An einem Herbstabend, die Sonne steht schon tief über der Elbe, schieben im Schillergarten in Dresden-Blasewitz vier Männer zwei Tische zusammen. Michael Schmieder, von allen Micha genannt, ist aus Fürth angereist. Uwe Donath, Steffen Bärsch und Michael „Volli“ Vollenbroich wohnen in Dresden. Es gibt Bier, später etwas zu essen, und bald die Geschichten, die sie einander seit Jahrzehnten erzählen und die trotzdem nie langweilig werden. Immer wieder mal geht es auch um den Mauerfall und darum, was damals passiert ist und warum. Darüber sind sich die vier Männer nicht immer einig.
Dabei währt ihre Freundschaft schon länger als ein halbes Jahrhundert. Seit September 1970 kennen sie sich, seit der ersten Klasse in der 78. Oberschule, einer Plattenbauschule in Dresden-Leuben. Seit 56 Jahren sind die vier Männer miteinander verbunden, mal enger, mal eher lose. Was auch mit der innerdeutschen Mauer zu tun hat. Trennen konnte sie die vier allerdings nicht. „Unsere gemeinsame Kindheit und Jugend gab unserer Freundschaft ein solides Fundament“, sagt Donath. „Wir haben viel gemeinsam erlebt, damals in der DDR.“ Dieses Fundament war stark genug, dass die Freundschaft zwei Ausreisen, den Mauerfall und mehr als zwei Jahrzehnte räumliche Trennung überstand.
Heute, kurz vor dem Datum des deutschen Schicksalstags, der sich am 9. November vor 37 Jahren ereignete, treffen die vier Freunde wieder aufeinander. In Dresden, in ihrer Heimatstadt. Man tauscht sich aus, über die Familie, den Job, die aktuelle Politik – und über ein Deutschland, das vor 37 Jahren vereint wurde. Erinnerungen an eine turbulente Zeit – die bis heute die Frage aufwirft: Wer hat die Mauer damals tatsächlich zum Einsturz gebracht?
Fahrradjahre, Mopedjahre, Kellerdisko
Mit dieser Frage beschäftigen sich immer wieder auch die vier Dresdner. Warum? Weil sie unmittelbar von dieser innerostdeutschen Diskussion betroffen sind. Zwei von ihnen reisten 1989 kurz vor dem Mauerfall mit ihren Familien aus, zwei blieben in der Heimat. Die Debatte ist freundschaftlich, niemals wird sie persönlich – und dennoch ist sie angesichts der aktuellen medialen Aufarbeitung des Mauerfalls immer wieder Thema unter den Männern.
Wer mit den vier Männern darüber spricht, reist zunächst zurück in die 1970er-Jahre, in unbeschwerte Zeiten, wie sie es einstimmig schildern. Das Neubaugebiet, in dem sie groß wurden, wuchs noch. In den Rohbauten tobten die Kinder durch Etagen ohne Fenster, die Baustellen waren willkommene Abenteuerspielplätze. Auf den Wäscheplätzen spielten sie Fußball, bis die Mütter aus dem dritten oder vierten Stock zum Abendbrot riefen.
Bärsch erinnert sich an die „Fahrradjahre“, an Spiegel, die an den Drahtesel gebaut wurden, und an ausschweifende Radtouren. Mangelwirtschaft hin oder her – man wusste sich zu helfen. Danach kamen die Mopeds, die Sonntagsdisko in der „Freundschaft“, dem großen Gaststättenkomplex mit Bierkeller, und später die Spiele von Dynamo Dresden. „Volli“, der begabte Elektroniker der Truppe, baute sich aus Teilen aus dem Bastelladen ein Mischpult und richtete im Keller seines Hauses eine eigene Diskothek ein. „Da haben wir mit den Mädchen aus unserer Schule abgehangen“, sagt Steffen Bärsch und lächelt.
