Essay

Sicherheitsdebatte: Wehrhaftigkeit braucht Vertrauen in den Staat

Bei einem Trialog in Leipzig diskutierten Politiker, Militärs und Experten über Verteidigung. Finnlands Beispiel zeigt, wie Vertrauen und Zusammenhalt die Wehrhaftigkeit stärken.

Alexander Schumann
8 Min
Was sind wir als Staat, als Wirtschaft und als Gesellschaft bereit zu schützen – und was sind wir bereit, dafür zu leisten?

Was sind wir als Staat, als Wirtschaft und als Gesellschaft bereit zu schützen – und was sind wir bereit, dafür zu leisten?

© Markku Ulander/dpa

„Eine Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie niemals in eine Krise gerät, sondern wie sie in schwierigen Zeiten zusammenhält und ob sie sich spalten lässt.“ Mit diesen Worten eröffnete der Leipziger Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann (CDU) seine Rede am Dienstagabend in der historischen Alten Handelsbörse am Leipziger Naschmarkt. Unter dem Titel „Heimat. Sicherheit. Trialog.“ hatte das Mitteldeutsche Institut für Sicherheitsindustrie (MISI e.V.) zu einer Podiumsdiskussion geladen, die den klassischen Rahmen reiner Rüstungspolitik überschreiten sollte.

Es war der erste sogenannte „Trialog“, der Brücken schlagen wollte zwischen Politik, Bundeswehr, Diplomatie, Wissenschaft und der Bevölkerung. Unter dem beeindruckenden Kronleuchter der Börse blieb die Rüstungs- und Wirtschaftselite weitgehend unter sich. Während auf dem Podium über den „Verteidigungswillen des Volkes“ gesprochen wurde, saßen im Saal fast ausschließlich Mitglieder und Pressevertreter. Generalmajor a. D. Markus Kurczyk, der als Vorstand des MISI e.V. durch den Abend führte, fand zum Auftakt deutliche Worte.

Generalmajor a. D. und Afghanistan-Veteran Markus Kurczyk fand deutliche Worte beim Trialog in Leipzig: „Offenheit verlangt auch, die Bedrohung beim Namen zu nennen.“

Generalmajor a. D. und Afghanistan-Veteran Markus Kurczyk fand deutliche Worte beim Trialog in Leipzig: „Offenheit verlangt auch, die Bedrohung beim Namen zu nennen.“

© Thomas Frey/dpa

Hier in Leipzig, wo einst im Herbst 1989 die Freiheit mutig auf der Straße eingefordert wurde, müsse man heute feststellen, dass diese Freiheit im Jahr 2026 unweigerlich mit dem ungeliebten Thema der Aufrüstung verknüpft sei. „Offenheit verlangt auch, die Bedrohung beim Namen zu nennen“, betonte Kurczyk. Die zentrale Frage des Abends lautete: Was sind wir als Staat, als Wirtschaft und als Gesellschaft bereit zu schützen – und was sind wir bereit, dafür zu leisten?

Für Kurczyk steht fest, dass sich ein essenzieller Verteidigungswille nicht einfach über ein Sondervermögen beschaffen lässt. Verteidigung betreffe im Ernstfall weit mehr als nur die Bundeswehr. Sie betreffe Krankenhäuser, Behörden, Verwaltungen und mittelständische Unternehmen, die zu handlungsfähigen, krisenfesten Prozessen vernetzt werden müssten. Wirtschaftliche Interessen, so der Veranstalter, stünden dabei nicht im Vordergrund, sondern die Erfüllung einer gesellschaftlichen Pflicht. Um zu zeigen, wie ein solcher Zusammenhalt in der Praxis aussieht, hatten die Veranstalter einen ganz besonderen Gast auf das Podium geholt: Seine Exzellenz Kai Sauer, den Botschafter der Republik Finnland.

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Für die Skandinavier war der russische Angriffskrieg die finale „Zeitenwende“, die den historischen Nato-Beitritt unweigerlich herbeigeführt habe. Sauer skizzierte ein System, das den deutschen Zuhörern im Saal die eigene, jahrzehntelange Naivität vor Augen führen sollte. Die skandinavische Einstellung nach dem Zweiten Weltkrieg unterscheide sich fundamental von der deutschen: Während in der Bundesrepublik das verständliche Motto herrschte: „Nie wieder Krieg“, galt in Finnland stets: „Nie wieder unvorbereitet.“

Alexander Stubb, finnischer Staatspräsident, stattet der Uusimaa-Brigade einen Inspektionsbesuch ab. Die Einstellung Skandinaviens: „Nie wieder unvorbereitet.“

