Gesundheit

Suizide in der Tiermedizin: Ein tödlicher Beruf?

Studien belegen ein erhöhtes Selbstmordrisiko unter Tierärzten. Ein Verein will helfen.

Cedric Rehman
Cedric Rehman
10 Min
Auch nach 30 Jahren hat Tiermediziner Ladwig noch Freude an seiner Arbeit.

Auch nach 30 Jahren hat Tiermediziner Ladwig noch Freude an seiner Arbeit.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Die Tiermedizinerin Maike de Rose las die Nachricht vom Suizid eines Kollegen auf Facebook. Die Kommentarspalte hatte sich in ein digitales Kondolenzbuch verwandelt. De Rose erinnert sich an die Appelle, endlich müsse etwas getan werden gegen die seelische Not unter Tierärzten. Eine Kollegin habe dann andere direkt angeschrieben und gefragt: „Und tun wir jetzt wirklich was?“

Aus der Trauer entstand 2024 das Netzwerk Vethilfe. 53 tiermedizinische Fachkräfte sind seit 2025 als sogenannte Vetseelsorger am Telefon erreichbar für Kollegen in seelischen Krisen oder einfach mit Redebedarf.

Alle Freiwilligen haben vor dem Start der Hotline eine Ausbildung als Telefonseelsorger erhalten. Vorbild ist der britische Verein Vetlife. Er unterstützt Tiermediziner in seelischen Nöten in Großbritannien seit 1978. Auch in den USA gibt es unter dem Namen eine Organisation mit dem gleichen Ziel.

Der „schönste Job“ bringt an die Grenzen

Maike de Rose ist zweite Vorständin von Vethilfe. Der Verein hat seinen Sitz in Kleinmachnow an der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Berlin. Sie arbeitete 15 Jahre lang als Tierärztin, bevor sie in die Medizinindustrie wechselte. Die Frage, ob sie noch einmal Tiermedizin studieren würde, beantwortet sie in ihrem Büro in Kleinmachnow mit „Jein“. Es sei der „schönste Job, in dem es nie langweilig werde“. Auf der anderen Seite jonglierten Tierärzte an ihrer Belastungsgrenze. Nicht immer gehe das gut aus.

Als junge Tierärztin habe sie zum ersten Mal vom Suizid eines Kollegen erfahren, erzählt de Rose. Im Lauf der Jahre hörte sie von weiteren Tragödien. Andere Kollegen hätten reichlich zum Alkohol gegriffen. „Eine Grillplatte und sechs Bier am Abend, das war die Bewältigungsstrategie“, sagt de Rose. Ihr wurde klar, dass etwas an ihrem Beruf offenbar schwer auf der Seele lastet.

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Maike de Rose, zweite Vorständin von Vethilfe, bezeichnet den Beruf als den schönsten Job, in dem es nie langweilig werde.

Maike de Rose, zweite Vorständin von Vethilfe, bezeichnet den Beruf als den schönsten Job, in dem es nie langweilig werde.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze

Eine Studie der Berliner Freien Universität (FU) und der Universität Leipzig analysierte 2024 die Arbeitsbedingungen von mehr als 3000 Tiermedizinern. Die Untersuchung sollte Antworten liefern auf erschreckende Zahlen, die bereits zuvor von der Forschergruppe veröffentlicht worden waren.

Das Suizidrisiko ist deutlich erhöht

Ihnen zufolge weist jeder dritte Tiermediziner ein erhöhtes Suizidrisiko auf. Knapp ein Fünftel äußerte Suizidgedanken. Die Rate ist bis zu sechsmal höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Wie kann das sein? Der von Fernsehserien geprägten Wahrnehmung nach müsste es in Tierarztpraxen doch eher zugehen wie im Streichelzoo.

Die Lagotto-Romagnolo-Hündin Doris tapst mit frisch geschorenem Fell in das Büro von Maike de Rose in Kleinmachnow. Das Tier lässt sich von de Rose kraulen. Dann verlässt die Hündin schwanzwedelnd den Raum. Auch Maike de Rose strahlt. Sie spricht von einer „intrinsischen Motivation“, mit Tieren zu arbeiten und ihnen zu helfen. Ein anderes Wort dafür ist Tierliebe.

Tierärzte erlebten nach dem Studium dann aber einen Berufsalltag, der „multifaktoriell unbefriedigend“ sei, erklärt de Rose. Anders ausgedrückt erweist sich der Job als kalter Eimer Wasser für den Idealismus. Die Forscher der Berliner FU und der Universität Leipzig sprechen in ihrer Studie von Überengagement unter Tiermedizinern und einem Mangel an Anerkennung.

Anrufer schildern Ängste und Zweifel

Die Vethilfe führe bis zu vier Gespräche in der Woche im Durchschnitt, berichtet die zweite Vorständin der Organisation. Anrufer klagten über Ängste, Stress und Selbstzweifel. „Viele schleppen die Frage mit sich rum, ob sie genug getan haben“, sagt de Rose. Sie meint damit, nicht nur für die kranken Tiere, sondern auch für die bisweilen verzweifelten Besitzer. „Für viele Menschen ist das Haustier Partnerersatz. Das bringt eine hohe Emotionalität mit sich“, sagt de Rose.