Freunde fürs Leben: Uwe Donath, Michael Vollenbroich, Steffen Bärsch und Michael Schmieder (v.l.)
© Nora Domschke/Ostdeutsche Allgemeine
Was damals kaum eine Rolle spielte, ihrem späteren Leben aber eine entscheidende Wendung geben sollte: Die einen – Vollenbroich und Bärsch – hatten Eltern, die sich mit den Gegebenheiten in der DDR arrangierten oder gar systemtreu waren und an die sozialistische Idee glaubten. Die beiden anderen – Schmieder und Donath – wuchsen in Familien auf, die seit jeher in den Westen wollten. Beides war im Kreise der jungen Männer bekannt und wurde auch nicht hinterfragt.
Was hier auffällt: Die Familien mit Verwandtschaft im Westen, die auch hin und wieder zu Besuch kam und vom Leben „drüben“ berichtete, wollten alsbald ausreisen. Für die Eltern von Bärsch und Vollenbroich wäre das niemals infrage gekommen. „Die Einstellung der Eltern spielte eine große Rolle“, sagt Bärsch rückblickend. Seine Eltern waren beide Lehrer, sein Vater bekennender Kommunist, die Familie hatte ein gutes Auskommen. In den Wirren Ende der 1980er-Jahre hatte das Einfluss auf die Entscheidung ihres Sohnes: Für ihn war eine Ausreise keine Option. Obwohl er da längst ein differenziertes Bild der DDR im Kopf hatte.
Die Wege trennen sich
Mitte der Achtzigerjahre gingen die Wege der vier Freunde auseinander. Vollenbroich machte im VEB Sachsenwerk seinen Meister und gründete früh eine Familie. Bärsch verpflichtete sich für drei Jahre bei der Armee, als Funker beim Geschwader der Kampfhubschrauber, weil ihm das Abitur und ein Studienplatz versprochen wurden. In diesen Armeejahren, sagt er, habe er mit der DDR gebrochen. Während seines Wehrdienstes bekam er mit, wie die Staatssicherheit arbeitete, wie Menschen unter Druck gesetzt, beschuldigt und eingesperrt wurden. Er erlebte, dass Menschen bestraft wurden, die sich oppositionell verhielten oder Kritik am Staat äußerten. „Da war ich durch mit diesem System.“
Donath und Schmieder dachten schon in ihrer Lehrzeit daran, dem System den Rücken zu kehren. Auch ihm habe man einen Studienplatz versprochen, erzählt Donath, „aber dann müssen Sie sich drei Jahre zur Armee verpflichten“. Das kam für den jungen Mann damals nicht infrage. „Das war Erpressung, das habe ich nicht mitgemacht. Und das hat meine Abneigung gegen diesen Staat noch einmal verstärkt.“ Gemeinsam mit Schmieder beantragte er 1986 die Ausreise, beide hatten ein formloses Schreiben an das Innenministerium vorbereitet, Vorlagen dafür zirkulierten im Bekanntenkreis. Schmieder klingelte bei Donath, sie waren verabredet. „Wir haben uns angeguckt und sind wortlos zum Postamt gegangen“, erinnern sich die beiden.
Zweieinhalb Jahre warteten sie, ohne zu wissen, wann sie gehen dürfen. „Das war offenbar wie Flaschendrehen im Innenministerium“, sagt Donath. Bei manchen dauerte es fünf Jahre, anderen wurde die Ausreise nie genehmigt. Im September 1988 kam der Bescheid, dann blieben 48 Stunden, um alles zu packen und das alte Leben hinter sich zu lassen. „Viele Freunde sind zur Verabschiedung gekommen“, erinnert sich Schmieder. „Das war nicht so, dass ich in diesem Moment vor Freude die Arme hochgerissen hätte.“ Im Kopf immer den Gedanken: Werde ich sie jemals wiedersehen?
