Foto-Diplomatie

Erst Merz und Schröder, jetzt Wadephul und Lawrow: Wie die Regierung Fragen nach Doppelstandards abwehrt

Wadephul verweigert Gruppenbild mit Lawrow beim G20-Treffen. Fototermine mit den Vertretern des Angriffskriegs gegen den Iran sind jedoch kein Problem. Doch die Begründung überzeugt nicht.

5 Min
Rande des G20-Außenministertreffens in Atlanta: Bundesaußenminister Johann Wadephul (l.) im Gespräch mit US-Außenminister Marco Rubio (r.).

Rande des G20-Außenministertreffens in Atlanta: Bundesaußenminister Johann Wadephul (l.) im Gespräch mit US-Außenminister Marco Rubio (r.).

© courtlynnreed/G20Handout

„Sie vergleichen hier Sachen, die man nicht miteinander vergleichen kann. Deswegen kann ich darauf auch keine Antwort geben.“ Mit diesen zwei Sätzen wies Martin Giese, Sprecher des Auswärtigen Amtes, in der Regierungspressekonferenz eine Frage dieser Zeitung zurück. Gefragt war, nach welchen Kriterien die Bundesregierung entscheidet, wann ein gemeinsames Foto mit einem Außenminister trotz eines völkerrechtswidrigen Angriffs seines Landes ein falsches Signal der Normalität sendet – und wann nicht.

Den Anlass hatte Außenminister Johann Wadephul (CDU) selbst geliefert. Beim Treffen der G20-Außenminister in Atlanta kündigte er an: „Es wird auf jeden Fall kein Familienfoto geben, bei dem unsere europäischen Nachbarn gemeinsam mit Herrn Lawrow sind.“ Mit Russland gebe es keine Normalität. Meinungsverschiedenheiten müsse man am Tisch austragen, deshalb sei Dialog wichtig. Falsche optische Signale dürfe man aber nicht senden. Ein Gruppenfoto gab es am Ende nicht.

Bilder mit Rubio und Sa’ar

Gemessen daran lohnt ein Blick in die Fotoarchive. Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel ihre Angriffe auf Iran. Am 10. März trat Wadephul mit seinem israelischen Amtskollegen Gideon Sa’ar in Jerusalem vor die Presse; Agenturbilder zeigen beide beim Handschlag. Am 5. Mai folgte eine gemeinsame Presseerklärung in Berlin, zu der das israelische Außenministerium ein gemeinsames Foto verbreitete.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul Arm in Arm mit seinem israelischen Amtskollegen Gideon Saar bei einem offiziellen Pressetermin am 5. Juni 2025 im Auswärtigen Amt in Berlin.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul Arm in Arm mit seinem israelischen Amtskollegen Gideon Saar bei einem offiziellen Pressetermin am 5. Juni 2025 im Auswärtigen Amt in Berlin.

© IMAGO/Christian Spicker

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Am 29. Juni posierte Wadephul vor einem bilateralen Treffen im State Department mit US-Außenminister Marco Rubio für die Kameras. Und in Atlanta, am Rande jenes Treffens, bei dem ein Bild mit Lawrow ausgeschlossen wurde, fotografierte die dpa Wadephul im Gespräch mit Rubio.

Marco Rubio und Johann Wadephul in Washington DC bei einem gemeinsamen Pressetermin am 29. Juni 2026.

Marco Rubio und Johann Wadephul in Washington DC bei einem gemeinsamen Pressetermin am 29. Juni 2026.

© IMAGO/Mehmet Eser

Nicht jedes dieser Bilder wiegt gleich schwer. Ein Pressefoto von einem Gespräch ist kein inszeniertes Gruppenbild, ein Handschlag bei einer Pressekonferenz gehört zum Protokoll. Der Fototermin mit Rubio hingegen war ein bewusst gesetztes Motiv – und damit genau jene Art von Botschaft, die Wadephul im Fall Lawrow vermeiden will.

