Nach der brutalen Attacke von neun Jugendlichen auf einen 14-Jährigen vor einer Frankfurter Oberschule hat Oberbürgermeister Axel Strasser (parteilos) eine Botschaft an seine Stadt: Die Bürger sollen Zivilcourage zeigen. Es könne nicht hingenommen werden, dass Menschen danebenstünden und nicht einschritten, sagte er nach einer Sicherheitskonferenz. Der Satz klingt staatsmännisch. In Wahrheit ist er ein Offenbarungseid – denn er lädt das Risiko dort ab, wo es am wenigsten hingehört: beim unbewaffneten Passanten.
Man muss sich die Szene nur konkret vorstellen. Eine Gruppe prügelnder Jugendlicher, die Täter in der Überzahl, die Lage unübersichtlich, womöglich sind Stich- und Schusswaffen im Spiel. Und nun soll Otto Normalbürger dazwischengehen – ohne Ausbildung, ohne Schutz, ohne Rückhalt.
Wer einschreitet, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit im Krankenhaus. Wer wegsieht, soll sich schämen. Zivilcourage ist eine Tugend, aber sie zur Sicherheitsstrategie einer Kommune zu erklären, heißt, den Bürger für das Versagen des Staates mit dem eigenen Leben haften zu lassen.
Elternkonferenzen und Anti-Mobbing-Programme
Besonders entlarvend wird der Appell neben den tatsächlichen Maßnahmen. Aufenthaltsrechtliche Schritte gegen die Täter? Hier sieht Strasser selbst „keine große Aussicht auf Erfolge“. Bleiben Elternkonferenzen, Anti-Mobbing-Programme und mehr Präsenz von Polizei und Ordnungsamt vor den Schulen – die Täter lachen sich ins Fäustchen. Der Staat verwaltet, der Bürger soll selber klarkommen.
Die neun Tatverdächtigen in Frankfurt sind zwischen 13 und 15 Jahren alt, unter ihnen Syrer, Polen und Russen. Die Polizei verortet das Motiv im privaten Bereich, spricht von einer „Ehrverletzung“, und Strasser betont, es handele sich – anders als in Potsdam – nicht um verfestigte Strukturen. Nur taugt diese Differenzierung überhaupt nicht zur Beruhigungspille. Mittlerweile werden auch in deutschen Mittel- und Kleinstädten täglich Bürger Opfer von Einschüchterungsversuchen und brutaler Gewalt.
Die Inseln der Glückseligkeit gibt es nicht mehr
Ähnliche Szenen spielen sich mittlerweile in der brandenburgischen Landeshauptstadt ab. In Potsdam, lange das Kleinod aus Schlössern, Gärten und Bildungsbürgertum, ermittelt die Polizei inzwischen gegen eine Gruppe, die in diesem Jahr mehr als 30 Straftaten im Bereich Raub und räuberische Erpressung begangen haben soll. 25 Tatverdächtige wurden identifiziert, sechs sitzen in Untersuchungshaft.
Laut Innenminister Jan Redmann haben alle einen Migrationshintergrund, viele einen syrischen, manche einen tschetschenischen. Das Perfide: Die Täter dringen bis in private Hauspartys vor, von denen sie über Messengerdienste erfahren. Der privateste Schutzraum wird zum Tatort.
„Tötet sie!“: Jugendliche greifen in Paris eine Polizeianwärterin an
Jahrzehntelang konnten sich gerade die wohlhabenderen, linksliberalen Milieus dorthin zurückziehen, wo die Folgen der von ihnen fast schon militant eingeforderten Einwanderungspolitik abstrakt blieben. Jetzt klopft die Realität an diese Türen.
Ein Bootsanleger in der Berliner Vorstadt: In Potsdam geht die Angst vor gewaltbereiten Jugendlichen mit Migrationshintergrund um.
© imago stock&people
Würde Strasser auch zur Zivilcourage mahnen, wenn sein eigenes Kind vor der Schule zu Boden geprügelt würde? Würde er dann vom Nebenstehenden Heldenmut verlangen – oder vom Staat endlich Schutz? Die Antwort kennt jeder. Appelle an den Mut der anderen sind billig, solange man selbst in Sicherheit lebt.
Verletzte Sicherheit: Warum der Überfall von Beicha den Rechtsstaat fordert
Wie entschlossen der Staat sein kann, zeigt er anderswo durchaus. Der AfD-Abgeordnete Wilko Möller wurde rechtskräftig wegen einer dem Hitlergruß ähnlichen Armhaltung von zwei Statisten auf einem Wahlplakat zu 11.600 Euro Geldstrafe verurteilt; der BGH bestätigte das Urteil. „Wir schützen eure Kinder“, wurde auf der Abbildung zur Landtagswahl 2024 versprochen.
Auffällig bleibt die Diskrepanz: Beim Symbol greift der Staat mit voller Schärfe durch, beim realen Gewalttäter wirkt er ratlos.
Frankfurt und Potsdam brauchen nicht den Passanten, der für die Fehler der Politik seine Gesundheit oder sein Leben einsetzt, sondern einen Staat, der seine Kernaufgabe erfüllt. Wer das durch Appelle an die Bürger ersetzt, verwaltet das eigene Versagen.
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