Westgeld im Dachgepäckträger
Donath fuhr mit den Eltern und seinem Bruder im Auto über die Transitstrecke gen Westen. Es war ungewöhnlich, dass eine komplette Familie ausreisen durfte; sie wurden kontrolliert bis in die Schuhsohlen. Das Westgeld im Dachgepäckträger fanden die Grenzer nicht. Seine erste Erinnerung an den Westen: eine hell beleuchtete Aral-Tankstelle, „die sah aus wie ein gelandetes Ufo“. Auf seine Frage, ob man auch an einer Shell-Tankstelle tanken könne, wenn noch Benzin von der Aral im Tank sei, habe der Tankwart nur ungläubig genickt.
Schmieder nahm etwa zur selben Zeit mit seiner damaligen Frau den Zug nach Gießen. Von dort ging es weiter nach Nürnberg, wo er Verwandte hatte. Vollenbroich und Bärsch blieben zurück. „Abzuhauen kam für mich partout nicht infrage“, sagt „Volli“. Er hatte Familie, eine Wohnung in einem der neu gebauten Viertel und war „eigentlich relativ zufrieden“. Bärsch hätte gehen können, die komplette Familie seiner Frau hatte Ausreiseanträge gestellt, es wäre ein Leichtes gewesen, sich mit seiner Frau und dem kleinen Sohn anzuschließen. Seine Eltern, seine pflegebedürftige Oma, seine Heimatverbundenheit hielten ihn ab.
Der 9. November 1989, viermal erlebt
Als die Mauer kurz darauf fiel – oder umgestürzt wurde –, waren die vier jungen Männer an vier verschiedenen Orten. Donath lag in seiner neuen Wohnung in Asperg bei Stuttgart auf Matratzen, ein Bett gab es noch nicht. Er war tagsüber bei Daimler in Cannstatt auf Montage gewesen und hatte von dem Ereignis zunächst nur über die Bild-Zeitung erfahren. Abends kam die Nachricht im Fernsehen. So richtige Feierstimmung wollte zunächst nicht aufkommen, denn es blieb unerwartet ruhig. Was ihn bis heute wundert, das ist die Gleichgültigkeit der Schwaben, die er damals angesichts des Mauerfalls erlebte. „So richtig schien das niemanden zu interessieren.“ Ein Kollege berichtete ihm ein paar Tage später, er habe erst richtig gecheckt, was passiert war, weil die Landkarte im Wetterbericht plötzlich anders aussah.
Schmieder verfolgte die Ereignisse in Nürnberg. Von den Demonstrationen in Plauen, Leipzig und Dresden wusste er aus dem Fernsehen. „Wenn ich da gewesen wäre, wäre ich definitiv mitgegangen“, betont er.
Ortswechsel in den Osten: Bärsch kam an dem Abend nach Hause, und sein Vater, der sonst nie Westfernsehen schaute, saß vor dem Gerät. „Für ihn brach eine Welt zusammen.“ Bärsch selbst konnte es zunächst kaum glauben. Als er die Bilder von den DDR-Bürgern sah, die in ihren qualmenden Trabis und Wartburgs nach West-Berlin strömten, habe er entschieden, dass sein erster Besuch auf der anderen Seite der Mauer warten müsse. Erst Ende Dezember fuhr er zum ersten Mal in den Westen, nach Bayern, holte sich 100 Mark Begrüßungsgeld. Vollenbroich nutzte dagegen schon im November die Möglichkeit, fuhr nach West-Berlin, kaufte etwas für seine Töchter und kehrte heim. „Es war interessant, aber ich wäre niemals dageblieben“, sagt er.
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Die Debatte über den Mauerfall
Es ist Bärsch, der im Schillergarten ein für sie alle wichtiges Thema auf den Tisch bringt. Er hat ein Problem mit der Art, wie der Mauerfall heute in den Medien erzählt wird. Zum Jahrestag liefen Bilder von der Prager Botschaft, von Menschen, die über den Zaun klettern, von Zügen in den Westen. Dabei sei die richtige Erzählung eine ganz andere, sagt er.