„Jeder hat ’nen Hund, aber keinen zum Reden“, reimte schon 2008 Peter Fox in seinem Lied „Schwarz zu Blau“. Soziale Isolation gilt inzwischen nicht nur in Großstädten als Gesundheitskrise. Haustiere können eine Lücke füllen, wenn es an Kontakt mit Mitmenschen mangelt.

Aber Tiere leben wie Menschen nicht ewig. „Stellen Sie sich vor, in die Praxis kommt eine Frau, deren Mann verstorben ist, und die niemanden außer ihren Hund hat. Und jetzt muss die Ärztin oder der Arzt ihr sagen, dass ihr Tier eingeschläfert werden muss. Das ist für uns Alltag“, sagt de Rose.

Behandlungskosten sind gestiegen

Menschen verfügen in Deutschland in der Regel über eine Krankenversicherung. Auch für Tiere gibt es private Krankenversicherungen. Laut Zahlen des Gesamtverbands der Versicherer (GDV) waren 2024 rund zwei Millionen von circa 34 Millionen Haustieren krankenversichert. Und die Kosten für Behandlungen sind nach einer Reform der Gebührenordnung 2022 deutlich gestiegen.

Gründe für Auseinandersetzungen zwischen Ärzten und Tierhaltern um Rechnungen gibt es also genug. Manche Tierhalter schrieben aus Enttäuschung und Wut über Ärzte böse Rezensionen im Internet, berichtet de Rose. Es gebe regelrechte Shitstorms gegen Kollegen.

Auch Beleidigungen und Gewalt kämen immer öfter vor. „Wir sehen das ja leider auch bei Humanmedizinern oder Rettungssanitätern. Das gesellschaftliche Klima ist einfach rauer geworden“, sagt die Tierärztin. Die zum Teil schwierigen Gespräche mit Tierhaltern benötigten oft nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch viel Zeit. Diese fehle dann für Ausgleich und Erholung.

„Ich freue mich an 99 von 100 Tagen auf die Arbeit in der Praxis“, sagt Tierarzt Ladwig beim Praxisbesuch.

„Ich freue mich an 99 von 100 Tagen auf die Arbeit in der Praxis“, sagt Tierarzt Ladwig beim Praxisbesuch.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Das Einschläfern belastet viele

Auch das Einschläfern von kranken Tieren setze zu. „Das höre ich besonders häufig von älteren Kolleginnen und Kollegen“, sagt de Rose. Dass Tierärzte Tiere töten, um sie bei unheilbaren Krankheiten von Leid zu erlösen, erlebten viele als unauflösbaren Widerspruch. „Unserem Selbstverständnis nach wollen wir ja Tiere heilen“, sagt de Rose.

Die meisten Tiermediziner fänden mit der Zeit einen Umgang mit den tödlichen Injektionen. Sie würden Routine. „Wenn es allerdings ohnehin schlecht läuft und dann stehen noch mehrere Termine zum Einschläfern von Tieren an, um die man sich seit Jahren kümmert, macht das was mit einem“, sagt de Rose.

Die zum Einschläfern von Tieren verwendeten Betäubungsmittel wie Pentobarbital wirken auch beim Menschen in bestimmten Dosen tödlich. Tierärzte hätten die Präparate immer zur Hand, um ohne Schmerzen aus dem Leben zu scheiden, sagt de Rose. Das könne in Krisen gefährlich verlockend sein.

Gespräche sollen in Krisen entlasten

Ihre Organisation will durch das Angebot von Gesprächen auf Augenhöhe Dampf aus dem Kessel nehmen und tragischen Eskalationen vorbeugen. Betroffene können sich einmal oder öfter bei der Vethilfe melden. Sie erhalten auf Wunsch Informationsangebote über Therapieoptionen. Die Bekanntheit des Angebots nehme zu, erklärt de Rose. „Uns freut es, dass wir oft hören, Anrufer hätten die Nummer von einem Kollegen. Das zeigt, dass sich die Tierärzte umeinander kümmern“, sagt sie.

Laura Schuster vom Ausschuss für Arbeitsbedingungen bei der Bundestierärztekammer (BTK) lobt die Vethilfe ausdrücklich als vorbildliches Projekt der Selbsthilfe unter Tierärzten. Der Gesetzgeber könne an anderen Hebeln für bessere Bedingungen für Tierärzte sorgen. So plant die Bundesregierung, Angriffe auf Tierärzte und ihre Mitarbeiter künftig wie bei anderen Heilberufen härter zu bestrafen. „Das ist ein Fortschritt“, lobt Schuster.

Auch Politik für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf helfe. Mehr als 70 Prozent der Tierärzte sind Frauen. Bei den Studierenden der Tiermedizin sind Frauen noch stärker vertreten.

Einige Tiermediziner entwickelten mit der Zeit einen Umgang mit den tödlichen Injektionen, meint de Rose.

Einige Tiermediziner entwickelten mit der Zeit einen Umgang mit den tödlichen Injektionen, meint de Rose.

