Es ist ein Ritual, das sich in diesem Jahr schon mehrfach wiederholt hat: Wenn vom Flughafen Leipzig/Halle ein Charterflieger in Richtung Kabul abhebt, formiert sich davor der Protest. An diesem Samstag soll daraus ein bundesweites Signal werden. Unter dem Motto „Bundesweit gegen Abschiebewahn“ rufen Aktivisten zu einem Protesttag auf – und Leipzig steht dabei besonders im Fokus.
Beim bundesweiten Protesttag gegen Abschiebungen wird an diesem Samstag auch der Flughafen Leipzig/Halle zum Schauplatz. Dort richtet sich der Protest vor allem auf die umstrittenen Charter-Abschiebungen nach Afghanistan, teilten die Organisatoren mit. Neben Leipzig sind Proteste an den Flughäfen Frankfurt, Köln, München, Düsseldorf, Hannover und Berlin geplant.
Die Stoßrichtung der Veranstalter ist klar. Der Aktionstag richtet sich gegen Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber, Abschiebehaft und den Ausbau von Infrastrukturen für diesen Zweck. Bündnissprecherin Luca Müller findet dabei drastische Worte: „Es ist und bleibt skandalös, dass diese Abschiebungen in Zusammenarbeit mit den Taliban durchgeführt werden und sich eine Airline an dieser furchtbaren Praxis bereichern kann. Sie verdienen Geld mit zerstörten Menschenleben“, erklärte sie.
Hinter der Kritik steht auch ein finanzpolitisches Argument. Die Aktivisten wollen die politischen Prioritäten der Bundesregierung kritisieren: Während vor allem im Sozial- und Gesundheitsbereich über gravierende Einsparungen diskutiert werde, würden „gleichzeitig erhebliche öffentliche Mittel für Abschiebungen und die dafür notwendige Infrastruktur eingesetzt.“
Eine Nacht im Juli – wie der Protest in Leipzig aussieht
Ende Juli lief in Leipzig bereits einmal das komplette Drehbuch ab. Gegen die für die Nacht zum Dienstag, den 28. Juli, geplante Charter-Abschiebung vom Flughafen Leipzig nach Afghanistan hatten ein Bündnis und Unterstützer zu zwei Demonstrationen aufgerufen. Treffpunkt war unter anderem der S-Bahnhof des Flughafens.
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Damals sprach Müller von „Hinterzimmerdeals“ der Bundesregierung mit den Taliban und forderte, die Zusammenarbeit müsse umgehend beendet werden. Mitstreiterin Nasima Haidari verwies auf die Lage vor Ort: Frauen und Mädchen in Afghanistan würden massiv eingeschränkt, außerdem seien politische Gegner, Journalisten sowie Menschenrechtsaktivisten und Minderheiten bedroht.
Die Realität eines solchen Fluges ist dabei alles andere als unkompliziert. Der Juli-Flug startete um 01:43 Uhr mit einem Airbus A320-214 der Freebird Airlines zunächst Richtung Trabzon in der Türkei und sollte von dort weiter nach Kabul fliegen. Angaben zufolge befanden sich mehrere als gewalttätig eingestufte Personen an Bord, die mit Handschellen in das Flugzeug gebracht worden seien.
Nicht nur Afghanistan: Wohin Leipzig abschiebt
Die Abschiebeflüge ab Leipzig/Halle gehen in ganz unterschiedliche Länder. Belegt sind unter anderem Flüge nach Serbien, in den Kosovo, nach Tunesien, Pakistan und Georgien. Nach Afghanistan gab es mehrere Charterflüge 2025 und 2026, darunter im Februar, April, Juli und August 2026. Erst im April 2026 brachte etwa ein Flug 46 Personen nach Georgien.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verteidigt die Einrichtung von Abschiebe-Terminals an deutschen Flughäfen.
© Imago/dts Nachrichtenagentur
Wer von „Wahn“ spricht, suggeriert ein Übermaß. Der Blick in die Statistik zeichnet jedoch ein anderes Bild. Im Jahr 2025 wurden 22.787 Menschen aus Deutschland abgeschoben. Gleichzeitig registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 113.236 Asyl-Erstanträge. Auf jede Abschiebung kamen also rund fünf neue Erstanträge.
Noch deutlicher wird das Missverhältnis beim Blick auf die Geduldeten, also jene Menschen, deren Abschiebung aus verschiedenen Gründen ausgesetzt ist. Ende Juni 2026 waren in Deutschland 258.845 Menschen ausreisepflichtig. Rund 199.000 von ihnen verfügten über eine Duldung, weshalb ihre Abschiebung vorübergehend ausgesetzt war.
Und das ist kein neues Phänomen. Die Gesamtzahl der Geduldeten stieg von 155.308 Ende 2015 auf 190.974 Ende 2025 – ein Anstieg um rund 23 Prozent. Ihren Höchststand erreichte sie Ende 2022 mit 248.145 Personen.
Der Bundesinnenminister verteidigt das Vorgehen
Die Bundesregierung sieht ihre Linie dennoch bestätigt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verteidigt trotz hoher Umfragewerte der AfD die Migrationswende.
Maßnahmen wie Zurückweisungen an den Grenzen und die Aussetzung des Familiennachzugs hätten die Zahl irregulärer Einreisen gesenkt, betonte der Christsoziale mehrfach. Auch Abschiebungen von Straftätern nach Afghanistan verteidigte Dobrindt. Aus seiner Sicht habe die Neuausrichtung sogar beruhigend gewirkt: Sie habe dazu beigetragen, die Polarisierung in der Gesellschaft zu verringern.
Für den sächsischen AfD-Innenpolitiker sind die Abschiebezahlen nicht zufriedenstellend.
© Sean Gallup/Getty Images
Während das Bündnis von zu viel Abschiebung spricht, kommt aus einer anderen politischen Ecke der gegenteilige Vorwurf. Eine Kleine Anfrage der sächsischen AfD-Fraktion legt den Finger in die Wunde der Vollzugspraxis. Demnach sind im ersten Quartal 2026 in Sachsen 232 Abschiebungen gescheitert, gelungen sind lediglich 235. Vollziehbar ausreisepflichtig sind in Sachsen 13.107 Personen.
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Der innenpolitische Sprecher Sebastian Wippel rechnet vor: „Die Erfolgsquote bei den Abschiebungen ist erschreckend gering. Bestätigt sich der aktuelle Trend, liegt sie bei sieben Prozent.“ Zum Vergleich zieht er das Jahr 2014 heran: Damals wurden in Sachsen noch rund 25 Prozent der Ausreisepflichtigen tatsächlich abgeschoben.
Am Samstag werden sich wieder Menschen vor dem Flughafen Leipzig/Halle versammeln, um gegen ein vermeintliches Zuviel an Abschiebungen zu protestieren. Die nüchternen Zahlen aber sprechen eine andere Sprache: einige Zehntausend Abschiebungen pro Jahr stehen weit über hunderttausend Geduldeten und über hunderttausend neuen Asylanträgen gegenüber. Zwischen dem Ruf nach einem sofortigen Abschiebestopp und dem Vorwurf einer „erschreckend geringen Erfolgsquote“ liegt die ganze Spannbreite der deutschen Migrationsdebatte.
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