Er spricht von den Demonstrationen im Spätsommer und Herbst, ausgehend von Plauen, vom 4. und 5. Oktober, als die Sonderzüge mit den Botschaftsflüchtlingen durch Dresden rollten und vor dem Hauptbahnhof Menschen mit der Polizei zusammenstießen. Dort sei auch er dabei gewesen. „Die Zeitungen schrieben am nächsten Tag von Randalierern und faschistischen Kräften.“ Bärsch erzählt von Lkw, auf die Leute gezerrt wurden und die dann mehrere Tage verschwunden waren. „Du musstest aufpassen, dass sie dich nicht erwischen. Ich bin oft weggerannt, wenn es brenzlig wurde.“ Die Polizei sei nicht zimperlich gewesen, es waren Schlagstöcke im Einsatz, verdeckte Stasi-Leute hätten mit Steinen geworfen, um die Stimmung anzuheizen – so habe es Bärsch damals beobachtet: „Die Friedliche Revolution ist nicht so friedlich gewesen, wie es dargestellt wird.“
Schlimmeres sei nach seiner Überzeugung nur verhindert worden, weil Michail Gorbatschow, der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, einen entscheidenden Beitrag dazu leistete, eine gewaltsame Eskalation zu verhindern. Die sowjetische Zurückhaltung war ein wichtiger Faktor. Daneben spielten die Größe der Protestbewegung und die Entscheidungen der DDR-Führung eine wesentliche Rolle.
99 Prozent: Katalysator für Protestbewegung
Hatte Bärsch nicht trotzdem Angst, geschnappt zu werden und im Stasi-Knast zu landen? „Ich war jung, mit Mitte 20 im besten Alter. So leicht konnten die mir nichts.“ Es sei eine unbeschreibliche Stimmung auf der Straße gewesen, als sich ab Ende des Sommers an jedem Montag mehr Menschen trauten, ihren Unmut öffentlich zu zeigen, ihre Unzufriedenheit mit der politischen Unterdrückung, den fehlenden Reisefreiheiten und der wirtschaftlichen Lage. Das alles entlud sich nach den Ergebnissen der DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Die Einheitsliste der Nationalen Front erhielt nach offiziellen Angaben eine Zustimmung von knapp 99 Prozent der abgegebenen Stimmen.
„Es war völlig klar: Das konnte nicht sein, nicht bei den damaligen wirtschaftlichen Verhältnissen“, sagt Bärsch. In der Tat deckten unabhängige Bürgerrechtler und Beobachter erstmals einen massiven Wahlbetrug auf – durch den Abgleich der ausgezählten Nein-Stimmen. Dieser Betrug erschütterte das Vertrauen in die SED-Führung und wurde somit zu einem wichtigen Katalysator für die Friedliche Revolution und den Mauerfall wenige Monate später. Dass es dann so schnell ging, habe Bärsch selbst überrascht. Und doch betont er noch einmal, dass dies vor allem ein Verdienst der Menschen auf der Straße war.
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Betrachtet er die Ausgereisten als Verräter? „Nein, das sind keine Verräter. Ich werfe das überhaupt niemandem vor. Jeder ist frei. Ich verstehe jeden, der gesagt hat: In diesem Staat will ich nicht bleiben. Aber wer ausgereist ist, kann sich nicht hinstellen und sagen, er habe die Mauer zu Fall gebracht.“
Vollenbroich nickt zustimmend. „Den Mauerfall erzwungen haben die Leute, die hiergeblieben sind“, sagt auch er. „Die, die ausgereist sind, konnten sich das von außen angucken – Einfluss nehmen konnten sie keinen.“ Den großen Exodus über Ungarn und die Tschechoslowakei lässt er trotzdem gelten, als weiteren Katalysator. Der entscheidende Anstoß aber sei von innen gekommen.