Antwort ohne Kriterium

Diese Zeitung hakte nach: Liegt der Unterschied in der völkerrechtlichen Bewertung? Oder darin, dass Rubio und Sa’ar Partnerstaaten vertreten? Giese verwies auf den Minister, der sich „relativ klar geäußert“ habe; man könne das „in der Gesamtheit nachlesen“. Er fügte nur einen Satz hinzu: „Das Foto hätte für eine Normalität gesprochen, die es mit Russland nicht geben kann.“

Die Antwort trägt einen Widerspruch in sich. Wer zwei Fälle für unvergleichbar erklärt, muss sie zuvor verglichen haben – und kennt folglich den Unterschied. Genau danach war gefragt, genau das blieb ungesagt. Auch der Verweis auf den Minister führt nicht weiter. Wadephuls Satz begründet, warum es mit Russland keine Normalität geben soll. Warum sie mit Washington und Jerusalem trotz der Angriffe auf Iran fortbestehen kann, erklärt er nicht. So legt Gieses einzige inhaltliche Aussage jene Lesart nahe, die die Nachfrage formuliert hatte: Maßgeblich scheint weniger das Handeln eines Staates als sein Verhältnis zu Deutschland. Ausgesprochen hat Giese das nicht – widersprochen aber auch nicht.

Dabei hätte es Argumente gegeben. Das Ministerium hätte auf Dauer und Ausmaß des russischen Krieges gegen die Ukraine verweisen können, auf die Annexion ukrainischer Gebiete oder auf den Unterschied zwischen einem multilateralen Gruppenbild und bilateraler Arbeitsdiplomatie. Es hätte auch darlegen können, wie die Bundesregierung die Angriffe auf Iran völkerrechtlich bewertet. Vorgetragen wurde nichts davon.

Lawrows „Familienfoto-Diplomatie“

Lawrow reagierte prompt. Er erinnerte daran, dass Wadephul ihn vor einem Monat um ein Treffen in New York gebeten habe. Laut russischem Außenministerium kam das Gespräch am 26. September auf deutschen Wunsch zustande. Er nenne das „Familienfoto-Diplomatie“, sagte Lawrow. Wenn es vor allem darauf ankomme, wie man auf dem Familienfoto aussehe und wer daneben stehe, „dann sagt das alles“.

Lawrow verfolgt mit seinem Spott eigene Interessen. Er berührt aber eine Frage, die die Bundesregierung selbst aufgeworfen hat: Wenn das von deutscher Seite erbetene Gespräch angemessen war, worin liegt dann das falsche Signal eines Gruppenbildes, auf dem Lawrow in einer Reihe mit anderen Ministern stünde? Die Trennung zwischen Dialog am Tisch und Bild vor der Kamera ist eine legitime diplomatische Unterscheidung. Glaubwürdig ist sie aber nur, wenn sie für alle Seiten nach denselben Regeln gilt.

Das Ausweichen hat Methode

Das Muster ist bekannt. Im Oktober ließ Bundeskanzler Friedrich Merz über seinen stellvertretenden Sprecher Steffen Meyer erklären, er sei über das Treffen von Altkanzler Gerhard Schröder mit Wladimir Putin „zutiefst empört“. An einem Tag schwerer russischer Angriffe mit Putin zu feiern, sei „geradezu unmoralisch“. Merz selbst hatte Benjamin Netanjahu, gegen den wie gegen Putin ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorliegt, mehrfach getroffen: im Februar 2024 als Oppositionsführer in Jerusalem, wenige Stunden nach einem nächtlichen israelischen Bombardement in Rafah mit nach palästinensischen Angaben rund 100 Toten, und im Dezember 2025 als Kanzler. Ob derselbe Maßstab auch für ihn gelte, wollte diese Zeitung wissen. Regierungssprecher Stefan Kornelius wies die Frage zurück: „Diese Form von Whataboutism möchte ich hier nicht teilen.“

Damals wie heute setzt die Bundesregierung einen moralischen oder symbolischen Maßstab, lässt aber offen, ob er über den Einzelfall hinaus gilt. Mal lautet die Formel „Whataboutism“, mal „nicht vergleichbar“. Keine von beiden ersetzt ein Argument. Eine Außenpolitik, die sich auf Völkerrecht und regelbasierte Ordnung beruft, muss erklären können, ob ihre Regeln für Gegner und Partner gleichermaßen gelten. Die Regierungspressekonferenz wäre der Ort dafür gewesen.

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