Bundespressekonferenz

Viel Milieu, wenig Antworten: Die Regierungspressekonferenz und ihr Missverhältnis vor und auf dem Podium

Die halbe Pressekonferenz drehte sich um eine einzige Formulierung Dobrindts. Am Ende hatte der Regierungssprecher recht – nur anders, als er dachte.

8 Min
Regierungssprecher Stefan Kornelius und die Sprecherinnen und Sprecher der Bundesministerien in der Regierungspressekonferenz am 2. November 2026 in Berlin

Regierungssprecher Stefan Kornelius und die Sprecherinnen und Sprecher der Bundesministerien in der Regierungspressekonferenz am 2. November 2026 in Berlin

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Manche Regierungspressekonferenzen verraten mehr über die Prioritäten der Hauptstadtpresse als über die der Regierung. Am Montag kreiste rund die Hälfte der Zeit um eine einzige Formulierung. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte die Ausschreitungen am Rande der Jugendproteste vom Wochenende unter anderem „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ zugeschrieben. Die Frage, wen er damit meint, ist berechtigt. Zehn Kollegen stellten sie in rund 20 Wortmeldungen, in immer neuen Varianten. Schon nach dem fünften Fragesteller befand Regierungssprecher Stefan Kornelius, man habe „jetzt ausführlich über das Thema gesprochen“. Mindestens vier weitere folgten. In dieser Dichte drängte die Debatte jedoch die Anliegen der Demonstrierenden in den Hintergrund: mehr soziale Gerechtigkeit, keine Wehrpflicht, keine Ausweitung staatlicher Überwachung.

Ausgerechnet Kornelius hatte zuvor gemahnt, „wenigen Chaoten“ nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Viele Zehntausend hätten friedlich demonstriert, nur einige Hundert nicht. Den Anlass für diese Aufmerksamkeit hatte freilich der Innenminister selbst geliefert.

Aufschlussreich war die Debatte dennoch. Kornelius sprach von einer „breit gefassten Definition“, gestützt auf Beobachtungen der Einsatzkräfte und auf Bildmaterial. Die Sprecherin des Innenministeriums beteuerte hingegen, es handle sich um „keine Verallgemeinerung“, gemeint seien einzelne Personen. Auf Nachfrage umriss sie das Milieu dann doch als „Personen mit Migrationshintergrund“, ohne eine Generationengrenze zu nennen. Belastbare Zahlen zu den Tatverdächtigen gebe es noch nicht, Grundlage seien „zusammengefasste Erkenntnisse der Polizei“. Ein Kollege erinnerte an eine Bundestagsdrucksache von 2023. Damals habe das Ministerium den Begriff „migrantische Milieus“ auf eine AfD-Anfrage hin ausdrücklich zurückgewiesen, weil es nicht von Milieus ausgehe, sondern von konkreten Personen. Mit eben diesem Verweis auf Einzelpersonen verteidigt das Haus den Begriff heute. Den Sinneswandel erklärte es nicht.

Auf das Bildmaterial berief sich Kornelius allerdings nur in eine Richtung. Auf Videos angesprochen, die harte Polizeieinsätze auch gegen Minderjährige zeigen sollen, sagte er, er sei nicht vor Ort gewesen. Exzessive Polizeigewalt sei nicht bekannt. Gefragt, was das Bildmaterial zum „migrantischen Milieu“ konkret zeige, wollte er später nur noch vom „Lagebild“ gesprochen haben.

Das Gespräch „suchen“ oder „führen“?

Kornelius hatte die Proteste ausdrücklich gewürdigt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teile die Anliegen der jungen Generation zu großen Teilen, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) wolle das Gespräch vertiefen. Auf die Frage dieser Zeitung nach Treffen mit Protestierenden ergänzte er, in den kommenden Wochen ließen sich Begegnungen organisieren, „um das Gespräch zu suchen“. Diese Zeitung wollte wissen, wie diese Kontaktaufnahme konkret aussieht und was bereits geplant ist. Kornelius korrigierte: Man gebe ihn nicht korrekt wieder. Er habe nicht gesagt, dass man das Gespräch suchen wolle, man führe es bereits. Als Beleg verwies er auf bestehende Formate wie den Empfang des Bundesjugendrings oder die Verleihung des Schulpreises. Einen konkreten Termin des Kanzlers mit Protestierenden nannte er nicht. Die Terminplanung werde „geprüft“.