Alexander Stubb, finnischer Staatspräsident, stattet der Uusimaa-Brigade einen Inspektionsbesuch ab. Die Einstellung Skandinaviens: „Nie wieder unvorbereitet.“

© Antti Aimo-Koivisto/dpa

Der Botschafter gab dem finnischen Modell an diesem Abend bewusst viel Raum, um zu demonstrieren, dass ein wehrhafter Zusammenhalt nicht durch Befehle von oben entsteht, sondern das direkte Ergebnis eines funktionierenden, gerechten Staates ist. Finnland wurde im Jahr 2026 bereits zum neunten Mal in Folge als das glücklichste Land der Welt ausgezeichnet. Und genau hier scheint der Schlüssel zu liegen: Vertrauen in den Staat, eine starke Bildung, soziale Sicherheit, Glück und Resilienz gehören untrennbar zusammen.

Nur ein Bürger, der sich vom Staat geschützt, wertgeschätzt und sozial abgesichert fühlt, entwickelt den Willen, für sein Land „zu kämpfen“. Etwa 80 Prozent der Finnen hätten Umfragen zufolge angegeben, ihr Land im Ernstfall auch dann mit dem Leben zu verteidigen, wenn das Ergebnis ungewiss ist. Für finnische Unternehmen ist diese Mitverantwortung eine Selbstverständlichkeit – dort frage im Krisenfall niemand nach, wer den Aufwand bezahlt. Eine eigene staatliche Behörde koordiniert im Frieden exakt das Zusammenspiel.

Kai Sauer, Botschafter der Republik Finnland, demonstrierte am finnischen Modell, dass Zusammenhalt nicht durch Befehle von oben entsteht.

Kai Sauer, Botschafter der Republik Finnland, demonstrierte am finnischen Modell, dass Zusammenhalt nicht durch Befehle von oben entsteht.

© dts Nachrichtenagentur/imago

Sauer demonstrierte dies anhand einer eindrucksvollen Strukturfolie zur Versorgungssicherheit („Public-private cooperation sectors in security of supply“), die ein Netzwerk aus 40 staatlichen Organisationen und über 1500 privaten Unternehmen abbildet. Ob digitale Infrastruktur, Lebensmittelversorgung, Energie, Transport, Logistik, das Finanzwesen oder die Industrie – das gesamte Land ist permanent vernetzt. Zudem sorgt der bereits 1961 etablierte Nationale Verteidigungslehrgang des Verteidigungsministeriums dafür, dass Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft ein identisches, ressortübergreifendes Verständnis für die umfassende Sicherheit des Landes teilen. Wie weit Deutschland von diesem Zustand entfernt ist, arbeiteten die weiteren Redner schonungslos heraus.

Jens Lehmann sparte dabei nicht mit Selbstkritik: „Auch wir als CDU haben Russland falsch eingeschätzt. Die Folgen müssen wir heute mit erheblichem Aufwand korrigieren.“ Lehmann erinnerte daran, dass sich die Deutschen über Jahrzehnte daran gewöhnt hätten, dass Frieden, Strom und fließendes Wasser eine Selbstverständlichkeit seien. Wie unvorbereitet das Land ist, habe der tagelange Stromausfall in Berlin gezeigt, der die Verwaltung vor logistische Extremsituationen stellte. Lehmann forderte, das Verständnis für die Bundeswehr und das Krisenmanagement bereits an den Schulen zu stärken und die Wirtschaft tiefer in die Sicherheitsaspekte einzubeziehen.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht rechnete Prof. Dr. Stefan Bayer mit den vergangenen drei Jahrzehnten ab. Nach dem Ende des Kalten Krieges habe die Politik jede Form der strategischen Kriegsvorbereitung und der materiellen Unabhängigkeit abgestellt. „Wir als Volkswirte kritisieren das schon lange. Wir haben 30 Jahre schlicht versemmelt, wichtige Entscheidungen zu treffen“, kritisierte Bayer in seinem emotionalen Redebeitrag, ohne sich an Notizen orientieren zu müssen. Nun müsse man mit Hektik nachholen, was man mit Ruhe viel besser gelöst hätte. Ein Soldat könne bei einem Zusammenbruch der zivilen Infrastruktur rein gar nichts tun. Bayer forderte, im Frieden über Attacken auf die Energie- und Ernährungsversorgung nachzudenken: „Wir versichern uns in Deutschland gegen alles, gegen die unwahrscheinlichsten Fälle, die eintreten können, mit tiefster Liebe – nur nicht gegen Wladimir Putin.“