Donath, der „Ausreiser“ am Tisch, lacht und widerspricht beiden. Er kenne ihre Sicht, sagt er, und wolle sie nicht überbewerten, aber er halte dagegen. „Ich sehe es so: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wir haben damals die Chance gesehen und sie genutzt.“ Dazu stellt er eine unbequeme Frage: „Was ist mit den vielen DDR-Bürgern, die nie auf den Montagsdemos waren? Ich würde sagen, es waren die meisten. Die standen hinter den Gardinen und sind erst rausgekommen, als der Fisch geputzt war.“ Mit ihnen sollten seine beiden Freunde hadern. Seine Position: Die Ausreisewelle war „ein kleines Mosaiksteinchen“, das zum Einsturz der Mauer beigetragen habe, zumindest mehr als die Gardinenzuschauer.
Das sieht auch Schmieder so: „Wenn niemand gegangen wäre, was wäre dann gewesen?“ Er erzählt, wie ab Mitte der Achtzigerjahre Schlag auf Schlag Leute aus seinem Umfeld verschwanden: sein Arzt, der Bäckermeister, ein Dachdecker, der sein Geschäft verkaufte. Da habe auch er entschieden, zu gehen. Oder es zumindest zu versuchen. Wäre er auf die Straße gegangen, wenn er geblieben wäre? „Auf jeden Fall – und ich bin auch dankbar, dass sich Zehntausende damals getrauten.“
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Was alle vier eint, ist die Wahrnehmung einer veränderten Berichterstattung, die insbesondere in den letzten Jahren immer seltener die Menschenmassen auf den Plauener, Leipziger und Dresdner Straßen zeige. Stattdessen werde die Wende aus westdeutscher Sicht erzählt, darüber, dass unzählige Ossis geflüchtet sind und im Westen mit offenen Armen empfangen wurden. Was Donath und Schmieder auch bestätigen.
Ausreisewelle und Protest
Die Geschichtsforschung zeigt, dass beide Entwicklungen zum Ende der DDR beitrugen: die Ausreisewelle ebenso wie die Protestbewegung. Welche davon als entscheidender angesehen wird, hängt auch davon ab, welchen Aspekt des Mauerfalls man betrachtet.
Zunächst die Ausreisewelle: Ungarn öffnete offiziell in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 die bereits durchlässige Grenze, und der Strom Richtung Westen riss nicht mehr ab. Nach einer Chronik der Bundesregierung waren bis zum Mauerfall mehr als 220.000 Übersiedler in der Bundesrepublik angekommen. Allein im Sommer 1989 stellten 120.000 Ostdeutsche ihren Ausreiseantrag. Donath hat hier ein Argument, das sich belegen lässt: Die Abwanderung beeinflusste ganz konkret die Entscheidung, die am 9. November die Mauer fallen ließ.
Am 8. November verlangte die Tschechoslowakei laut einem Telegramm des DDR-Botschafters in Prag, Helmut Ziebart, dass DDR-Bürger künftig direkt aus der DDR in die Bundesrepublik ausreisen und nicht mehr über tschechoslowakisches Gebiet. Die Beschlussvorlage für die neue Reiseregelung vom 9. November nennt die Ausreisen über die ČSSR ausdrücklich als Problem.
Dann der Protest auf den Straßen: Einem Stasi-Lagebericht vom 10. Oktober zufolge demonstrierten am Vortag in Leipzig etwa 70.000 Menschen. Die vorbereiteten Maßnahmen zur Auflösung kamen nicht zur Anwendung. Ein weiterer Stasi-Bericht sprach von 50.000 bis 60.000, deshalb gilt „etwa 70.000“ als Schätzung, nicht als Zählung. Am 4. November versammelte sich in Ost-Berlin nach Angaben des Bundesarchivs rund eine halbe Million Menschen. Die SED konnte ihren Anspruch auf widerspruchslose Herrschaft nicht mehr durchsetzen. Das ist das Argument von Bärsch, und es trägt.