© Sven Hoppe/dpa/dpa-tmn

Studium sollte auf psychischen Stress vorbereiten

Laura Schuster plädiert dafür, Studierende der Tiermedizin an den Universitäten auf Herausforderungen für die Psyche wie etwa den Umgang mit dem Einschläfern vorzubereiten. Das befürwortet auch Maike de Rose von Vethilfe.

Sie findet es gut, dass die Probleme in der Tiermedizin stärker in die Öffentlichkeit dringen. Fernsehserien prägten das Bild von unermüdlichen Tierhelfern, deren Engagement so grenzenlos sei wie ihre Ressourcen. Manche Tierärzte machten sich die Romantisierung ihres Berufs zu eigen, bis sie nicht mehr könnten. „Wenn wir über die Probleme reden, gibt es auch die Chance, etwas zu ändern“, sagt de Rose.

Der Tierarzt Christoph Ladwig schaute als Kind gerne die britische Serie „Der Doktor und das liebe Vieh“ aus den späten 70ern. Ihm mache die Arbeit mit Tieren nach knapp 30 Jahren immer noch Freude, sagt der Tiermediziner in seiner Praxis in Spandau. Er wisse sich aber abzugrenzen. „Wir Tierärzte sind ganz normale Menschen“, sagt er.

Arzt berichtet von Übergriffen

Ladwig ist hochgewachsen und mit einer sonoren Stimme gesegnet. Es wirkt glaubhaft, dass er von aggressiven Tierhaltern wenig zu befürchten hat. Dennoch berichtet auch er von Vorfällen und einem zunehmend rauen Umgangston. Wer seine Mitarbeiterin beleidige, fliege aus der Praxis, sagt der Tierarzt.

Freizeit sei schon im Tiermedizinstudium ein rares Gut, erzählt Ladwig. „Am Ende ist man nur noch mit anderen Tierärzten befreundet“, sagt er. Bei der Partnerwahl sehe es oft ähnlich aus. Nicht alle Beziehungen und Ehen überstünden die Belastung beider Partner im gleichen stressigen Job. Wer eine neue Praxis eröffne, müsse in der Regel einen hohen Kredit für das teure medizinische Inventar abzahlen. Auch das erzeuge Druck.

In den vergangenen Jahren gab es wie in der Humanmedizin auch in der Tiermedizin einen Trend zur Zentralisierung. Praxisverbünde und Tiergesundheitszentren bieten Tierärzten den Weg in die Anstellung und damit eine Alternative zur Selbstständigkeit mit ihren Risiken. Aber auch diese Option berge Tücken, sagt Ladwig. Er ist Vorsitzender des Berliner Landesverbandes des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (BPT).

Die Konkurrenz nimmt zu

Es gebe Konkurrenz zwischen den Tiergesundheitszentren, Praxisverbünden und Privatpraxen. Sich Patienten zu widersetzen und sie möglicherweise zu verprellen, falle im Angestelltenverhältnis womöglich schwerer als in der eigenen Praxis, erklärt der Tierarzt. Es komme auf die Haltung der Chefs an. „Viele beißen sich auf die Lippe und schlucken es herunter, wenn Tierhalter Grenzen überschreiten“, sagt Ladwig.

Er habe sich eine Haltung erarbeitet, die unsachliche Kritik oder übertriebene Anforderungen abprallen lässt. „Ich mache die Arbeit als Tierarzt nach bestem Wissen und Gewissen, weil ich Freude daran habe, nicht weil ich Lob oder Anerkennung von anderen suche“, sagt er. Psychologen bezeichnen eine solche in sich ruhende Gelassenheit gegenüber Stress als Resilienz.

Nicht jeder verfügt über die gleiche Widerstandskraft gegenüber Belastungen. Genetik spielt ebenso eine Rolle für eine robuste Psyche wie Erfahrungen in der Kindheit. „Ich glaube, ich bin da ganz gut aufgestellt“, sagt Ladwig.

Tödliche Mittel liegen in Griffweite

Auch Ladwig plädiert dafür, Studierende auf psychische Belastungen in der Tiermedizin besser vorzubereiten. „Wir haben zum Beispiel nicht gelernt, wie wir mit Tierhaltern umgehen können“, sagt er.

Die Zahlen zum erhöhten Suizidrisiko in der Tiermedizin erschrecken ihn zutiefst. „Es könnte auch damit zusammenhängen, dass wir als einzige Medizinrichtung auch Leben beenden“, spekuliert er. Das Einschläfern soll Leid ein Ende setzen. Vielleicht verschiebt der schnelle und schmerzfreie Tod als Routineeingriff bei manchen Tiermedizinern die Grenzen des persönlich Erträglichen. Der vermeintlich leichte Ausweg befindet sich immer in Griffweite.

Christoph Ladwig nimmt in seinem Behandlungszimmer ein Katzenjunges auf die Hand. Es verschwindet fast in seiner Handfläche und schnurrt. „Ich freue mich an 99 von 100 Tagen auf die Arbeit in der Praxis“, sagt er. Und an dem einen schlechten Tag hilft ihm die Erkenntnis, dass er auch nur ein Mensch ist.

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