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Konkreter wurde das Bildungsministerium. Prien treffe diese Woche Vertreter der Bundesschülerkonferenz und die GEW-Vorsitzende, im Dezember folge ein nationaler Kinder- und Jugendgipfel in Bonn. Der sei allerdings, wie die Sprecherin einräumte, „schon länger geplant“. Diese Zeitung fragte nach, ob Kanzler und Ministerin auch die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit und das Nein zu Wehrpflicht und mehr staatlicher Überwachung teilen. Sie könne „nur für das Bildungsministerium sprechen“, antwortete die Sprecherin und verwies auf Pisa und das Startchancenprogramm. Kornelius hatte die Kritik an der Wehrpflicht zuvor umgedeutet: Die Verteidigungsfähigkeit solle gerade verhindern, dass Deutschland in einen Krieg gerät. Ein Kollege wollte wissen, ob die Proteste den Kanzler zum Umdenken bewegt hätten. Er sehe sich eher bestärkt, so Kornelius. Die Regierung erkenne in den Protesten vor allem ihr eigenes Programm wieder.

Fotos mit und ohne Signalwirkung

Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte beim G20-Außenministertreffen auf das Familienfoto mit Sergej Lawrow verzichtet, um laut seiner Darstellung „keine falschen optischen Signale“ auszusenden. Diese Zeitung fragte nach den Kriterien. Sie verwies darauf, dass sich Wadephul nach dem – ebenfalls völkerrechtswidrigen – US-israelischen Angriff auf Iran mehrfach mit US-Außenminister Marco Rubio und seinem israelischen Amtskollegen habe ablichten lassen. Entscheidet also die völkerrechtliche Bewertung oder der Status als Partner? Der Minister habe sich „relativ klar geäußert“, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts. Das Foto mit Lawrow hätte „für eine Normalität gesprochen“. Warum das für die anderen Aufnahmen nicht gelten soll, blieb offen.

Polizeiwagen auf der S8: Die Aufklärung kommt aus Warschau

In polnischen Netzwerken kursieren Videos von Einsatzwagen mit der Aufschrift „Polizei“ auf der Schnellstraße S8 bei Łódź. Nutzer bringen sie mit den Vorgängen um das polnische Verfassungsgericht in Verbindung. Sie fragen, warum wenige Tage vor den dortigen Protesten deutsche Polizeitransporter Richtung Warschau unterwegs gewesen seien. Diese Zeitung fragte, ob das Innenministerium einen Einsatz der Bundespolizei in Polen im Oktober bestätigen könne. Dazu lägen keine Erkenntnisse vor. Kann das Ministerium vollständig ausschließen, dass deutsche Beamte, Fahrzeuge oder Ausrüstung im Zusammenhang mit den Versammlungen am Verfassungsgericht eingesetzt wurden? „Ja.“

Die Erklärung lieferte noch am selben Tag die polnische Polizei, auf X und unter der Überschrift „Falschinformationen über deutsche Streifenwagen“. Am 20. und 21. Oktober habe die polnische Bahnschutzwache SOK die internationale Übung „Railex 2026“ ausgerichtet. Daran nahmen Polizisten aus Deutschland, Großbritannien, der Slowakei und Tschechien teil. Trainiert wurde der Umgang mit gefährlichen Lagen in Zügen und auf Bahngelände. Die Übung fand in Spała statt, rund 50 Kilometer südöstlich von Łódź und unweit der S8. Die Fahrzeuge dürften also schlicht auf dem Weg zur Übung oder zurück gewesen sein.

Das „Ja“ des Ministeriums ist damit gedeckt. Umso erklärungsbedürftiger wird das „keine Erkenntnisse“. In Deutschland nimmt die Bundespolizei die bahnpolizeilichen Aufgaben wahr, eine Behörde im Geschäftsbereich des Innenministeriums. Es liegt nahe, dass sie die deutschen Teilnehmer gestellt hat. Dann wusste das Ministerium von einer Auslandsübung der eigenen Behörde offenbar nichts, oder es sagte es nicht. Formal mag man im Ministerium darauf verweisen, eine Übung sei kein Einsatz. Ein einziger Satz hätte jedoch genügt, um den Spekulationen über deutsche Polizei bei innenpolitischen Konflikten im Nachbarland den Boden zu entziehen. So blieb es Warschau überlassen, die Gerüchte einzufangen, samt dem Appell, „ungeprüfte Meldungen nicht weiterzuverbreiten“.