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Interessant ist, was die Forschung über die Trennlinie sagt, die Bärsch so scharf zieht. Denn auch dort ist man sich keineswegs einig. Der US-amerikanische Ökonom und Sozialwissenschaftler Albert O. Hirschman beschrieb 1992 das „Zusammenwirken privater Auswanderung und öffentlichen Protests“. Er stellte fest, dass beim Mauerfall ein seltener Sonderfall eintrat: Exit (Auswanderung) und Voice (Protest) verstärkten sich gegenseitig, statt sich zu blockieren. Schon in den 1970er-Jahren hatte sich Hirschman damit befasst, dass Menschen auf den Verfall von Staaten damit reagieren, dass sie ihn verlassen oder dass sie dagegen protestieren. In der Regel schwächt die Abwanderung den Protest, weil diejenigen gehen, die unzufrieden sind. Anders war es am Ende der DDR.
Eine aktuelle Studie vom Oktober 2026 (Johannes Buggle, Max Deter, Martin Lange) befasst sich übrigens mit der Fragestellung, wie sich Widerstand und Protestbewegungen in der späten DDR über das Netzwerk evangelischer Pastoren so schnell ausbreiten konnten.
Und der 9. November selbst? Die Beschlussvorlage sah weiterhin Anträge und Visa vor. Eine Pressemitteilung sollte erst am 10. November erscheinen. Günter Schabowski verkündete die Regelung aber schon am Abend vorher als „sofort, unverzüglich“. Nach den Fernsehberichten drängten Menschen zu den Übergängen, um 23.29 Uhr war die Grenze an der Bornholmer Straße offen. Egon Krenz meldete am 10. November an Gorbatschow rund 60.000 Grenzübertritte, von denen etwa 45.000 Menschen wieder zurückgekehrt seien. Auch an dieser Stelle wird deutlich: Ausreise und Protest wirkten zusammen, und die Menschen an den Grenzübergängen erzwangen schließlich die unmittelbare Öffnung.
Den Austausch offenhalten
Spät am Abend kehren die vier Männer im Schillergarten dahin zurück, wo sie angefangen haben – zu einem netten Gespräch über ihren Alltag. Eindeutig klären ließ sich die aufgeworfene Frage nach den Verantwortlichen für den Mauerfall auch an diesem Abend nicht. Wohl aber die Frage, wie es für sie nach dem 9. November 1989 weiterging. Bärsch und Vollenbroich sind seit vielen Jahren als Außendienstler für westdeutsche Firmen in ganz Deutschland unterwegs. In zahlreichen Gesprächen mit Westdeutschen erklären sie die ostdeutschen Wahlergebnisse und ihre Sicht auf die Entwicklungen. Sie wollen, dass die Verbindung zwischen Ost und West nicht abreißt, dass der Austausch von Argumenten nicht aufhört, betonen sie. „Doch die Gräben sind tief“, sagt Bärsch.
Donath kehrte 2008 mit seiner Frau zurück in den Osten, zurück in ihre Heimatstadt Dresden. Auch er arbeitet als Vertriebler im Außendienst. Ein Treffen im Schillergarten brachte die vier Freunde wieder zusammen. Schmieder lebt weiter in Fürth, er arbeitet seit 30 Jahren ebenfalls im Außendienst und fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat. Im vergangenen Jahr musste er zwei Schicksalsschläge verkraften: Erst starb seine Frau, kurz darauf sein Vater. Die Freunde aus Dresden waren zur Stelle und halfen ihm durch die schwere Zeit. Ob auch er irgendwann zurückkehrt? „Ich sage niemals Nein“, sagt er. „Dresden ist schön.“ Und noch schöner ist die Freundschaft, die sie alle schon so lange verbindet.
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