Generalmajor Olaf Rohde, Kommandeur des Ausbildungskommandos des Heeres, berichtete von den akuten Lücken, an deren Schließung die Bundeswehr mit Hochdruck arbeitet – von der Drohnenabwehr bis zu KI-gestützten Führungsmöglichkeiten. Er betonte jedoch den moralischen Unterschied zu Russland: „Bei uns gilt die Führungskultur des Grundgesetzes. Wir werden nicht gegen die Menschenwürde verstoßen. Bei uns steht die Frage im Vordergrund: Warum mache ich das eigentlich? Und nicht nur blindes Draufhauen.“ Man müsse sich aber fragen, was man bereit ist, für die Freiheit zu tun: Er selbst würde sein Leben für sie einsetzen. Die Ukraine zeige täglich, dass es jeden zu jeder Zeit überall treffen kann. Rohde beendete seine Rede mit den Worten: „Sie können darauf vertrauen, dass die Verteidigung Deutschlands funktioniert.“

Debatte als „harmonische Echokammer“

Genau an diesem Punkt zeigte sich jedoch die größte Schwachstelle. Weil kritische Gegenstimmen oder normale Bürger im Publikum nicht vertreten waren, entwickelte sich die Debatte zu einer harmonischen Echokammer. Die drängenden Fragen, die die Menschen draußen auf der Straße real bewegen und die für einen „Zusammenhalt“ wichtig wären, wurden im Saal schlicht nicht gestellt. Für den journalistischen Beobachter drängt sich dadurch der Einwand auf, wie diese „Verteidigungs-Theorien“ mit der realen Stimmung im Land zusammenpassen. Denn die Wahrheit sieht in Deutschland im Jahr 2026 völlig anders aus: Das Vertrauen der Bürger in den eigenen Staat und seine Institutionen hat massiv gelitten.

Die vom finnischen Botschafter beschriebene Wehrhaftigkeit setzt zwingend voraus, dass diese Heimat vom Staat auch im Alltag spürbar geschützt wird. Wenn die Menschen jedoch erleben, dass die Politik nicht einmal mehr in der Lage ist, die elementare innere Sicherheit auf den Straßen und Schulhöfen zu gewährleisten – wenn Jugendliche von Migrantengruppen zusammengetreten werden und die Behörden darauf lediglich mit runden Tischen und folgenlosen „Gesprächen“ reagieren –, schwindet die Basis für jeden kollektiven Verteidigungswillen.

Wenn zudem die explodierenden Kosten für Energie und Sprit die eigene Existenz erdrücken, während die Konten leer bleiben, verschieben sich die Prioritäten. Für viele Bürger stellt sich die Frage, wofür sie im Ernstfall ihr Leben riskieren sollen und ob die permanente Warnung vor einem russischen Angriff auf die Nato nicht eine politische Inszenierung ist. Diese Skepsis aus der Bevölkerung deckt sich mit der Position des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW). Nico Rudolph, BSW-Sprecher für Frieden, Europa und Ostdeutschland, findet auf Nachfrage deutliche Worte für den Abend in der Alten Börse: „Natürlich bestimmen wirtschaftliche Interessen im Hintergrund maßgeblich die bundespolitische Ausrichtung und die gesamtgesellschaftliche Debatte in diesem Feld.“

Im Rüstungssektor ließen sich gerade in den letzten Jahren enorme Gewinne in hohen Milliardenbeträgen erzielen. Dies treffe laut Rudolph umso mehr vor dem Hintergrund des bundespolitischen Aufrüstungskurses hinsichtlich einer vermeintlichen „Kriegstüchtigkeit“ zu. Sein Vorwurf an die Bundespolitik: „Wenn ein gesellschaftliches Klima der Angst geschaffen wird – wir sehen das etwa in den haltlosen Behauptungen, Russland wolle perspektivisch Nato-Staaten angreifen –, wird die Gesellschaft im Kern dazu gebracht, hohe Ausgaben für Rüstungsgüter ohne lauten Protest zu tolerieren.“

Der Abend in Leipzig hat vor allem eines gezeigt: Die oft genannte „Zeitenwende“ ist im Jahr 2026 längst an einer Kreuzung angekommen. Sie wird sich nicht in den Depots der Rüstungsindustrie entscheiden, sondern an der Frage, ob der Staat das verloren gegangene Vertrauen seiner eigenen Bürger zurückgewinnen kann. Denn ohne soziale Gerechtigkeit, innere Sicherheit im Alltag und einen funktionierenden Rechtsstaat bleibt jede Debatte über den Wehrwillen eine reine Elitendebatte am echten Leben vorbei. Womöglich kann das skandinavische Erfolgsrezept aus sozialem Glück und staatlicher Verlässlichkeit uns Deutsche in dieser dunklen Debatte ja doch noch ein wenig erleuchten.

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