Kuba: Kurswechsel ohne Erklärung

Seit 2002 hatte Deutschland jedes Jahr für die UN-Resolution gestimmt, die das Kuba-Embargo der USA verurteilt – zuletzt am 29. Oktober 2025. Am vergangenen Mittwoch enthielt sich Berlin – obwohl enge Partner wie Frankreich, Spanien, Kanada und Großbritannien mit Ja votierten. Angenommen wurde die Resolution mit 130 zu 17 Stimmen bei 25 Enthaltungen. Im Vorjahr waren es noch 165 Ja-Stimmen.

Diese Zeitung fragte, was sich an der Bewertung geändert habe und ob die Bundesregierung die extraterritoriale Wirkung der US-Sanktionen nicht länger für völkerrechtswidrig halte. Das Auswärtige Amt verwies auf eine gemeinsame Erklärung der EU-27, die das unterschiedliche Abstimmungsverhalten erläutere.

Kubas Außenminister Bruno Rodríguez legte ein Schreiben vor, das nach seinen Angaben vom US-Außenministerium stammt. Darin werden die US-Botschaften angewiesen, Regierungen zu einem Nein oder einer Enthaltung zu drängen. Als Druckmittel nennt das Schreiben unter anderem Strafzölle, Visasperren, das Ende von Kooperationsprogrammen und Sekundärsanktionen. Ob die USA auch in Berlin vorstellig wurden, ließ das Auswärtige Amt auf Nachfrage dieser Zeitung offen. Zu vertraulicher diplomatischer Kommunikation äußere man sich grundsätzlich nicht.

Gasspeicher: Ziel verfehlt, Lage „anders“

Kürzer fiel die Debatte über die Gasversorgung aus. Zum Stichtag 1. November waren die deutschen Speicher laut der Transparenzplattform AGSI nur zu rund 61 Prozent gefüllt, vorgeschrieben waren rechnerisch 70 Prozent. Das Wirtschaftsministerium bestätigte „über 60 Prozent“ und warb um Gelassenheit. Der Blick auf den Füllstand allein greife zu kurz. Mit Pipelines und LNG-Terminals sei man in einer anderen Lage als vor einigen Jahren. Ganz unwichtig scheint der Füllstand aber auch dem Ministerium nicht zu sein: Zugleich verwies es auf zusätzliche Ausschreibungen, mit denen weitere Einspeicherungen abgesichert werden sollen. Wenn die Speicher so wenig entscheidend seien, fragte ein Kollege, warum schaffe man die Vorgaben dann nicht ab?

Die Antwort verlor sich in Ausführungen über Poren- und Kavernenspeicher. Schließlich hieß es, die Vorgaben würden im März ohnehin geändert. Die geltende Verordnung läuft Ende März 2027 aus. Modellrechnungen, welche Preissteigerungen Haushalten je nach Winterverlauf drohen, liegen dem Ministerium nach eigenen Angaben nicht vor. Der Speicherverband INES warnt für den Fall eines extrem kalten Winters vor erheblichen Engpässen.

Spyware: „möglicherweise“ kompromittiert

Auch beim Spyware-Angriff auf Handys von Abgeordneten und Privatpersonen schwankte die Darstellung. Wer eine Warnung von Apple erhalten habe, müsse von einer Kompromittierung ausgehen, hieß es zunächst aus dem Innenministerium. Der Sprecher des Digitalministeriums hielt dagegen, eine solche Meldung sage nichts über eine tatsächliche Infektion aus. Am Ende einigte man sich auf „möglicherweise“. Ob der Kanzler betroffen ist, wusste Kornelius nach eigener Aussage nicht.

„Falsche Proportionalität“ auf beiden Seiten

Kornelius hatte den Fragestellern in der Regierungspressekonferenz eine „falsche Proportionalität“ vorgehalten. Ganz unrecht hatte er damit nicht. Nur traf der Befund auch das Podium: Auf viele Fragen kamen auffallend wenige Antworten.

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