr Offenheit für neue Konkurrenten wie das BSW.
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Wie dünn die grüne Präsenz tatsächlich ist, zeigt eine IW-Untersuchung von 2025 zur lokalen Verankerung der Parteien. Demnach liegen rund 90 Prozent der grünen Anlaufstellen – Bürgerbüros und Geschäftsstellen – im Westen. Im Osten unterhält die AfD vielerorts mehr Standorte als FDP und Grüne zusammen. Wo keine Büros, keine Mitglieder und kaum ehrenamtliche Strukturen existieren, fehlt das personelle Rückgrat für Wahlkämpfe und Bürgernähe.
So verstärken sich zwei Effekte: ein kleineres Wählermilieu und eine schwächere Organisation. Die Grünen treffen im Osten nicht nur auf weniger potenzielle Anhänger, sie erreichen diese auch schlechter.
Er stammt aus Duisburg, sie aus Lörrach in Baden-Württemberg: Felix Banaszak und Franziska Brantner führen Bündnis 90/Die Grünen als Parteivorsitzende seit November 2024.
© Michael Kappeler
Windräder, Heizung, Ukraine: Reibung an Themen
Doch die Erklärung bliebe unvollständig ohne jene Konfliktpunkte, an denen sich grüne Politik im Osten konkret reibt. Bei aller Zustimmung zur Solarenergie ist die Windkraft heftig umstritten. Im ländlichen Osten lehnt laut IW fast ein Drittel der Befragten den Windkraftausbau ab – fast doppelt so viele wie im ländlichen Westen. Als Faustregel: Dort, wo die meisten Windräder stehen, ist der Widerstand am größten.
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Dazu kommt das Heizungsgesetz, das wie kaum ein anderes Projekt zum Symbol grüner Regierungspolitik wurde. Kropp beschreibt, welche Verunsicherung es auslöste – gerade in strukturschwachen Regionen, wo Menschen auf das Auto angewiesen sind und wenig verdienen. In einem Landkreis wie Sonneberg, wo das durchschnittliche Brutto-Jahreseinkommen bei rund 29.000 Euro liegt, erscheint eine kostspielige Wärmewende ohne soziale Abfederung schlicht als Bedrohung.
Und schließlich die Außenpolitik. Die Grünen treten am konsequentesten für die militärische Unterstützung der Ukraine ein – eine Haltung, die im Osten auf besondere Skepsis stößt. Laut einer Forsa-Befragung vom Oktober 2026 halten 65 Prozent der Ostdeutschen die Unterstützung für zu umfangreich, im Westen sind es 40 Prozent.
Die Ostdeutschen denken durchaus ökologisch – sie trennen Müll, reparieren, nutzen Sonne und Wind. Nur ist das etwas anderes als die Lebenswelt, für die die Grünen heute stehen: die akademische, urbane, gut verdienende Mittelschicht mit postmateriellen Werten. Dieses Milieu trägt die Partei im Westen. Im Osten ist es zu klein, die Parteibindung ist lose, die Organisation zu dünn – und an Themen wie Windkraft, Heizung und Ukraine reibt sich der Rest.
Der Osten, der den Grünen einst ihren halben Namen gab, war nie ihr Wählerreservoir. Und daran dürfte sich so bald nichts ändern.
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