Die Unzufriedenheit an der CDU-Basis ist längst mehr als Flurfunk: Sie schlägt sich in konkreten Austritten nieder. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg treten Bürgermeister, Ortsvorsitzende und Nachwuchspolitiker aus, während in Hessen mit Michel Friedman ein prominentes früheres Bundesvorstandsmitglied schon Anfang 2025 das Parteibuch abgab und nun für die SPD in die Bundesversammlung entsandt werden soll. Das Bemerkenswerte dabei: Die Fluchtbewegung speist sich aus zwei entgegengesetzten Lagern. Die einen gehen, weil ihnen die CDU zu nah an der AfD ist. Die anderen, weil sie der Partei zu viel Distanz vorwerfen.
Dass die Stimmung kippt, bestätigen inzwischen die Funktionäre selbst. In Brandenburg ist die Unzufriedenheit an der Basis mit der CDU-geführten Bundesregierung groß, die Kreisverbände sehen die Bundespolitik als Grund für Parteiaustritte. Die Alarmlampe sei „dunkelrot“, sagte die CDU-Kreisvorsitzende Désirée Schrade aus Frankfurt (Oder). Ihr Parteikollege Christian Große wird deutlicher: „Wenn Leute aus der Partei austreten, ist der Grund die Bundespolitik“, sagte Große, Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Potsdam-Mittelmark, der dpa. Er betonte, dass die Erwartungen vieler CDU-Mitglieder seit der Regierungsübernahme enttäuscht worden seien.
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Der Frust reicht bis in den Parteinachwuchs. Mit Laura Strohschneider kehrte im Juli 2026 die Landesvorsitzende der Jungen Union Brandenburg der CDU den Rücken. Sie begründete ihren Schritt mit gebrochenen Wahlversprechen, fehlender Glaubwürdigkeit und dem Reformkurs der Bundesregierung.
Bürgermeister machen Schluss
In Mecklenburg-Vorpommern hat die Krise mittlerweile Rathäuser erreicht. Nach dem Scheitern der CDU an der Fünf-Prozent-Hürde bei der Landtagswahl am 20. September verließen zwei Bürgermeister die Partei – sie kritisieren die Bundespolitik und beklagen eine wachsende Distanz der Parteiführung zu den Kommunen.
Konkret handelt es sich um Thomas Pauketat (Sundhagen) und Marco Jahns (Grimmen), die ihre Ämter als Parteilose weiterführen wollen. Beide wählten dafür keine leise Form, sondern gaben am 13. Oktober ihre Entscheidungen bekannt und veröffentlichten dazu persönliche Videobotschaften.
Die Fälle blieben kein Einzelphänomen. In Boltenhagen kam es Anfang Oktober gleich zu sieben Austritten aus der örtlichen CDU – unter ihnen der Ortsverbandsvorsitzende Christian Stambor und sein Stellvertreter Karsten Süß, die beide die Bundespolitik, fehlende Konsequenzen aus den Wahlniederlagen und mangelnde Kommunikation kritisierten.
Schon vor dem Regierungsantritt rumorte es
Dass der Ärger nicht erst mit der verlorenen Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern begann, zeigt ein Blick nach Kühlungsborn. Bereits im März 2025 – noch vor dem offiziellen Regierungsantritt – kehrten dort zahlreiche Mitglieder der örtlichen CDU den Rücken, vom Stadtverbandsvorsitz über die Stellvertreterebene bis zu einfachen Mitgliedern. Auslöser war der wirtschaftspolitische Schwenk der Bundes-CDU nach der Bundestagswahl: die Aufweichung der Schuldenbremse, die geplanten Grundgesetzänderungen und die Zugeständnisse in den Koalitionsverhandlungen. Der NDR berichtete von rund 20 Austritten; andere Medien nannten abweichende Zahlen.
Publizist Michel Friedman nimmt für die SPD an der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten teil.
© Stephan Wallocha/Imago
Für die konservative Klientel der Union war dies ein Schlüsselmoment: Eine Partei, die vor der Wahl fiskalische Disziplin versprochen hatte, öffnete unmittelbar danach die Schleusen für neue Schulden. Diese Enttäuschung zieht sich wie ein roter Faden durch die späteren Austritte – und sie betrifft längst nicht nur die Kommunalebene. Auch in Brandenburg kündigte etwa Elsterwerdas Bürgermeisterin und frühere CDU-Generalsekretärin Anja Heinrich ihren Austritt an, begründet mit einem regionalen Streit um die Krankenhausversorgung und Unzufriedenheit mit der Bundes-CDU.
Die andere Seite der Unzufriedenheit
Doch das Bild wäre unvollständig, blendete man das Gegenlager aus. Denn mindestens ebenso prominent sind jene, die gingen, weil der Partei aus ihrer Sicht die Abgrenzung zur AfD nicht gelang. Der bekannteste Fall ist Michel Friedman. Das frühere CDU-Bundesvorstandsmitglied trat im Januar 2025 aus der Partei aus – aus Protest gegen einen Unionsantrag zur Migrationspolitik, der im Bundestag mit AfD-Stimmen angenommen wurde.
Friedmans Weg ist dabei besonders symbolträchtig. Der Publizist und ehemalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland soll nach dem Willen der hessischen SPD-Landtagsfraktion über die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mitentscheiden. Seine Begründung ließ an Schärfe nichts vermissen: „In einer Zeit, in der eine Partei die Verfassung mit Füßen tritt und sie zerstören will, ist diese Wahl von höchster Bedeutung. Ich danke der SPD, der ältesten demokratischen Partei, dass sie mich nominiert hat“, so Friedman.
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Dieselbe Motivlage treibt auch die Basis um – und das mitten in Mecklenburg-Vorpommern. Dort gab Sven Müller, Sprecher der Vereinigung der Unternehmensverbände MV (VUMV) und nicht zu verwechseln mit dem Bundestagsabgeordneten Sepp Müller aus Sachsen-Anhalt, nach 44 Jahren sein Parteibuch ab.
Sven Müller ist Vize-Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern.
© Jens Büttner/dpa
Auslöser war die Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt, bei der mutmaßlich auch bürgerliche Stimmen halfen. „Nach 44 Jahren ist Schluss!“, schrieb Müller – er bleibe Christdemokrat, „aber nicht in dieser CDU“, die sich für ihn „ohne Leitplanken wie ein führerloses Schiff im Wasser“ bewege.
Partei zwischen zwei Fronten
Damit steht die CDU vor einem strategischen Dilemma, das sich nicht durch bloßes Nachjustieren lösen lässt. Rückt sie näher an die AfD, verliert sie die Friedmans und Müllers dieser Welt. Hält sie strikt Abstand, laufen ihr jene davon, die eine konsequentere konservative Linie fordern. Die Brandmauer, einst als klare Grenze gedacht, wird so zum doppelten Reibungspunkt.
Nicht jede Zahl spricht dabei gegen die Partei. CDU-Politiker Philipp Amthor verwies darauf, dass es auch Neueintritte gebe. Ob diese die Abgänge kompensieren, ist offen. Fest steht: Die Austritte der vergangenen Monate sind kein Zufallsprodukt einzelner Querköpfe, sondern Ausdruck einer tiefen Richtungsunsicherheit.
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